Wendepunkte in Kusch

Abschaffung der Königsmorde und Aufstieg der Kandaken

Die Zeit von Amanishakheto, der mächtigen Frau im Amt des Gottkönigs, ist ein Wendepunkt in der Geschichte von Kusch, der Forschern Rätsel aufgibt. Vor allem, da weder sie noch andere Königinnen, die um die Zeitenwende regierten, auf dem nahen Friedhof von Napata begraben liegen.

Ermordete Priester Quelle: ZDF

Über Jahrhunderte diente das Areal als königliche Nekropole. Dort ruhten ausschließlich männliche Herrscher und ihre Mütter - wie auch die Kandake Qalhata aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Nach ägyptischem Brauch illustrieren die Wandbilder ihrer Grabkammer die gefahrvolle Reise der Verstorbenen. Sie führt durch die Unterwelt in die ewigen Gefilde. Im 3. Jahrhundert vor Christus jedoch wurde der Friedhof von Napata plötzlich aufgegeben. Zur gleichen Zeit endete in Kusch eine grausame Sitte: der Königsmord.

Priester gibt Gift an König Quelle: ZDF

Willkür der Priester

Bis dahin beschlossen die Priester, wann der König sterben musste. Zeigte er Schwächen wie Krankheit oder Vergreisung, befragten sie das Orakel. Die frommen Männer wussten die vermeintlichen Zeichen des Himmels in ihrem Sinn zu deuten. Und sie kannten die Wirkung von Giftpflanzen. Hielten die mächtigen Gottesdiener die Zeit für gekommen, verkündeten sie das Todesurteil. Generationen von Herrschern unterwarfen sich der Willkür der Priester, die so unliebsame Staatsmänner aus dem Weg schafften. Wie der Grieche Diodor berichtet, ließen die Könige ihr Leben "allein durch ihren Aberglauben betört".

König Ergamenes jedoch ließ sich von den Priestern keine Vorschriften machen. Er nahm das schicksalhafte Urteil nicht an und ignorierte den Orakelspruch. Der Monarch, der seine Bildung in Griechenland empfangen haben soll, durchschaute das politische Ränkespiel und drehte den Spieß um. Ohne zu zögern schickte er seine Getreuen in den heiligen Tempelbezirk mit dem Auftrag, sämtliche Priester zu töten. Das außergewöhnliche Ereignis könnte der Grund dafür sein, dass der Herrscher den Friedhof von Napata aufgab und in Meroe für die Könige einen neuen Begräbnisplatz einrichtete. Zumindest gehört das älteste Grabmal dort dem machtbewussten Ergamenes. Mit seiner kühnen Tat läutete der Herrscher eine neue Ära ein.

König Ergamenes Quelle: ZDF

Neuer Reichsgott

Die Verlegung von Napata nach Meroe kommt einer Machtbeschneidung der Amun-Priester gleich. In der Epoche von Napata, also vor dem Ereignis, war die Tradition sehr ägyptisch. Danach befreite sie sich immer mehr und wurde eigenständig afrikanisch. Das erklärt vielleicht, warum die Königinnen so rasch an Macht gewannen. Spätestens seit Amanishakheto im 1. Jahrhundert vor Christus durften sich auch Kandaken mit der Doppelfederkrone schmücken. Und als weibliche Regenten den ehrwürdigen Titel "Qore" tragen. Der einheimische Löwengott Apedemak, den die Ägypter nicht kannten, gewann an Bedeutung. Seine Anhänger bauten ihm eigene Tempel. Als neuer Reichsgott führte er die Prozession der Unsterblichen an.

Als Löwe mit drei Köpfen berührt er das Königspaar am Ellbogen. Die göttliche Geste des auserwählens stand bis dahin nur Amun zu. Auch die Bildsprache ändert sich. Sie folgt schwarzafrikanischem Schönheitsideal. Die üppige Herrscherin hat lange, spitze Fingernägel - wie Raubtierkrallen. Der Beweis, dass sie als leibliche Tochter des Löwengottes Apedemak geboren wurde. In jener Epoche entsteht eine eigene Schrift aus Hieroglyphen und kursiven Zeichen. Für die Kuschiten ein entscheidender Schritt, um sich vom ägyptischen Einfluss zu befreien. Seit dem dritten Jahrhundert vor Christus bestiegen mindestens zehn Kandaken den Horusthron. Die Frauenpower-Ära von Meroe.

Wandmalerei Dreiköpfiger Löwe Quelle: ZDF

Mysteriöses Motiv

Stele mit Königin und Mann dahinter Quelle: ZDF

Als erste Frau im Staat genoss die Qore höchstes Ansehen. Fraglich bleibt aber, ob sie allein regierte. In einer der Grabanlagen von Meroe entdeckten Forscher ein Objekt, über das die Fachwelt spricht. Es geht um die Stele der ersten meroitischen Königin Shanakdakheto mit einem Mann, der hinter ihr steht. Die afrikanische Schönheit erscheint im Ornat der Regentin. Der männliche Begleiter, dem jegliche Königsattribute fehlen, fasst an ihre Krone - eine mysteriöse Szene. Amanishakheto ist in ihrer Pyramide ähnlich dargestellt. Hinter ihr steht ebenfalls ein Mann, der ihre Krone berührt. Die Archäologen glauben, er ist ihr oberster Feldherr. Noch weiß niemand, was das Motiv bedeutet. Vielleicht musste die Königin durch einen Getreuen im Amt rechtmäßig anerkannt werden.

Den Schlüssel für die Entzifferung der meroitischen Sprache liefert eine Inschrift, die zweisprachig, nämlich in Meroitisch und Ägyptisch verfasst ist. Der Text stammt aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. Er ermöglichte den Experten, wenigstens ein paar Worte zu verstehen. Seit Jahren versuchen Wissenschaftler, der Sprache der schwarzen Königinnen auf die Spur zu kommen. Dafür studieren sie im heutigen Sudan die unterschiedlichsten Dialekte - in der Hoffnung, den Code zu knacken. Mehr als 60 Dialekte haben sie bereits dokumentiert und mit meroitischen Wörtern verglichen. Ein Geduldsspiel, doch es gibt erste Erkenntnisse.

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Die nächste Besonderheit ist, dass die Verstorbenen auf Begräbnis-Stelen immer zuerst als Söhne oder Töchter ihrer Mütter bezeichnet werden. Das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was wir aus Ägypten kennen. Die Frauen von Meroe waren mehr als gleichberechtigt. Sie standen ganz oben in der Gesellschaft.

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