Wieder auferstanden

Max von Oppenheim hätte sich über Rettung seiner einst zerstörten Funde aus der syrischen Wüste gefreut

Mit Hunderten Kamelen, per Eisenbahn und Schiff hatte sie der deutsche Archäologe Max von Oppenheim vor mehr als 80 Jahren von Syrien nach Deutschland bringen lassen: 3000 Jahre alte Skulpturen vom syrischen Hügel Tell Halaf, Zeugnisse einer beinahe vergessenen Hochkultur. Doch im Zweiten Weltkrieg zerstörten Fliegerbomben die wertvollen Artefakte. Jetzt wurden die Funde in akribischer Puzzlearbeit wieder zusammengesetzt und sollen Ende Januar 2011 der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Restaurierte thronende Göttin wird verladen
Restaurierte thronende Göttin wird verladen Quelle: ZDF

September 1943: Berlin ist während des Zweiten Weltkriegs massiven Luftangriffen ausgesetzt. Vereinzelte Bomben treffen auch das Tell Halaf-Museum im Stadtteil Charlottenburg. Es enthält wertvolle Artefakte, die der deutsche Archäologe Max von Oppenheim am syrischen Hügel Tell Halaf ausgegraben und nach Deutschland gebracht hat. Die Exponate bleiben trotz der Angriffe zunächst weitgehend unbeschädigt.

Ausstellungsraum im Tell Halaf-Museum
Ausstellungsraum im Tell Halaf-Museum Quelle: ZDF

Älteste Steinbilder zerstört

Man solle wenigstens die wichtigsten Ausstellungsstücke an einen sicheren Ort bringen, drängt Max von Oppenheim. Doch seine Warnung kommt zu spät: Bei einem erneuten Angriff brennt sein Museum bis auf die Grundmauern nieder. Von seinen Steinbildern und Skulpturen, die er einst fand, bleiben nur noch Schutt und Asche übrig.

Hauptstadt aramäischer Fürsten

Tell Halaf: altes Foto einer Steinplatte
Tell Halaf: altes Foto einer Steinplatte Quelle: ZDF

Die "ältesten Steinbilder der Welt" scheinen unwiederbringlich zerstört, meldet nach dem Angriff der "Völkische Beobachter". Die Steinplatten, Figuren und Reliefs, die im Museum zu sehen waren, gelten als besonders wertvoll. Sie zeugen von der Kultur der Aramäer, einem der legendärsten Völker des Vorderen Orient.
Das Nomadenvolk der Aramäer wurde in dem Gebiet, in dem heute die syrischen Städte Damaskus, Aleppo und Hama liegen, im 1. Jahrtausend vor Christus sesshaft. Ihre Fürstentümer waren durch wichtige Handelsrouten verbunden. Auch auf dem Hügel Tell Halaf gründeten sie eine Siedlung. Guzana hieß die Stadt damals. Ein König Kapara errichtete dort seinen Palast.

Verbreitungsgebiet der Aramäer
Verbreitungsgebiet der Aramäer Quelle: ZDF

18.000 Menschen sollen einst in der Hauptstadt des aramäischen Fürstentums gelebt haben. Sie betrieben Handel, züchteten Pferde und bauten Pflanzen und Getreide an. 200 Jahre lang, von 1100 bis 900 vor Christus, florierte Guzana als wichtige Handelsstadt auf dem Weg der Karawanen. Doch dann geriet es unter die Oberhoheit der Assyrer, einem Volk im Altertum, das sich mehrfach zur Vorherrschaft über den Norden Mesopotamiens, dem Land zwischen Euphrat und Tigris, und Nordsyriens aufschwang. Das Wiedererstarken der Assyrer besiegelte das Ende der Aramäer, der Erbauer der Stadt Guzana.

Archäologische Schatzkammer Orient

Doch die einstige Stadt der Aramäer soll 3000 Jahre später wieder entdeckt werden. Unter den Forschern des 19. Jahrhunderts ist es wohl bekannt, dass der Orient eine archäologische Schatzkammer ist. Auch Max von Oppenheim zieht es 2000 Kilometer weit ins Innere Syriens und durch Mesopotamien. Er soll eigentlich die Bank seines Vaters übernehmen. Doch seine Leidenschaft ist der Orient. Er will die Beduinenstämme Vorderasiens, ihr Leben, ihre Sitten und Gebräuche wissenschaftlich ergründen. Mehr als die Hälfte seines Weges hat noch kein Europäer vor ihm bereist.

Altes Foto des Grabungsteams am Tell Halaf
Altes Foto des Grabungsteams am Tell Halaf Quelle: ZDF

Ein Beduinenführer berichtet ihm schließlich von "merkwürdigen Steinbildern", die auf einem "Hügel bei dem Dörfchen Ras el-Ain" gefunden worden wären, schreibt er in seinen Aufzeichnungen. Dem Bericht des Beduinenführers folgend reist von Oppenheim 1899 zu der Stelle. Er gräbt rasch und provosorisch, denn er besitzt keine Grabungslizenz. Und tatsächlich: Schon nach kurzer Zeit kann er einen Teil der großen Hauptfassade des Tempelpalastes und die Reste einiger Rundstatuen freilegen. Ihm ist klar, dass er vor einer großen Entdeckung steht. Doch die fehlende Grabungslizenz zwingt ihn, die Fundstellen wieder sorgfältig verschließen zu lassen.

Harte Grabungsbedingungen vor Ort

Erst 1911 kehrt er zurück. Zwischenzeitlich hatten die türkischen Instanzen eigene, nationale Interessen verfolgt und wollten durch intensive Ausgrabungen auf dem Tell Halaf das Prestige des Osmanischen Reiches stärken. Als von Oppenheim seine Expedition wieder aufnehmen kann, treibt er die Ausgrabungen mit fünf Architekten und 200 einheimischen Arbeitern voran: bis 1913 und, nach einer Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg, von 1927 bis 1929.

Leicht ist das Leben auf der Grabung nicht. Denn selbst Lebensmittel müssen in der damals fast menschenleeren Gegend über viele Kilometer weit transportiert und vor Räubern gesichert werden. Auch Krankheiten, das ungewohnte Klima und verseuchtes Wasser setzen dem Team zu.

Monumentale Grabfigur ragt aus Wüstensand
Tell Halaf: Entdeckung der monumentalen Grabfigur Quelle: Max Freiherr von Oppenheim-Stiftung, Köln

Freilegung der thronenden Göttin

Doch die Grabungsarbeiten sind von Erfolg gekrönt. Schon in den ersten zwei Jahren untersucht das Team die meisten der heute bekannten Großobjekte wie den West-Palast und das daneben liegende Skorpionentor, das Burgtor und den Nordost-Palast. Auch die thronende Göttin, eine monumentale Grabfigur, die von Oppenheim schon 1899 entdeckt und ins Herz geschlossen hat, kann er endlich freilegen.

Einen kleinen Teil der Objekte lässt Max von Oppenheim in Syrien und finanziert in Aleppo die Gründung eines Museums. Den Hauptteil aber stellt er in einem privaten Museum in einer ehemaligen Maschinenfabrik in Berlin-Charlottenberg auf, nachdem alle Verhandlungen über eine Ausstellung in den Königlichen Museen zu Berlin gescheitert sind.

Lebenswerk in Schutt und Asche

Im Juli 1930 präsentiert Max von Oppenheim den Jahrhundertfund. Die Ausstellung findet weltweit Beachtung. Sogar die US-amerikanische Presse berichtet darüber. Im Jahr darauf erscheint von Oppenheims Buch "Der Tell Halaf, eine neue Kultur im ältesten Mesopotamien", das in der Fachwelt intensiv diskutiert wird.

Keller mit Trümmerstücken
Keller, in dem die zerstörten Tell Halaf-Skulpturen abgeladen wurden Quelle: ZDF

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kann der Orient-Experte seine Forschungsarbeiten zunächst fortsetzen. Als die Luftangriffe auf Berlin zunehmen, bleibt jedoch auch er nicht verschont. Im August 1943 wird sein Orient-Forschungs-Institut getroffen, schließlich legen US-amerkanische Phosphorbomben sein Museum in Schutt und Asche legen. Doch auch nach dem Schicksalsschlag verliert der Optimist nicht den Mut. Irgendwann, prophezeit von Oppenheim in einem Brief, würden seine Funde wieder aus dem Schutt auferstehen.

Sortierhalle mit Trümmerstücken
Sortierhalle mit den Trümmerstücken von Tell Halaf Quelle: ZDF

Puzzlearbeit für Archäologen

Dass seine Prophezeiung mehr als ein halbes Jahrhundert später wahr werden sollte, erlebt der Archäologe nicht mehr: Im Herbst 1946 stirbt er an einer Lungenentzündung. Die in einem Keller der Königlichen Museen abgeladenen Trümmerstücke dümpeln jahrzehntelang vor sich in.

Die thronende Göttin lächelt wieder

Nur durch Zufall werden sie wiederentdeckt. Seit 1992 setzen Archäologen in mühevoller Kleinarbeit die Skulpturen wieder zusammen - jede einzelne der 27.000 Scherben. 30 Exemplare haben die Archäologen restauriert. Ab Januar 2011 sind sie im Berliner Pergamonmuseum zu sehen. Die Ausstellung kann nur mit Hilfe schwerster Werkzeuge eingerichtet werden, denn eine jede Skulptur wiegt mehrere Tonnen. Allein der Transport der Objekte dauert Tage.
Die ehemalige Palastfassade kommt dabei zu besonderen Ehren: Sie wird den neuen Eingang des Vorderasiatischen Museums bilden. Und auch die thronende Göttin, das Lieblingsobjekt von Oppenheims, findet ihren Platz im Museum. So hatte es sich ihr Entdecker einst gewünscht.

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