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"Wer den ersten Fehler macht, ist der Verlierer"

Interview mit dem Navigator der "HMS Venturer"

Der Autor des Films Karl Vandenhole interviewte im Rahmen der ZDF-Dokumentation den Navigator der "HMS Venturer". John Frederick Watson war an Bord des britischen Jagd-U-Bootes, das am 9. Februar die U-864 abschoss.


Karl Vandenhole: Erinnern Sie sich noch an den Tag an dem sie die U-864 versenkt haben?


John Watson: Ich erinnere mich daran, dass ich Wachdienst hatte. Es gab auf der Venturer nur drei Offiziere, die Wache schoben. Wir hatten ganz andere Abläufe als es sonst bei der Navy üblich war: drei Stunden Dienst und vier Stunden frei. Kurze Wachdienste und nicht viel Freizeit. Wir hatten uns bald daran gewöhnt, auch so genügend zu schlafen. Es gab diese Routinen, weil wir jederzeit auf der Hut sein mussten. Wenn wir überleben wollten, mussten wir alle jederzeit hellwach sein.

Kein Alkohl, wenig Freizeit

Und: Bei uns gab es die Regel, dass es auf der Venturer keinen Alkohol gab. Wir mussten einfach immer alle Sinne beeinander haben, immer auf Zack sein. Denn im Krieg gilt die Regel: wenn es dir gelingt, andere Schiffe zu versenken, dann können sie auch dich versenken. Wer den ersten Fehler macht, ist der Verlierer. In diesem Fall gewinnst du entweder alles, oder du verlierst alles. Und das wussten wir sehr gut. Deshalb waren wir mit den Schichten und dem Alkoholverbot auch ganz zufrieden.



Vandenhole: Das Einsetzen des Periskops zur Navigation ist äußerst riskant. Würden Sie sagen, dass die deutsche Crew ihr Periskop nicht vorsichtig genug einsetzte? Wie lange hatten Sie das Periskop oben?


Watson: Ich kann mich nicht erinnern. Wenn ich Ihnen jetzt eine Zahl nennen würde, wäre sie wahrscheinlich nicht richtig. Aber ich denke, nicht mehr als 20 Sekunden. Gerade genug Zeit um, um einen kompletten Schwenk zu machen und wieder abzutauchen. Vielleicht eine halbe Minute, nicht mehr. Aber von der U-864 wissen wir, dass sie manchmal das Periskop ziemlich lange oben hatten. Ein paar Minuten oder so. Das wäre für uns eine Ewigkeit gewesen.


Vandenhole: Was könnte aus ihrer Sicht der Grund gewesen sein, dass der deutsche Kapitän einen Zick-Zack-Kurs fahren lies?


Watson: Das sagte uns, dass ihn die Möglichkeit, von einem britischen U-Boot getroffen zu werden wirklich nervös machte. Vergessen Sie nicht, dass wir während des Krieges schon einige deutsche U-Boote abgeschossen hatten. Und an seiner Stelle wären wir auch sehr, sehr vorsichtig gewesen. Wir hofften, dass er den selben Fehler wie die U-771 und die U-468 machen würde, dass er auftauchen würde. Denn wenn das Boot auftauchte, dann könnten wir es geradewegs mit einem Torpedo abschießen, wir hätten dann viel genauere Informationen. Aber es gab keine Anzeichen dafür.

Eine Frage des Wartens

Ich sollte auch erwähnen, dass wir schon ziemlich früh anhand der Propeller-Umdrehungen und der Geschwindigkeit erkennen konnten, mit welcher Art U-Boot wir es zu tun hatten. Wir wussten dass sie vom Typ 9 oder ein anderer, großer Typ sein musste, dass es keines vom kleineren Typ 7 war. Wir hatten alle Informationen und es war einfach eine Frage des Wartens.


Vandenhole: Machte Ihnen die Tatsache Angst, dass Sie sich in einer Situation befanden, in der sich ein britisches und ein deutsches U-Boot eins zu eins gegenüberstanden?


Watson: Nein, das machte mir keine Angst, aber ich war mir dessen sehr bewusst. Wir waren alle zwischen zwanzig und dreißig, sogar der Kommandant Jimmy Launders war erst 24. Ich selbst war 20 - in diesem Alter fühlt man sich unsterblich. Und auch wenn Sie mir das nicht glauben - wir hatten allergrößtes Vertrauen in unsere Maschinen. Wir wussten, dass an nichts gespart wurde, dass wir alle möglichen Gerätschaften hatten, das war für diese Zeit High-Tech. Wir hatten Minensuchgeräte, wir konnten also durch Minenfelder fahren. Das benutzten wir, wenn wir aus einer schwierigen Lage raus kommen mussten. Wir wussen, dass das Boot sehr stark war, deshalb kam nie die Frage der Angst ins Spiel.

Ein U-Boot wie ein Sportwagen

Wir wussten genau was zu tun war, wenn ein Torpedo auf uns geschossen wurde. Außerdem war unser Boot sehr gut zu manövrieren, es konnte sehr schnell drehen und tauchen. Wie ein Sportwagen. Deshalb hatten wir keine Angst. Es kam eher darauf an, sich zusammen zu reißen und zu wissen, dass es eher auf uns als auf die Geräte ankam. Und wenn wir unseren Job machten, dann würden die Geräte schon auf uns aufpassen.


Vandenhole: Als Sie die Explosion hörten - was passierte dann auf der Venturer?


Watson: Ich glaube, es war die übliche Traurigkeit, weil wir wussten, was geschehen war. Und wir gehörten alle zu einer U-Boot-Crew und waren deshalb nicht gerade aus dem Häuschen. Wir hatten einfach unsere Arbeit getan. Ich kann mich bestimmt nicht an Begeisterung erinnern. Vielleicht eine Erleichterung, dass der Einsatz vorüber war. Man schaltet sofort in eine Art Verdrängungsmodus um.


Vandenhole: Sofort nach der Explosion, haben Sie da irgendwelche anderen Geräusche gehört?


Watson: Nun, wir hörten natürlich ein Krachen als das Boot sank. Das passierte jedes Mal wenn wir jemanden getroffen und versenkt hatten. Sehr laute, berstende Geräusche. Jeder deutsche U-Boot-Kommandant kann ihnen sagen wie das klingt, das ist sehr laut.

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