Wendepunkt Waterloo

Der Zufall entscheidet

1812 zieht Napoleon gegen Russland. Als Moskau vor seinen Augen brennt, scheint er den Wendepunkt seiner Karriere erreicht zu haben. Doch der Feldzug entscheidet sich nicht erst in Moskau. Schon als die gigantische Streitmacht aufbricht, ist sie verloren.

Auf einem Soldatenfriedhof im litauischen Vilnius findet man Spuren des Untergangs der bis dahin größten Armee der Weltgeschichte. 600.000 Soldaten sollten Russland für ihren Kaiser Napoleon erobern. In Säcken lagern hier die Überreste tausender Toter. Opfer seiner Weltmachtsphantasie. Fast ein Drittel der Soldaten übersteht nicht einmal den Anmarsch: Sie sterben vor Hunger oder Durst oder desertieren. Viel zu spät hat Napoleon den Rückzug befohlen. Mitten hinein in den russischen Winter - Selbstmord einer großen Armee.

Ungeheurer Todeskampf

Zufällig entdecken Bauarbeiter im Herbst 2001 Menschen-Knochen von über 3000 Leichen im Erdreich von Vilnius. Ein Massengrab französischer Soldaten, die durch Litauen marschierten. Die Skelette sind in erstaunlich gutem Zustand. Dicht aneinandergedrängt und scheinbar unverletzt, wurden die Soldaten offenbar eiligst verscharrt. Wissenschaftler lesen aus den Knochenfunden die Geschichte des Untergangs des französischen Invasionsheeres. Die Skeletteile weisen Spuren von Unterernährung auf - und Infektionskrankheiten: Spuren eines ungeheuren Todeskampfes.

Der Befehlshaber der zum Tode Verdammten hat nur sein eigenes Schicksal im Sinn. Napoleon, den die Propaganda immer noch umringt von jubelnden Soldaten zeigt, lässt von der Front verkünden: "Der Gesundheit seiner Majestät ging es nie besser." Als Feldherr gescheitert, als Herrscher gestürzt wird Napoleon zum ersten Mal ins Exil auf die Mittelmeerinsel Elba getrieben. Zu nah an Frankreich, denn er kehrt zurück - die Schwäche der neuen Herrscher eiskalt ausnutzend. Noch einmal gewinnt er die Armee für sich. Die Einheiten, die seinen Marsch auf Paris stoppen sollen, laufen über. "Bis Grenoble war ich ein Abenteurer", sagt er, "dort wurde ich wieder ein Souverän."

Europas Hauptfeind Nummer eins

Die Hügel um das belgische Dorf Waterloo entscheiden sein Schicksal. Hier setzt er alles auf eine Karte und sucht die Entscheidungsschlacht. England und Preußen haben ihm sofort den Krieg erklärt. Der Kaiser ist jetzt endgültig als Europas Hauptfeind Nummer eins gebrandmarkt. Wie immer ergreift er die Initiative. Doch diesmal verpasst er den besten Zeitpunkt für die Attacke. Die Engländer zwangen ihn zum Frontal-Angriff - bergauf. Noch einmal bringt er hier den Feind an den Rand der Niederlage.

Der Zufall entscheidet alles. Die preußische Armee verstärkt im letzten Augenblick die englischen Truppen. Napoleon glaubte sie vernichtet. Ein fataler Irrtum. Napoleon ist zum endgültigen Rückzug gezwungen. Waterloo besiegelt seinen endgültigen Sturz ins Nichts. "Ich kann den Verlust der Schlacht bei Waterloo nicht begreifen! Das Schicksal hat gewollt, daß ich sie verlor!" In seinen Memoiren feiert er unablässig seine Siege. Die Niederlagen quälen ihn - bis zuletzt. "Hätte ich in Moskau den Tod gefunden, dann besäße ich den Ruf, ein Eroberer ohne Beispiel zu sein".

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