Wiederentdeckung eines Traums

Die Welt des Nebukadnezar

Die Wiederentdeckung der babylonischen Welt hat sich vor 100 Jahren zugetragen. Der französische Konsul Henri Poignon durchstreift den Libanon bei der Stadt El Hirmel - auf der Suche nach alten Kunstschätzen.

Henry Poignon vermutet, dass sich das riesige babylonische Reich damals bis an den Rand des Mittelmeeres erstreckte. An einem heißen Oktobertag findet er den Beweis: ein uraltes Steinrelief, "Nebukadnezar, König von Babylon", besagt die Inschrift. Mit dem letzten Tageslicht gelingt Henry Poignon eine sensationelle Fotoaufnahme: bis heute das einzige Abbild, das von Nebukadnezar erhalten ist.

Biblischer Zorn

Schon die Bibel nennt den mächtigen Herrscher beim Namen und schon im Buch des Propheten Daniel vermischen sich Wahrheit und Propaganda. Der Hochmut Babylons soll Gott so sehr entzürnt haben, dass er Nebukadnezar, den mächtigen Herrscher der Stadt in eine wilde Bestie verwandelte, so berichtet der Prophet: "Sein Haar wuchs wie Adlerfedern und seine Nägel wie Vogelklauen." Der ganze biblische Zorn entlädt sich in diesen Worten. Der Zorn des Alten Testaments, der seinen Ursprung in einem wirklichen, einem historischen Drama hat.

Vor 2600 Jahren ist Jerusalem, die heilige Stadt Davids und Heimstatt der Juden, noch nicht die ausgedehnte Metropole von heute. Geschützt hinter einer Stadtmauer bewohnen nur ein paar Tausend Judäer das kleine Gebiet um den Tempelberg. Nebukadnezar ist es, der diesen steinernen Ring sprengt und die heilige Stadt dem Erdboden gleichmacht. Ein altes Steinrelief zeigt, was damals passiert sein muss. Mit Hilfe von Wehrtürmen überwinden die Babylonier die Stadtmauern. Der überlegenen Militärtechnik ist kein Verteidiger gewachsen. Die ausgeklügelte Belagerungsstrategie ist ebenso wirkungsvoll wie die enorme Durchschlagskraft der Pfeile, die Tausende von Bogenschützen abschießen.

Konsequente Eroberungspolitik

Nebukadnezar betreibt konsequente Eroberungspolitik. Die jüdischen Anführer werden niedergemacht, das Volk als Kriegsbeute nach Babylon verschleppt. Für die Juden ist das die schreckliche Katastrophe, der "Zorn Gottes". Und Babylon, das verhasste Exil, wird zum biblischen Trauma. Im Jahre 586 vor Christus ist auch Jerusalem Teil des riesigen Babylonischen Reiches geworden. Von den Grenzen Ägyptens aus erstreckt es sich über Palästina, den Libanon, das heutige Syrien und den Irak bis an den Persischen Golf. Für antike Verhältnisse ein Weltreich mit dem Zentrum Babylon.

Noch heute sind im Irak die berühmten Mauern von Babylon zu besichtigen. Aber nur ihre Fundamente sind wirklich "original". Die Gebäude, die erst vor 20 Jahren wieder aufgebaut wurden, sind nichts als Rekonstruktionen. Doch geben sie der Phantasie eine Ahnung von der Pracht und Größe dieser antiken Metropolis, dieser "Urstadt" voller Sagen und Legenden - und voller wirklichen Wunder. Die massiven Ziegelmauern von Babylon waren eines der sieben Weltwunder der Antike. Und noch ein zweites soll in Babylon zu bestaunen gewesen sein, so erzählen die alten Geschichtsschreiber: Die hängenden Gärten der Prinzessin Semiramis, der sagenhaften Geliebten Nebukadnezars, deren historische Spur sich aber in der Märchenwelt dieser Stadt verliert.

Zwischen Dichtung und Wahrheit

Die Wirklichkeit Babylons ist verborgen hinter Geschichten aus 1000 und einer Nacht. Noch nicht einmal der Grieche Herodot, der schon 100 Jahre nach Nebukadnezars Tod Babylon bereist haben soll, vermag zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden. Die Hauptstadt der Babylonier - so schreibt er - sei ein einziges Wunder. Herodot erzählt staunend von den sagenhaften Ausmaßen des Turms zu Babel, über seine Funktion fantasiert er aber nur. Und die Stadt selbst fasst er in übertriebene Zahlen und Maße, wie sie ihm seine phantastische Vorstellung ausmalt: 16 Meter breite Straßen, 25 Meter dicke Mauern, ein Stadtumfang von gut 100 Kilometern. So wird die Metropole am Euphrat schon in der Antike zur fantastischen Legende.

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