Weder Bestie noch Kuscheltier

Das aufregende Leben der Grizzlybären

Um Bären ranken sich abenteuerliche Legenden und filmreife Schauergeschichten. Nicht zuletzt deshalb wurden die Großraubtiere in Deutschland schon vor langer Zeit ausgerottet. Andererseits geht kaum ein Kleinkind ohne seinen Teddy ins Bett. Unser Verhältnis zu Bären ist also ziemlich vielschichtig - genauso wie der Alltag der Grizzlybären in Alaska.

Kieling dreht Grizzlys aus einem Boot
Kieling dreht Grizzlys aus einem Boot Quelle: ZDF

Ungefähr 30.000 Grizzlybären gibt es in der Wildnis Alaskas. Ihr Fell ist manchmal gräulich (englisch "grizzly"), oft weist es unterschiedliche Braunschattierungen auf, von Gelbbraun bis Schwarzbraun. Als "Grizzly" wird generell die in Nordamerika lebende Unterart des Braunbären bezeichnet, des Ursus arctos horribilis.

Besser als ihr Ruf

Der Mensch hat guten Grund, die mächtigen Raubtiere zu fürchten. Denn wenn es zur Konfrontation mit ihnen kommt, sind Fluchtversuche aussichtslos: Bis zu 60 Kilometer pro Stunde schnell kann der "schreckliche Bär des Nordens" werden, und das bei einem äußerst massigen Körperbau. In Alaska bringen Braunbären bis zu 600 Kilogramm auf die Waage. Allein ihre Größe ist angsteinflößend. Und doch haben sie zu Unrecht einen Ruf als aggressive Killer. Denn Braunbären sind Allesfresser, Fleisch macht nur ein Fünftel ihrer Nahrung aus, der überwiegende Teil besteht aus Fisch, Insekten und Pflanzen.

Grizzlys fangen Lachse in einem Wasserfall
Grizzlys auf Lachsfang in Wasserfall Quelle: ZDF

Die Fähigkeiten der Grizzlys machen uns staunen: Sie sind sehr intelligent und findig, vor allem wenn es darum geht, sich in einer unwirtlichen Umgebung ständig neue Nahrungsquellen zu erschließen. Ihre unstillbare Neugier ist sogar wissenschaftlich belegt: In Tests untersuchen Bären unbekannte Objekte viel länger und eingehender als unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen.

Die Kunst des Überwinterns

Beharrlichkeit und erstaunliche Geschicklichkeit bei der Nahrungssuche sind für die Bären überlebensnotwendig. Ihr Leben gleicht einer steten Jagd nach Futter. Denn im Wettlauf mit den Jahreszeiten bleiben den Bären nur wenige Monate, um sich satt zu fressen - der Winter in Alaska ist lang und bitter kalt. Über den kurzen Sommer kommt es darauf an, ausreichend Fettreserven anzulegen und wenigstens 100 Kilogramm zuzunehmen.

Ungefähr 60 Prozent seines Lebens verbringt ein Grizzly in der Winterruhe, zusammengerollt in seiner Höhle. Seine Körpertemperatur sinkt dabei ab, der Herzschlag verlangsamt sich von 50 Schlägen pro Minute auf etwa zehn. Die Stoffwechselrate geht um die Hälfte zurück, die Bären fressen nicht, trinken nicht und produzieren keine Ausscheidungen. Dennoch verbraucht ein Bär während der Schlummermonate etwa eine Million Kilokalorien - so viel wie drei Menschen im gleichen Zeitraum. Ohne diesen hohen Kalorienumsatz wäre er kaum in der Lage, im Frühjahr erfolgreich auf Nahrungssuche zu gehen, und Bärinnen könnten ihre Jungen nicht zur Welt bringen.

Schlafforschung

Vieles an dieser Winterruhe ist für die Wissenschaft noch ein Rätsel, zum Beispiel, wie es den Bären gelingt, bei monatelanger Bewegungslosigkeit Muskeln und Knochen funktionsfähig zu halten. Bei bettlägerigen Menschen würden sich in der gleichen Zeit etwa 90 Prozent der Muskeln abbauen. Der Trick der Bären: Ihr Stoffwechsel stellt auf Recycling-Modus um, das heißt, aus den "Abfallprodukten" des Stoffwechsels werden neue Proteine generiert. Dadurch bleibt die Muskelmasse mehr oder weniger konstant.

Familienleben

Im Juni und Juli ist die Paarungszeit der Bären, doch erst Monate später, mit der Winterruhe im November und Dezember, beginnen sich die Embryos zu entwickeln. Nach nur zweimonatiger Tragezeit, im Januar oder Februar, kommen zwischen einem und drei Bärenjungen zur Welt. Sie sind mit circa 500 Gramm die kleinsten Tierbabys in Relation zu ihrer Mutter. Weil sie mit extrem fettreicher Milch gesäugt werden, können sie ihr Gewicht noch in der Höhle verfünfzehnfachen.

Dann werden die Tage wieder länger. Was die Nachricht vom Frühjahr in die Bärenhöhle trägt, ist bis heute ein Rätsel. Die Kleinen bleiben zwei bis drei Jahre bei ihrer Mutter, um alle Bärentricks von ihr zu lernen. Die Bärin, die durch die Winterruhe und das Säugen fast die Hälfte ihres Gewichts verloren hat, braucht Monate, um wieder zuzunehmen. In den Frühlingsmonaten ist es für die ausgehungerten Tiere schwer, sich über die Runden zu bringen. Das Nahrungsangebot ist spärlich.

Zwei junge Grizzlys spielen miteinander
Zwei junge Grizzlys Quelle: ZDF

Grizzlys im Schlaraffenland

Erst im Sommer brechen für die Bären wieder fettere Zeiten an. Ein einzigartiges Naturspektakel steht bevor: die Rückkehr der Lachse. Im Juli wandern an die 50 Millionen aus dem Pazifik zu ihren Laichgründen in Alaskas Flüssen. Nun können die leeren Energiespeicher wieder aufgefüllt werden. Der fettreiche Lachs ist genau das richtige Kraftfutter für den Grizzly, um sich für den Winter ein dickes Polster anzufressen. An einem einzigen Tag kann ein Grizzly bis zu 50 Lachse fressen und dabei über vier Kilogramm zunehmen - jeder einzelne Fisch ein Eiweißpaket mit 4000 Kalorien.

Bär mit gefangenem Lachs Quelle: ZDF


Diese Zeit wie im Schlaraffenland ist für die Grizzlys überlebenswichtig. Sie finden sich zur richtigen Zeit an den besten Fischgründen ein. Aggressionen sind programmiert, denn normalerweise sind die Tiere Einzelgänger. Mit Ankunft der ersten Lachse sind sie noch nicht wählerisch und fressen die Fische komplett. Später suchen sich die Bären nur noch die fettreichsten Teile aus, besonders gern die Delikatessen: Hirn, Haut und Kaviar. Dadurch füllen sie die Fettspeicher viel effektiver.

Showdown am Brooks River

Bär fängt Lachs Quelle: ZDF


Die Lachse, die auf ihrem Weg zu den Laichgründen Tausende von Kilometern zurücklegen, bringen enorme Energiereserven in die Flüsse zurück. Viele allerdings werden ihr Ziel nicht erreichen. An natürlichen Barrieren wie Stromschnellen und Wasserfällen kommt es zum "Showdown". Auf dem Höhepunkt ihrer Wanderung versuchen 400 Lachse jede Minute, die Brooks Falls im Katmai National Park stromaufwärts springend zu überwinden - und werden von den Bären schon erwartet. Unterschiedliche Fangstrategien haben sich hier bewährt. Manche Tiere stellen sich einfach hin und warten, bis ihnen ein Lachs direkt in den Schlund springt! Die weltweit größte Lachswanderung bringt in Alaska die schwersten Braunbären der Erde hervor.

Zwei Grizzlys streiten am Flussufer um einen Lachs
Zwei Grizzlys streiten um Lachs Quelle: ZDF

Im September ist es vorbei mit der Völlerei. Die Bären müssen die Lachsflüsse verlassen und neue Futterquellen auftun werden. Im Herbst stehen vor allem Früchte auf der Speisekarte. 70.000 Beeren kann ein Grizzly am Tag fressen, verbreitet so deren Samen und holt sich einen kräftigen Kalorienschub. Alle verfügbaren Ressourcen müssen genutzt werden, denn erst eine Million Kalorien sichern das Überleben der Grizzlybären im kommenden Winter.

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