Wenn "Martinus" ruft

Die Glocken des Hohen Domes zu Mainz

Er ist der stimmgewaltigste Martin in Mainz - "St. Martinus", die größte Glocke der Bischofskirche. Benannt nach dem Patron des Gotteshauses, ist sie die Nummer 1 der insgesamt neun Glocken des Dom-Geläutes. Jede trägt einen eigenen Namen, jede erklingt in anderem Ton, doch alle haben eine gemeinsame Aufgabe: die Menschen zu Gottesdienst und Gebet zu rufen.

Glockenturm des Mainzer Doms innen
Glockenturm des Mainzer Doms innen Quelle: ZDF/Dirk Brämer

Aus über 60 Meter Höhe senden "Martinus", "Maria", "Albertus", "Willigis", "Joseph", "Bonifatius", "Bilhildis", "Heilig Geist" und "Lioba" ihre Botschaft weit über die Stadt. Die bronzenen Kolosse hängen im barocken Glockengeschoss des mächtigen westlichen Hauptturmes. Der Weg dorthin ist lang und beschwerlich. Mehr als 300 Stein- und Holzstufen muss man emporsteigen, sich durch enge Aufgänge zwängen und das Deckengewölbe des Langhauses überqueren - eine Fitnessübung, die Günter Schneider, der Glockenbeauftragte des Bistums Mainz, mehrmals im Jahr absolviert, um das Geläut zu überprüfen und zu warten.

Begleiten Sie den Glockenbeauftragten des Bistums Mainz auf seinem beschwerlichen Weg in die Glockenstube.

Strenge Regeln

Wann welche Glocke ertönen darf, ist in der "Läute-Ordnung" und im "Calendarium des Stiftsgottesdienstes im Mainzer Dom" genau festgelegt. Die Glocken sind der Größe nach von 1 bis 9 durchnummeriert. Je nach Anlass klingen sie in zwölf unterschiedlichen Kombinationen, den Geläuten I bis XII. Dabei kommt der gewaltige "Martinus" nur zu besonderen Anlässen zum Einsatz, etwa bei Messen, die der Bischof zelebriert. An besonderen Festtagen erinnert dieser Glocken-Goliath die Gläubigen mittags um 12.00 Uhr an das Angelusgebet - eine Aufgabe, die sonst "Willigis" zukommt.

Dennoch ist "Martinus" jeden Tag regelmäßig zu hören - immer zur vollen Stunde, wenn der Schlaghammer der Turmuhr-Anlage den 3550-Kilogramm-Koloss in Schwingung versetzt. Dann weiß jedermann in Mainz, was die Stunde geschlagen hat. Außerdem halten alle 15 Minuten "Bonifatius" und "Willigis" die Bevölkerung zeitlich auf dem Laufenden. Das so genannte Vollgeläute hingegen ist nur sehr selten zu hören: am 24. Dezember mittags oder um Mitternacht zwischen Silvester und Neujahr. Dann wackelt buchstäblich der Dom - zumindest der Turm. Wenn alle neun Glocken gleichzeitig in Bewegung sind, wirken ungeheure Kräfte auf die Eichenholzbalken des Glockenstuhles und die ihn tragenden Mauern.

Lange Geschichte

Wann der Dom seine erste Glocke erhielt, ist nicht sicher. Die älteste bekannte Mainzer Domglocke ist die 1298 gegossene "Hosanna". Auch die "Marienglocke" von 1490 - mit 9000 Kilogramm die gewaltigste des Domgeläutes - und die im selben Jahr geschaffene "Silberglocke" sind verbürgt. Gemeinsam mit dem 1618 hinzugekommenen "Bemberle", einer kleineren Glocke, hingen vor dem Jahr 1767 wenigstens vier Glocken im Westturm. Im Ostturm waren mindestens neun weitere Glocken aus dem 15. bis 18. Jahrhundert untergebracht. 1767 zerstörte ein Blitz den Westturm samt seinem Geläut.

Der Turm wurde sofort wieder aufgebaut und mit vier 1774 gegossenen Glocken neu bestückt. Doch bereits in der Nacht vom 29. auf den 30. Juni 1793 ging der Dom während der Beschießung durch die gegen Napoleon vereinigte deutsche Armee in Flammen auf. Sämtliche Glocken zerschmolzen im Feuersturm oder barsten. Der Dom blieb lange Jahre Ruine, ohne Geläut, von der französischen Besatzungsmacht beschlagnahmt, geplündert und militärisch zweckentfremdet.

Neues Geläut

1802 wurde der neue Mainzer Bischof Johann Ludwig Colmar in sein Amt eingeführt. Seinen jahrelangen beharrlichen Bemühungen sind Wiederaufbau der Kathedrale und Neuschaffung des Geläutes zu verdanken. Bischof Colmar konnte Napoleon, der selbst ein wahrer Glocken-Fan war, dazu bewegen, neben der Rückübereignung des Domes und finanziellen Zuweisungen auch drei erbeutete, preußische Kanonen zur Verfügung zu stellen. Diese wurden im Jahr 1809 eingeschmolzen und ihre Bronze dem Guss der größten der vier neuen Glocken durch Joseph Zechbauer beigesteuert - die heute als "historische Glocken" bezeichneten "Martinus", "Maria", "Joseph" und "Bonifatius".

Am Vorabend zu Allerheiligen 1809 erklang zum ersten Mal das neue Domgeläut. 1960 kamen noch einmal vier Glocken hinzu: "Albertus", "Willigis", "Bilhildis" und "Lioba". Im Jahr 2002 wurde das Geläut mit "Heilig Geist" komplettiert. Anders als in früheren Zeiten, als sie auch vor Unwetter, Feuer oder Krieg warnten, erfüllen die Domglocken heute fast ausschließlich kirchliche Aufgaben. Dennoch takten sie das Leben der Stadt. Sie rufen den Menschen die Tageszeit zu, und wer den tönenden Code zu lesen vermag, dem übermitteln sie manch interessantes Detail des Kirchenjahres.

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