"Weißes Gold" vom Meeresgrund

Die Geschichte der Dschunke "Lena"

Vor der Küste der Philippinen sucht der Unterwasser-Archäologe Franck Goddio und seine Crew nach dem Wrack einer spanischen Galeone aus dem 18. Jahrhundert. Was er findet ist aber eine chinesische Dschunke.

Die Region ist eine wissenschaftliche Goldgrube. Elf Wracks hat Franck Goddio dort bereits aufgespürt. Eine seiner spektakulärsten Entdeckungen ist die Dschunke "Lena", benannt nach dem Riff, das ihr zum Verhängnis wurde.

Illegaler Porzellanverkauf






Als die Profitaucher 1996 den ersten Abstieg vorbereiten, wissen sie nicht, was sie erwartet. Denn nicht Goddio und sein Team, sondern Fischer haben bereits die "Lena" auf dem Meeresgrund ausgemacht. Die Einheimischen erbeuteten wertvolles Porzellan, das sie illegal verkaufen wollten. Doch die Küstenwache stoppt die Aktion. Schließlich beauftragt die philippinische Regierung den französischen Archäologen, das Wrack zu untersuchen und mögliche Schätze zu sichern.

Unter Korallen und Sand finden die Archäologen 5000 gut erhaltene Objekte. Edles Porzellan, verziert mit feinsten Mustern, hergestellt vor etwa 500 Jahren. Darunter auch eine zierliche Wasserkanne in Form eines Entenpaares - im alten China ein Symbol ehelicher Treue.




Schlüssel zur Datierung

Die Fracht ist demnach der Schlüssel zur Geschichte der "Lena". Das Dekor auf dem Porzellan erlaubt den Forschern sogar eine zeitliche Einordnung. Ihre Datierung fällt auf 1490. Vermutlich im Dezember schaffen die Matrosen die feine Keramik in den Bauch der Dschunke. Denn um die Jahreswende setzen die günstigen Nordost-Winde ein, die das Schiff nach Süden treiben sollen.



Der Eigner persönlich erstellt die Ladeliste. Bis zum letzten Hohlraum lässt er den Segler füllen. Um Platz zu sparen, verstauen die Seeleute einen Teil der Ware auch ohne Verpackung. Vor allem das Geschirr findet in Persien und im Vorderen Orient reißenden Absatz. Für den Reeder ein lohnendes Geschäft. Aber auch ein hohes Risiko, schließlich sind seine Transaktionen illegal. Privater Überseehandel ist in China Ende des 15. Jahrhunderts streng verboten. So bleibt nur der Schmuggel. In jenen Tagen blüht das Gewerbe der Hehler. Besonders, weil Unternehmer und Beamte des Kaisers gemeinsame Sache machen.

Schicksalsfahrt

Sechs Monate lang fährt die Dschunke "Lena" von Hafen zu Hafen - quer über das Südchinesische Meer. Erst wenn im Mai die Monsun-Winde aus Süden einsetzen, kehrt sie unter vollen Segeln in die Heimat zurück. Auf ihrer Schicksalsfahrt hält der Kapitän der "Lena" Kurs Südwest. In Malakka warten Zwischenhändler auf die Ladung. Sie sollen den Weitertransport zu zahlungskräftigen Kunden im Orient übernehmen. Zunächst verläuft die Fahrt nach Plan. Doch plötzlich muss das Schiff abdrehen. Vermutlich überraschte ein Taifun den Segler. Die Crew hat offensichtlich versucht, dem Sturm in Richtung Nordosten auszuweichen und zurück nach China zu kommen. Vor den Philippinen wurde der "Lena" ein Riff zum Verhängnis.



Die Überreste des Rumpfes mitsamt der Ladung ist für die Forscher wie ein Logbuch der letzten Reise. Auf den gut erhaltenen Holzplanken erkennen die Taucher noch die Abdrücke des damals dort gelagerten Porzellans. Unversehrt blieben chinesische Dosen mit dem typischen Dekor in Kobaltblau: wahrscheinlich Auftragsarbeiten für Abnehmer in Südostasien. Ein Allroundgefäß zur Aufbewahrung von Kämmen, Gewürzen oder auch winzigen Schmuckkästchen aus lackiertem Holz. Besonders gefragt: Seladone - grün glasierte Steingutware. Genauso wie Elfenbeinzähne aus Thailand oder Sumatra. Die Fundstücke machen deutlich, welche Häfen zur festen Verkaufstour der Dschunke gehörten.

Rekonstruktion des Weges

Die Muster geben Auskunft über die jeweilige Manufaktur. Das blau bemalte Tafelgeschirr stammt aus einer privaten Brennerei in Südchina. Eine grün-weiße Wasserkanne hingegen aus Annam, dem heutigen Vietnam. Die Objekte erlauben Franck Goddio eine Rekonstruktion des Weges, den das voll beladene Schiff vor seinem Untergang genommen hat. Nach einem Zwischenstopp in Südchina läuft die "Lena" Annam und Siam an. Ungeklärt ist, wie viele Seemeilen sie Richtung Malakka zurücklegt, bevor sie umkehrt.

Immerhin 5000 Objekte - einzeln verzeichnet und sorgfältig verpackt - bringen Goddios Mitarbeiter in Sicherheit. Die nächste Station für das "weiße Gold" vom Meeresgrund ist ein gut bewachtes Lagerhaus in Manila. Weil die untergegangene Dschunke in den Hoheitsgewässern der Philippinen liegt, hat das Nationalmuseum erstes Zugriffsrecht auf den gehobenen Schatz. Es wird noch Jahre dauern, bis jedes Stück gereinigt, datiert und im Abschlussbericht aufgeführt ist.

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