Wendepunkt Wien

Militärische Niederlage leitet Schrumpfungs-Prozess ein

Für die Umsetzung der Großmachtpolitik steht ein Instrument zur Verfügung, das allen Gegnern überlegen ist: eine straff organisierte Armee mit ihren Eliteeinheiten. Die Expansionspläne scheitern erstmals 1683 vor Wien.

Die besondere Stärke der Osmanen sind die berittenen Bogenschützen, die Spahis genannt werden. Ihre Spezialität ist es, freihändig zu reiten und über den Rücken des Pferdes zu schießen. Niemand konnte wie sie mit Pfeil und Bogen umgehen.

Gefürchtete Janitscharen

Auch als es schon längst Feuerwaffen gab, griffen die Spahis noch zum Bogen - denn er war viel schneller zu handhaben als ein Gewehr, das umständlich mit Pulver, einer Bleikugel und Baumwolle gestopft werden musste. Nicht nur die Bogenschützen - auch eine andere Einheit der Osmanischen Armee war überall gefürchtet: die Janitscharen. Ihren Nachwuchs rekrutierte die Elitetruppe unter christlichen Familien auf dem Balkan. "Knabenlese" nannte man diesen organisierten Kindsraub. Tausende von Jungen im heutigen Serbien und Rumänien wurden so in die Osmanische Armee gepresst.



Trotzdem war gerade diese Truppe für ihre Loyalität berühmt. Denn harter Drill und die Aussicht auf eine große Karriere machte im Lauf der Jahre aus geraubten Kindern eingeschworene Kämpfer für die Herrscher am Bosporus. Im Gegensatz zu anderen christlichen Untertanen des Sultans mussten die Janitscharen zum islamischen Glauben übertreten. Jahrhunderte lang galten sie als die modernste und schlagkräftigste Armee der Welt.

Symbolträchtige Trophäe

Unaufhaltsam schieben die Sultane seit dem 15. Jahrhundert ihre Herrschaft von Konstantinopel aus immer weiter nach Westen vor. Bulgarien, Rumänien, Griechenland, Serbien, Ungarn - Stationen auf einem Siegeszug, an dessen Ende eine symbolträchtige Trophäe winkt: Wien, die Residenz der Deutschen Kaiser. Am 15. Juli 1683 steht die osmanische Armee vor der Metropole an der Donau. General Kara Mustafa ist mit 300.000 Mann angerückt. Im Vertrauen auf seine erdrückende Übermacht lässt er sich Zeit. Wien muss früher oder später fallen.

Die Belagerung beginnt. Unter dem Dauerbombardement der Geschütze und dem massiven Einsatz von Sprengstoff bröckeln die Festungsanlagen der Stadt. Nur 10.000 Verteidiger kann Wien aufbieten. Trotzdem gelingt es ihnen, die großen Breschen in der Mauer Tage lang gegen die Janitscharen zu verteidigen. Denn die Attacken werden nur von wenigen Soldaten geführt. Der osmanische General ist überzeugt, dass die Stadt bald kapituliert und will deshalb die Armee des Sultans schonen: eine fatale Fehlentscheidung.

Schwerste Niederlage

Ohne es zu ahnen gibt er einer deutsch-polnischen Armee Zeit, den Wienern zu Hilfe zu eilen. Der Angriff trifft die osmanische Armee unvorbereitet. Obwohl sie ihrem Gegner dreifach überlegen ist, wird sie geschlagen. Der größte Teil flieht. Was zum großen Triumph werden sollte, geht als die bis dahin schwerste Niederlage der Türken in die Geschichte ein. Wien und Europa sind noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen.


Die Türken haben aber nicht nur Schrecken und Verwüstung hinterlassen - sondern auch ein paar nette Geschenke. Zum Beispiel Kaffee. Denn bei ihrer Flucht ließen sie säckeweise Kaffeebohnen zurück. Die Wiener hielten das zunächst für ein Kamelfutter. Aber ein gewisser Herr Kolschitzky kam dann auf die Idee, daraus Mokka zu brauen. Das war die Geburtsstunde des Kaffeehauses. Und bald fand ganz Europa Gefallen an dem schwarzen "Türkentrank". Ein Bäcker hatte dann noch eine glänzende Idee: er formte aus Teig den osmanischen Halbmond. Auf Französisch: Croissant. Kaffee und Croissants eroberten ganz Europa.

Insignien der Macht

Militärisch sah es für die Türken schlecht aus. Seit der Niederlage vor Wien schrumpfte das Osmanische Reich kontinuierlich. Manche Historiker glauben, dass der Einfluss der Religion zu groß sei. Wenn ein Sultan den Thron besteigt, legt er zwei Insignien der Macht an: Den Gürtel Osmans und das Schwert des Propheten. Die Waffe symbolisiert die Rolle des Sultans als Beschützer des Islam. Er hat das Amt des Kalifen inne. So heißen die offiziellen Nachfolger des Propheten Mohammed.

Die Einheit von Politik und Religion wurde in Europa in der Neuzeit aufgegeben. Im Osmanischen Reich blieb sie bis ins 20. Jahrhundert bestehen. Die Pracht der Blauen Moschee in Istanbul zeugt von Bedeutung und Einfluss des Islam im Imperium der Sultane. Heute gilt in der Türkei die Trennung von Staat und Religion, aber im Osmanischen Reich beherrschte der Islam die gesamte Kultur. Weil der Koran die Abbildung von Mensch und Tier verbietet, sind Moscheen ausschließlich mit Ornamenten geschmückt. Für die Kunst konnte der Koran fruchtbar gemacht werden, für Wissenschaft und Technik sind seine Vorschriften eher hinderlich.

Verschwenderische Pracht

Die Herrscher im Topkapi-Palast sind sich noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht bewusst, dass sie in einer überlebten Traumwelt regieren. Sie feiern Feste voll verschwenderischer Pracht. An hohen Feiertagen bewirtet der Sultan 15.000 Gäste. Ein ganzes Heer von Artisten und Gauklern dient der Unterhaltung der Gesellschaft.

Ausländische Diplomaten folgen gern der Einladung des Sultans. In ihren Berichten spiegelt sich der Blick der Europäer auf eine Welt, die keine Bedrohung mehr ist, sondern durch ihre exotische Fremdheit bezaubert. Begeistert erzählen die Gesandten von erlesenen Kostbarkeiten aus den Schatzkammern der Sultane, von den schönsten Edelsteinen und größten Diamanten der Welt. Doch die politische Wirklichkeit ist alles andere als glänzend.

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