Wheelers Untergangstheorie

Funde des Marshall-Nachfolgers rücken die Indus-Kultur in ein anderes Licht

Im Jahr 1944 tritt ein Mann die Nachfolge von John Marshall an, der große Zweifel an der Friedfertigkeit der Indus-Zivilisation hegt. Robert Eric Mortimer Wheeler hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt, ist ein Veteran der Schlacht von El Alamein. Doch Seine eigentliche Berufung ist die Archäologie.

Wheeler betrachtet Skelettfunde Quelle: ZDF

Mit Wheelers Ankunft ändern sich die Sitten im Antikendienst. Sein Führungsstil ist hart und autoritär, er wird die Arbeit nachhaltig verändern. Während die britische Kolonialverwaltung sich bereits auf das Ende ihrer Zeit einstellt, beruft sie nun einen Direktor, dessen Benehmen und Geisteshaltung das alte Empire wieder aufleben lässt. Die Mitarbeiter von Mortimer Wheeler erwarten die ersten Instruktionen des neuen Direktors mit gemischten Gefühlen.

"Kartoffeln ausgraben"

Wheeler bringt eine neue Methodik mit nach Indien und plant, seinen neuen Untergebenen die neuen Standards einzubläuen. Obwohl Wheeler die Verdienste Marshalls nicht missachtet, äußert er sich geringschätzig über dessen Vorgehen: "Es sieht so aus, als ob man Kartoffeln ausgegraben hätte", schreibt er nach einem ersten Besuch der Indus-Stätte. Als Marschall die Mohenjo-Daro-Stätten ans Tageslicht beförderte, fand eine "Massenausgrabung" statt. Es wurden großflächig Baustrukturen freigelegt. Wheeler lässt in kleineren Einheiten, so genannten Clustern, graben.

Meterdicke Ziegelmauer Quelle: ZDF

Auch die Theorie von der Friedfertigkeit der Indus-Bewohner will er nicht gelten lassen. Als Wheeler an einem Maimorgen im Jahr 1944 kurz nach Sonnenaufgang auf den höchsten Hügel von Harappa stapft, sieht er Marshalls Theorie mit einem Mal gekippt. Der Hügel schimmert im Morgentau. Durch die Feuchtigkeit gibt die Erdschicht ihr Geheimnis preis - eine meterdicke Ziegelmauer: "Das war die reinste Feudalherrschaft!" urteilt Wheeler. Er ist sich sicher: hinter diesen Mauern regierten ein Fürst, eine Elite. Vor Feinden waren die Herren vom Indus offenbar gut gesichert. Gab es hier etwa doch einen befestigten Herrschersitz?

Unbestattete Leichen

Um auch die Stadtanlage von Mohenjo-Daro besser zu begreifen, veranlasst Wheeler eine aufwändige Grabung. Er lässt das Terrain in 5x5 Meter große Einheiten unterteilen und vertikale Schnitte vornehmen. So kann er eingrenzen, wo eine Bauschicht anfängt, wie zum Beispiel beim großen Bad, und wo natürliche Ereignisse den Boden verändert hatten. In einer tieferen Erdschicht machen Wheelers Mitarbeiter eine ungewöhnliche Entdeckung: unbestattete, teils verrenkte Leichen. Schon während sich Wheeler mit einer Bürste an die Freilegung macht, tun sich vor seinem geistigen Auge die Abgründe der Indus-Kultur auf. Sollte er am Ende Recht behalten? Herrschte am Indus eine kriegerische Gesellschaft?

Skelettfunde Quelle: ZDF

Der grausame Fund macht Wheeler stutzig. Die unbestatteten Körper sind unterschiedlich groß, vielleicht eine Familie. Die Skelette seltsam verrenkt. Möglicherweise sind dies Hinweise auf einen gewaltsamen Tod. Fotos von Skelettfunden aus den 20er Jahren interpretiert Wheeler völlig neu. Das letzte Kapitel der Indus-Zivilisation heißt für ihn Krieg. Schuld seien die Arier - Verehrer des kriegerischen Gottes Indra. Dies ist eine in der damaligen Zeit naheliegende Erklärung. Aber ist Wheelers Untergangstheorie tatsächlich haltbar? Wissenschaftler, die sich mit der frühen indischen Geschichte befassen, bezweifeln das. Der Indologe Michael Witzel ist den vermeintlichen Invasoren auf der Spur. Sein Spezialgebie sind die ältesten indischen Texte.

Schleichender Tod

Das Rätsel der unbestatteten Leichen muss also eine andere Lösung haben: Vielleicht wurden die Körper bei einer Überschwemmung aus ihren Gräbern in die Gemäuer gespült. Mohenjo-Daro, die komfortable, hygienische Stadt mit ihren Reihenhäusern vom Reißbrett, hat vermutlich einen schleichenden Tod erlitten.

Als im August 1947 die Kolonie Britisch-Indien in Pakistan und Indien geteilt wird, herrscht Bürgerkrieg zwischen Hindus, Sikhs und Muslimen. Mortimer Wheeler ist geschockt. Manche seiner Mitarbeiter werden die Unruhen nicht überleben, denen rund eine Millionen Menschen zum Opfer fallen. Die Gewalt hatte vielfältige Gründe, für Wheeler waren sie zu einem guten Teil der menschlichen Natur geschuldet: Nicht alte Steine seien das Thema der Archäologie, sondern Menschen und ihre Schicksale, predigte Wheeler bis ans Ende seiner Karriere.

Wheeler betrachtet Fundstück Quelle: ZDF

Aschenputtel der Weltgeschichte

1948 ertönt der Zapfenstreich für den Archäologen. Nicht ohne Schwermut übergibt Wheeler sein kleines Kolonialreich in die Hände jener Männer die er für die Forschung ausgebildet hatte. Später wird auch Mortimer Wheeler zum Sir ernannt, wie sein Vorgänger John Marshall. Sie haben eine versunkene Hochkultur neu entdeckt - ein Aschenputtel der Weltgeschichte. Doch das größte Rätsel bleibt bislang ungelöst: Wer waren die Menschen vom Indus? Woher kam ihr unglaubliches Wissen und warum starb ihre Kultur? Die Forschung ist längst nicht abgeschlossen, denn das entscheidende Kapitel vom Wunder am Indus kann noch nicht geschrieben werden.

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