Wilde Horden gegen Rom

Wer vernichtet die Legionen des Quinctilius Varus?

Gemeinhin heißt es, Arminius habe mit seinen Cheruskern die Armee des Varus geschlagen. Doch obwohl diese einen der größten germanischen Stämme bilden, dürfte die Zahl der cheruskischen Krieger nicht ausreichen, um drei römische Legionen vernichtend zu schlagen. Von wem werden sie also unterstützt - und wie könnte der Verlauf der Schlacht ausgesehen haben?

Römer und Germane im Zweikampf (Spielszene)
Römer und Germane im Zweikampf (Spielszene) Quelle: ZDF/Peter Arens

Wie jeder Versuch der Beschreibung oder der Lokalisierung der Varusschlacht, leidet auch die Klärung der Frage, wer genau gegen das römische Heer bei Kalkriese angetreten ist, an der dürren Quellenlage. Forschern bleibt kaum etwas anderes übrig, als mit mehr oder minder plausiblen Vermutungen die Geschichte zu rekonstruieren.

Auch wenn keine hundertprozentige Sicherheit hinsichtlich des Schlachtfeldes bestehen kann, sind sich Historiker und Archäologen spätestens seit den Aufsehen erregenden Funden 1987 bei Kalkriese sicher, dass die berühmte Schlacht an mehreren Tagen zwischen dem nördlich gelegenen "Großen Moor" und dem Kalkrieser Berg stattgefunden haben muss. Der Ort liegt im Einflussbereich der Cherusker, aber auch zum Gebiet der Brukterer und Marser ist es nicht weit.

Ungewissheit über die Vorbereitungen

Varusschlacht bei Kalkriese (Spielszene)
Schlacht im Wald Quelle: ZDF/Peter Arens

Hinsichtlich der Vorbereitungen des Überfalls ist überhaupt nichts bekannt, alle Äußerungen in dieser Richtung sind reine Spekulation. Sicher ist lediglich, dass eine derartige Großaktion minutiös vorbereitet werden muss. Ob Arminius allerdings - wie einige Historiker mutmaßen - während einer religiösen Versammlung benachbarte Stämme oder deren Fürsten von der Notwendigkeit des Überfalls überzeugt, kann niemand wissen. Ebenso spekulativ sind die Thesen, er wolle einen allgemeinen germanischen Aufstand anzetteln, als germanischer Freiheitsheld in die Annalen eingehen oder sich gar zum König der Germanen krönen lassen.

Wie die Motivlage ist auch die konkrete Rolle des Arminius bei der Vorbereitung des Überfalls unklar. Ist es tatsächlich vorstellbar, dass er es geschafft hat, neben seinem normalen Militärdienst als Führer einer Auxiliartruppe, vier Stämme und Abertausende von Kriegern auf den Kampf vorzubereiten und zu koordinieren? Sollte er gar die Anlage des 400 Meter langen und zwei Meter hohen, bewehrten Walls veranlasst oder beaufsichtigt haben, hinter dem sich die germanischen Kämpfer verborgen haben? Fachleute schätzen die Bauzeit dieses Walls auf etwa eine Woche. So lange soll der Cheruskerfürst sich von seiner Truppe entfernt haben? Sehr unwahrscheinlich, aber niemand weiß etwas Genaues.

Angriff auf die Kollegen

Aus der Kenntnis der Funde in Kalkriese und des römischen Militärapparates, lässt sich dagegen mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit der Verlauf der Schlacht rekonstruieren. Einiges spricht dafür, dass Arminius die Legionen an deren zweiten Marschtag vom Sommer- ins Winterlager zum ersten Mal mit der ihm unterstellten, cheruskischen Hilfstruppe überfällt. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich das Heer noch mehrere Kilometer vom Kalkrieser Schlachtfeld entfernt. Wahrscheinlich nutzen die Angreifer die bestmögliche Tarnung, nämlich: Gar keine, sie tragen die übliche Kleidung der Auxiliarsoldaten und reiten völlig offen auf ihre Kollegen zu. Erst als die ersten Speere fliegen, offenbart sich der Verrat.

Dieser Angriff trifft eine völlig ahnungs- und schutzlose Truppe und fordert sicherlich schon zahlreiche Tote und Verletzte. Trotzdem schaffen es die Römer zum Ende des Tages noch, ein einigermaßen gesichertes Lager zu errichten. Ob bereits an diesem Tag cheruskische Krieger an der Schlacht beteiligt sind, ist unbekannt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass dies am zweiten Tag der Fall ist. Auch spricht sich offenbar die Nachricht über den erfolgreichen Coup schnell herum, denn die Aufständischen erhalten nun Unterstützung von den benachbarten Brukterern und Marsern; später stoßen noch Chatten hinzu. Wie viele germanische Krieger letztendlich an der Schlacht beteiligt sind, ist unbekannt. Einige Historiker schätzen die Zahl auf etwa 20.000, andere vermuten, dass bei dieser besonderen Art der Kriegsführung auch die Hälfte ausreichen könnte.

Beute statt Freiheit

Zitatgalerie: Wer schlug Varus
Wer schlug Varus? Quelle: ZDF

Sie alle werden angelockt von der Aussicht auf reiche Kriegsbeute - zu Recht. Die Taktik des Arminius ist äußerst erfolgreich, und die Schätze, die ein 20.000-Mann-Heer samt Tross mit sich führt, sind in germanischen Augen immens. Nachdem die Schlacht am dritten Tag endgültig zu Gunsten der Germanen entschieden ist, raffen die Sieger bei Kalkriese gierig ihren Sold: Sie plündern ihre Gegner und schrecken selbst vor Leichenfledderei nicht zurück. Zwar werden bei Ausgrabungen nach 1987 auf dem vermutlichen Schlachtfeld Abertausende Funde gesichert, doch meistens handelt es sich lediglich um kleinste Teile. Die wenigen größeren Fundstücke, wie Masken und Schilde, sind für die Sieger nutzlose Reste, den Germanen geht es nur um die wertvollen Beschläge aus Metall und Silber.

Sollte der Verlauf der Schlacht sich tatsächlich so darstellen lassen, würde dies auch einen Eindruck von der Motivation der Germanen vermitteln. Die planvollen Vorbereitungen, wie der Wall, schließen einen Spontanaufstand aus. Der verspätete Einstieg einiger Stammesverbände in die Schlacht weist aber darauf hin, dass sie erst sicher sein wollten, diese erfolgreich zu gestalten - und erfolgreich hieß, reiche Kriegsbeute zu machen. Der Gedanke an einen heroischen Freiheitskampf rückt so in weite Ferne ebenso der an die Vision eines vereinigten Germanen-Reiches. Die unmittelbar nach der Varusschlacht wieder aufbrechenden inner-"germanischen" Konflikte und die Ermordung von Arminius durch seine eigene Sippe weisen in die gleiche Richtung.

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