Weich wie Fels

Gletscher sind fest und flexibel zugleich

Eis erscheint uns als ein undurchdringlicher Stoff: steif, starr und lebensfeindlich. Doch das gefrorene Wasser ist ständig in Bewegung. Gletscher können sich fortbewegen. Um mehr über diese geheimnisvollen Eismassen zu erfahren, müssen Wissenschaftler weit in die Gletscher vordringen.

Svartisen Gletscher Quelle: ZDF

Die Forscherin Miriam Jackson vom norwegischen Amt für Wasser- und Energieressourcen hat sich mit ihrem Team einen Weg weit in den Bauch des Svartisen Gletschers gebahnt. Am Grund des Eisschildes, unter einer etwa 200 Meter dicken Eisschicht, haben die Wissenschaftler mithilfe von viel heißem Wasser ein Eislabor errichtet. Wer hier seine Arbeit fertig bekommen will, muss sich allerdings beeilen. Das Eis schiebt die Höhle beharrlich wieder zu.

Gletscher schmirgeln das Land zurecht

Nur hier, auf dem Boden des Gletschers, kann man sehen, wie sich das Eis bewegt und wieso es in der Lage ist, sich durch massiven Fels zu fräsen. Zunächst ist das Gletschereis sehr rein, dann wird es, etwa einen Meter über dem Boden, plötzlich schmutzig. Denn der Gletscher nimmt Sedimente vom Boden auf. Selbst Kiesel oder größere Steine werden mitgerissen und schaben am Boden entlang. Manche Gletscher bewegen Felsen von der Größe eines Hauses. Der Gletscher wirkt wie riesiges Sandpapier, das alles wegschmirgelt - sogar den Fels. Nicht das Eis selbst formt die Landschaft, sondern das Geröll, das es mit sich reißt.

Wassertasche im Eis Quelle: ZDF

Doch warum kann sich ein Gletscher überhaupt fortbewegen, angesichts der festen Konsistenz des Eises? Miriam Jackson machte eine Entdeckung, die eine Erklärung liefert, warum etwas so Festes wie Eis fließen und sich verbiegen kann: Wassertaschen, Löcher im Eis, die mit flüssigem Wasser gefüllt sind. Durch sie ist das Eis weniger spröde und kann sich um Hindernisse in der Landschaft herumbiegen. Diese Wassereinschlüsse waren bislang unbekannt. Es gibt sie nur am Grund des Gletschers, in der Nähe des so genannten Gletscherbettes. Wieso das in ihnen enthaltene Wasser nicht gefriert, ist allerdings noch ungewiss.

Grönlands Sorgen-Gletscher

Unklar ist auch, inwiefern sich der Jakobshaven-Gletscher verändern wird, den der Klimatologe Konnie Steffen von der Universität Colorado erforscht. Der Gletscher breitet sich an der Westküste Grönlands aus, der Insel mit dem zweitgrößten Eisschild nach der Antarktis. Konnie Steffen forscht hier seit mehr als 30 Jahren. Der Gletscher ist ins Visier der Forscher geraten, als es darum ging zu verstehen, was mit dem Eis der Welt in Zeiten globaler Erwärmung geschieht.

Jakobshaven-Gletscher Quelle: ZDF

Denn auch der Jakobshaven-Gletscher bewegt sich - und zwar Richtung Ozean. Das Klima wird wärmer, das Eis schmilzt schneller. Zuerst waren es ein paar Prozent, dann zehn Prozent und nun ist es in extrem heißen Sommern schon 80 Prozent schneller. Dabei produziert das Eis große Mengen Süßwasser.

Geheimnisvolle Gletschermühlen

Schmelzwasserkanal Quelle: ZDF

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Konnie Steffen und seinem Team stehen derzeit die so genannten Gletschermühlen, durch Schmelzwasser geschaffene Hohlräume und Kanäle im Eis. Wie groß sie sind, wie weit vezweigt und wie viel Wasser die größtenteils unterirdischen Systeme führen, weiß niemand.



Um herauszufinden, wie es im Inneren einer Gletschermühle zugeht, untersucht Konnie Steffen ein besonders großes Exemplar. Eine kälte- und wasserfeste Kamera der NASA, die eigentlich für den Einsatz auf Eisplaneten entwickelt wurde, entdeckt Schmelzwasser in 90 Metern Tiefe. Die Untersuchung beweist: Der Gletscher ist von schnell fließenden Flüssen und Bachläufen durchsetzt.

Technik ist noch nicht so weit

Ob diese Gewässer den Grund des Gletschers erreichen, bleibt unklar. Hier könnte nur eine mobile Kamera, die eigenständig Hindernisse überwindet, Licht ins Dunkel bringen - doch die muss erst noch entwickelt werden. Dann kann auch geklärt werden, inwiefern die Gletschermühlen zur Schmelze beitragen.

Die Entwicklung des grönländischen Eisschildes ist alarmierend. Noch bis zum Jahr 1997 war der Gletscher vergleichsweise stabil, aber in den vergangenen zehn Jahren veränderte sich sein Zustand dramatisch. Über zehn Kilometer Gletscher verschwanden in den vergangenen zehn Jahren. Aus dem All kann man erkennen, wie schnell der Jacobshavn-Gletscher abfließt.

Kartierung Jacobshavn-Gletscher Quelle: ZDF

Der "schnellste" Gletscher der Welt

Heute bewegt er sich 40 Meter pro Tag voran und ist damit der "schnellste Gletscher" weltweit. Wissenschaftler kartieren Grönlands Eisschild seit Jahren mit großer Sorgfalt und machten eine dramatische Entdeckung. Während die Sommerschmelze 1992 noch sehr gering war und nur die Ränder des Gletschers betraf, hatte sich die Schmelzzone bis 2005 enorm verbreitert.

Ob diese Entwicklung so weiter verläuft, kann nur vermutet werden. Um weitere Vorhersagen zur Wanderung und Schmelze von Gletschern treffen zu können, braucht es Wissenschaftler wie Miriam Jackson und Konnie Steffen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet