Wie das Leben kämpfen lernte

Sind Kampf und Krieg ohne Alternative?

Dokumentation | Terra X - Wie das Leben kämpfen lernte

Gefürchtete Jäger, schreckliche Waffen: Dirk Steffens begegnet am Set von "Faszination Erde" wiederauferstandenen Dinosauriern und anderen gefährlichen Tieren.

Beitragslänge:
2 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.02.2020, 13:17

Das Leben ist ein ständiger Kampf. Zumindest das Leben der Tiere scheint von Fressen und Gefressenwerden, Konkurrenz um Weibchen und erbitterten Revierkämpfen geprägt zu sein. Nur mit Stärke, Schnelligkeit oder List, so scheint es, lässt sich im Überlebenskampf punkten. Aber auch Pflanzen führen Krieg gegeneinander, denn der Platz an der Sonne ist begehrt. Wie kam es zum ewigen Hauen und Stechen? Ist Kampf tatsächlich ohne Alternative?

Im Regenwald Brasiliens tobt der Kampf ums Überleben besonders heftig – auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht, weil der Kampf zumeist in Zeitlupe stattfindet. Zwischen allen Pflanzen des Dschungels herrscht ein gnadenloser Wettlauf um Licht und Nährstoffe. Für die Paranuss, den größten Baum des Regenwalds, gibt es nur dort, wo ein Urwaldriese stirbt, ausreichend Sonnenlicht. Hat sich eine Lücke im Dschungeldach geöffnet, kann der Baum wachsen und bis zu 50 Meter hoch werden.

Kampf um Ressourcen

Manche Pflanzen nehmen die Konkurrenz um das spärliche Licht am Boden gar nicht erst auf: Die Würgefeige beginnt ihr Wachstum näher am Sonnenlicht. Ihr Samen gelangt zum Beispiel über Vogelkot in Astgabeln, wo er keimt. Gleichzeitig lässt die Würgefeige ihre Wurzeln Richtung Boden wachsen. Sie nutzt den Wirtsbaum als Gerüst für ihre Wurzeln. Doch je mehr Wurzeln wachsen, desto schwerer lastet die Feige auf ihrem Wirt. Unter der Last kann der Baum allmählich zusammenbrechen. Aber selbst vom sterbenden Wirt profitiert die Würgefeige noch: Er liefert beim Verrotten dringend benötigte Mineralien. Denn der scheinbar üppige Regenwald wächst auf nährstoffarmem Grund. Dieser Mangel ist der eigentliche Motor für die Artenvielfalt im Regenwald. Das Leben nutzt jede Möglichkeit, um an die knappe Nahrung zu gelangen, und der Artenreichtum vermehrt sich mit jeder neuen Kampfstrategie.

Rote Korallen
Korallenriffe ziehen andere Meeresbewohner an und bilden ein Nahrungsnetz.

Je karger die Bedingungen, desto reicher das Leben – diese Devise gilt auch für die „Regenwälder der Meere“, die Korallenriffe. Ihre Vielfalt ist in nährstoffarmem Wasser entstanden. Als Pioniere siedeln Korallenlarven am Meeresboden oder nutzen Siedlungsanker wie etwa versunkene Wrackteile. Haben sie sich einmal festgesetzt, folgen andere Meeresbewohner. Nach und nach wächst so ein Nahrungsnetz, Räuber und Beute leben auf engstem Raum zusammen. Ihr Wettrüsten führt zu immer raffinierteren Waffen und gewiefteren Verteidigungsmethoden. Es gibt Räuber, die ihre Waffen derart perfektioniert haben, dass sie damit unangefochten an die Spitze der Nahrungspyramide stehen. Die Zähne des Tigerhais haben sich im Laufe der Evolution von Werkzeugen, die Nahrung zerkleinern, zu regelrechten Waffen entwickelt. Sogar Schildkrötenpanzer lassen sich damit aufsägen, denn die Haizähne besitzen sowohl eine scharfe glatte als auch eine gezackte Schnittkante.

Paarungs- und Revierkämpfe

Zwei Nilpferdmännchen im Rivalenkampf
Die gefährlichen Zähne dienen allein dem Konkurrenzkampf um Weibchen. Quelle: BBC

In den Savannen Afrikas findet man noch gefährlicher aussehende Waffen: Flusspferde ernähren sich ausschließlich von pflanzlicher Kost und haben dennoch ein beeindruckendes Gebiss mit hauerartigen Eckzähnen und nach vorn gerichteten Schneidezähnen. Diese furchteinflößenden Zähne dienen jedoch nicht dem Nahrungserwerb, sondern allein dem Konkurrenzkampf um Weibchen. Eine Nilpferdherde besteht aus mehreren Weibchen mit ihren Jungtieren und einem dominanten Männchen. Wer dieses Revier erobern will, muss den alten Haremschef herausfordern. Die Revierkämpfe sind heftig und gehen oft blutig, manchmal sogar tödlich aus. Den Sieger belohnt die Evolution: Wer sich in diesem Kampf durchsetzt, wird Nachkommen zeugen, die später mit genauso gefährlichen Waffen ausgerüstet sind wie er.

Kämpfen lernte das Leben, als es mobil wurde – im Kambrium, dem Erdzeitalter, das vor etwa 542 Millionen Jahren einsetzte und dem fast alle heutigen Tiergattungen entstammen. Im Zuge der sogenannten kambrischen Explosion entwickelten die Tiere Mechanismen zur Fortbewegung, Skelette und Sinnesorgane. Fortan gab es Jäger und Gejagte. Der Kampf wurde zum Vater der Vielfalt. Immer neue Strategien für Angriff, Verteidigung, Tarnung oder Flucht entstanden und setzten sich in der Evolution durch – ein Wettrüsten, das nicht aufzuhalten war.

Im Zeitalter der Dinosaurier entwickelte sich Größe zu einem entscheidenden Faktor: Riesenwuchs machte pflanzenfressende Dinosaurier zunächst weniger angreifbar für Feinde. Aber die Sicherheit war nicht von Dauer, denn auch die Raubsaurier wurden immer größer. Tyrannosaurus Rex war der größte aller Dinosaurier und seine Beißkraft vermutlich die stärkste im ganzen Tierreich. Der gefiederte Velociraptor dagegen, dessen fossile Überreste in der Mongolei gefunden wurden, war zwar viel kleiner und leichter als Tyrannosaurus, dafür aber schnell, clever und wendig. Er war bis zu zwei Meter lang und etwa 50 Zentimeter hoch, besaß einen langen Schwanz und eine sichelartig vergrößerte Kralle an der zweiten Zehe des Hinterfußes. Gefährlich machte ihn vor allem, dass er fähig war, im Team zu jagen.

Müssen Kriege sein?

Kooperation und Intelligenz – dank dieser Fähigkeiten hat es Homo sapiens, obwohl nicht der Schnellste und nicht der Stärkste unter den Erdbewohnern, zum Meister des Kampfes gebracht. Er war in der Lage, Werkzeuge und damit Waffen herzustellen. Zunächst dienten die Waffen nur zur Jagd. Auch der Mensch kämpfte, um zu überleben. Doch die Entwicklung setzte sich fort, als die Menschen sesshaft wurden und Ackerbau und Viehzucht Alternativen zur Jagd darstellten. Der Kampf blieb und wurde schlimmer als zuvor. Denn je zahlreicher die Menschen eine Region bevölkerten, desto knapper wurden die Ressourcen. Diejenigen, die glaubten, nicht genug zu haben, kämpften um mehr und führten Krieg. Eine zwangsläufige Entwicklung, biologisch determiniert? Oder gibt es Alternativen? Ein Blick in die Geschichte ist aufschlussreich.

Dschingis Khan und seine Nachfolger eroberten im 13. Jahrhundert ein Weltreich und setzten ihre Armeen mit erbarmungsloser Brutalität ein. Im Verhältnis zur damaligen Größe der Weltbevölkerung forderten die Feldzüge Schätzungen zufolge mehr Opfer als der Zweite Weltkrieg. Warum Dschingis Khan in den Krieg zog, ist eine Frage, die von Forschern seit Langem diskutiert wird. Einige vermuten eine schwere Dürre als Ursache: Die Menschen litten Hunger, und die Kriegszüge sollten die Versorgung sichern.

Was Bäume verraten

Zweifel an dieser Theorie ließen sich in jüngster Zeit mit naturwissenschaftlichen Methoden untermauern: Am Khorgo-Vulkan im Nordwesten der Mongolei können Forscher einen Blick in die Vergangenheit werfen. Der Vulkan brach vor etwa 8000 Jahren aus. Im Lavafeld um den Krater finden sich stumme Zeitzeugen, die zu den damaligen Verhältnissen aussagen können: Bäume wachsen auf dem kargen Lavaboden besonders langsam und werden sehr alt. Anhand der Jahresringe ihrer Stämme können Forscher Jahre mit guten Wachstumsbedingungen von solchen mit ungünstigen klimatischen Bedingungen unterscheiden.

Jahresringe eines Baums mit Jahreszahl
Die Baumringe zeigen regenreiche und regenarme Jahre an.

Die Zeugenbefragung ergibt: Als Dschingis Khan um 1160 geboren wurde, herrschte in der mongolischen Steppe eine schlimme Dürre – für Bäume und Menschen gleichermaßen eine Zeit des Mangels. Aber schon als er die Macht ergriffen hatte, müssen die Zeiten besser gewesen sein: Die Jahresringe liegen viel weiter auseinander. Sie erzählen von einer rund 15-jährigen Regenperiode, die die Vegetation üppig gedeihen ließ und Menschen und Tieren genügend Nahrung zur Verfügung stellte. Satte Weiden lieferten beste Voraussetzungen, um große Viehherden zu halten. Unzählige Ziegen und Schafe begleiteten die Armeen, um auf den Eroberungsfeldzügen die Versorgung sicherzustellen. Das heißt: Nicht die Not, sondern der Reichtum ließ Dschingis Khan in den Krieg ziehen. Er hielt sich für gottgesandt und glaubte an einen himmlischen Auftrag, die Welt zu erobern - eine typisch menschliche Motivation. Dschingis Khan musste nicht erobern, aber er konnte. Und weil das Kämpfen seit Hunderten Millionen Jahren zum Leben dazu gehört, weil der Kampf ganz tief in unseren Genen steckt, haben wir bis heute nicht damit aufgehört. Aber wir könnten.

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