Wilder Planet: Bebenalarm in Tokio

Millionenstadt in ständiger Bedrohung

Aus dem Weltall erscheint die Erde ruhig. Aber die Kontinente, die Meere befinden sich in langsamen, stetigem Wandel. Etwas gibt es nach vier Milliarden Jahren Erdgeschichte erst seit kurzem: Zentren der Zivilisation, die den unbändigen Naturgewalten ausgeliefert sind.

Tokio ist die größte Stadt der Welt. Wohl nirgendwo stehen so viele Gebäude so dicht nebeneinander, unbebaute Flächen gibt es kaum. In Tokios Straßen leben 37 Millionen Menschen. Die wenigsten leben in der City. Millionen Pendler drängen morgens in die Stadt und abends wieder hinaus. Die Enge des endlosen Häusermeers birgt bei einem Erdbeben große Risiken. Und die Menschen leben mit der Gefahr, die unter der lärmenden Metropole lauert. Bis zu 50.000 Menschen bewegen sich in Tokio tagsüber auf einem Quadratkilometer. Vor allem zu den Geschäftszeiten sind die Straßen und Häuser voll.

Beliebt sind alte Wohnbezirke

Wohnhaus in Tokio Quelle: ZDF

Im Zentrum zu wohnen ist zu teuer. Wenige Kilometer entfernt liegen die Wohnviertel. Viele Menschen wollen in einem modernen Appartmenthaus leben, beliebt sind aber vor allem die weniger anonymen alten Bezirke. Sechs Millionen Menschen wohnen in den traditionellen Stadtteilen, die als nicht erdbebensicher gelten. Neben der engen Bebauung ist es die traditionelle Konstruktion der Häuser aus Holz. Das Material ist zwar sehr flexibel - aber auch leicht brennbar. Typischerweise leben darin Klein-Familien. An das Leben mit der Erdbebengefahr sind sie gewöhnt. Leichte Erschütterungen sind eine fast alltägliche Situation, der man meist nur wenig Beachtung schenkt.

Eines der wichtigsten Zentren Tokios ist Tsukiji - der größte Fischmarkt der Welt. Wohl nirgendwo treffen sich so viele Menschen auf engstem Raum. 50.000 Fischhändler verkaufen täglich frischen Fisch. Kurz nach 1923 erbaut, mahnt die alte Stahlkonstruktion zur Vorsicht. Damals ein modernes Gebäude würden starke Erschütterungen die Hallen heute schnell zum Einsturz bringen. Fluchtwege gibt es keine. Hunderte von Motorwagen transportieren den Fisch zu den Käufern. Ein Markt als Synonym für eine ganze Stadt: zu viele Menschen, Maschinen und Materialien auf zu engem Raum. Im Falle eines starken Bebens hätte das Gemäuer keine Chance.

Fischmarkt Tsukiji Quelle: ZDF

Enge Bebauung als Problem

Solche "Verwundbaren Punkte" findet man überall in Tokio. Mehrstöckige Straßen führen vorbei an den Fenstern der Wohn- und Bürohäuser - irgendwo in Höhe des 3. bis 5. Obergeschosses. Diese Lebensadern halten den Verkehr in Fluss. Fast 100 Kilometer Hochstraßen wurden in den letzten 30 Jahren gebaut. Noch nie waren die Verkehrswege einem starken Erdbeben ausgesetzt. Doch die baulichen Standards in Tokio sind sehr hoch. Das eigentliche Problem ist die Enge. Bei einem Erdbeben wollen die Leute Platz haben, um wegzukönnen. Und alles was zusätzlich in den Weg kommt, verschärft das Problem.

Fahrgäste in der U-Bahn Quelle: ZDF

Am engsten ist es in den U-Bahn-Röhren - den wichtigsten Verkehrswegen. Diese städtischen Lebensadern nutzen viele und zwar mehrmals täglich. Im Zwei-Minuten Takt strömen gewaltige Menschenmengen aus den Zügen. In der Rush Hour quetschen sich rund vier Millionen Pendler in die Waggons. Sie verbringen mehr als drei Stunden am Tag in der U-Bahn. Eine zermürbende Alltagsroutine und nicht ungefährlich. Kommt es während der Fahrt zu einem Beben, wird die volle U-Bahn zur Falle. Um das Schlimmste zu verhindern, kontrollieren Seismometer die Erdbewegungen und stoppen die Waggons im Notfall sofort. Eines kann man in einem solchen Fall jedoch kaum kontrollieren: den Faktor Mensch. Schnell kann die Enge eine Panik auslösen.

U-Bahn ohne Strom

Am Nachmittag des 23. Juli 2005 schlagen die Seismographen aus, die Magnitude beträgt 5,7 - eines der mittelschweren Erdbeben der letzten Jahre. Tausende von Menschen sind auf dem Weg nach Hause. Zuerst bricht die Stromversorgung zusammen, dann der öffentliche Nahverkehr. In ganz Tokio fährt fünf Stunden lang kein Zug, keine U-Bahn mehr. Es wird niemand verletzt, alle verhalten sich diszipliniert, aber die Pendler kommen erst am nächsten Morgen nach Hause.

Kreuzung im Stadtteil Shibuya Quelle: ZDF

Viele Teile Tokios wurden erst in den vergangenen Jahrzehnten neu gebaut. Eine Kreuzung im Stadtviertel Shibuya ist der wohl größte Anziehungspunkt. 200.000 Menschen überqueren sie jeden Tag. Tokio ist unter den Megacities dieser Welt, die wohl am besten organisierte. Gesetze werden nicht übertreten. Keiner raucht auf der Straße. Niemand überquert bei Rot den Zebrastreifen. Vielleicht ist es diese Disziplin, die trotz der Hektik und der vielen Menschen den Alltag aufrecht erhält.

Hervorragendes Training

Dennoch wissen die Bewohner um die drohenden Gefahren. Fast jeder in Tokio hat bereits Erfahrungen mit Erdstößen gesammelt. Im Prinzip weiß auch jeder, wie man sich im Ernstfall verhält. Am Anfang herrscht natürlich Chaos. Aber danach greifen wieder die normalen Mechanismen. Ungefähr 85 Prozent der Menschen verhalten sich nach der Angst- und Schreckphase wieder normal. Die Japaner geben sich enorm viel Mühe hervorragend zu trainieren. Dazu herrscht der kulturelle Grundsatz: nicht das Gesicht verlieren, in der Situation ganz schnell wieder funktionieren und "seinen Mann" stehen.

Seismograph vom historischen Beben 1923 Quelle: ZDF

Das letzte Mega-Erdbeben ereignet sich am 1. September 1923 um 11.58 Uhr. Das Beben mit einer Magnitude von 8,3 kommt überraschend und schlägt mit unfassbarer Härte zu. Ganze vier Minuten halten die Erdstöße an. Danach folgt der Ausnahmezustand. Tagelang brennen Hunderttausende von Holzhäusern im gewaltigsten Feuer, das die Stadt je erlebt hat. Die Journalisten werden später von schwarzen Rauchwolken berichten, die noch in 100 Kilometer Entfernung zu sehen waren. Mehr als 100.000 Menschen fallen den Flammen zum Opfer - eine der schlimmsten Katastrophen, die die Menschheit je erlebt hat. Tokio zog seine Lehren: Neugebaute Häuser sollten nun feuerfest sein. Breite Straßen dienen heute vor allem als Brandschneisen. So soll bei einem erneuten Beben, das Übergreifen der Flammen auf angrenzende Stadtbezirke verhindert werden.

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