Wilder Planet: Die Sintflut

Das Gilgamesch-Epos - Mythos oder Wahrheit?

Seit Jahrzehnten erlebt die Welt sich häufende Wetterkatastrophen. Durch Flutkatastrophen werden Millionen obdachlos, Hunderttausende sterben. Als Ur-Szenario gilt die biblische Sintflut. Dass es eine solche Sintflut vor tausenden Jahre gegeben hat ist in der Forschung unbestritten, nur über den Ort der Katastrophe sind sich die Wissenschaftler noch uneins.

Sintflutszenen sind nicht auf weit entfernte Regionen beschränkt - auch Deutschland wurde in den vergangenen Jahren immer wieder von Überschwemmungen heimgesucht.

Reaktionen auf Wetterereignisse

Im Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, IFM Geomar, werden Wetterphänomene und Klimaschwankungen auf der ganzen Welt beobachtet, Daten ausgewertet, Prognosen erstellt. Mehr als zweihundert Wissenschaftler sind damit beschäftigt, die Vorgänge im Ozean und ihre Wechselwirkung mit der Atmosphäre zu erforschen. Seit über zwanzig Jahren ist Prof. Mojib Latif, international anerkannter Experte für den Klimawandel, den globalen Veränderungen unseres Wetters auf der Spur, er analysiert auch Reaktionen auf außergewöhnliche Wetterereignisse.

War auch die biblische Sintflut eine lokal begrenzte Katastrophe, wie etwa das Elbehochwasser, von Zeitzeugen damals zum Mythos erhoben? Die Dramatik der eigenen Situation wird schnell ins Grenzenlose überhöht. So könnte aus den schrecklichen Erfahrungen weniger die phantastische Vision vom Untergang aller Menschen entstanden sein.

Mesopotamien

Das älteste Epos der Menschheit

Die Spuren der biblischen Sintflutgeschichte führen nach Mesopotamien, dem Land zwischen Euphrat und Tigris, Wiege der Zivilisation und Heimat der ersten Hochkulturen der Menschheit. Im Zweistromland werden Städte erbaut, Metropolen, in denen die Schrift erfunden wird. Und es entsteht das älteste Epos der Menschheit: eine Sintflut-Legende, weit älter als das Alte Testament.

Tatsachenberichte in Keilschrift

Im Jahr 1872 graben Archäologen in den Ruinen der Assyrerhauptstadt Ninive: Unter den abtransportierten Funden sind Tausende von Tontafelfragmenten, die in die Hände des britischen Altertumsforschers George Smith gelangen. Er schafft es, einen Teil der Texte zu enträtseln, sie berichten von einem Weltmythos: Der Sintflut. Der Forscher vermutet, dass es sich um das Vorbild der biblischen Erzählung handelt. Wie elektrisiert reist Smith selbst nach Mesopotamien, um nach dem Rest der Keilschrifttafeln zu fahnden.

Schon am Abend des fünften Grabungstages schickt Smith eine Depesche nach England: "Habe ein neues Fragment des Sintflutberichtes gefunden, in dem es um den Befehl zum Bau der Arche geht." Smith entdeckt immer mehr Teile eines gigantischen Puzzles. Zurück in London setzt George Smith seine Forschungen fort. Wie im Fieberwahn arbeitet er an der Entschlüsselung der Keilschrift. Nach tagelanger, fast ununterbrochener Arbeit kann er die Tafeln dekodieren. Vor ihm liegt die älteste menschliche Aufzeichnung einer Flutkatastrophe - das sumerische Gilgamesch-Epos.

Für Smith ist das Epos nicht Dichtung, sondern ein Tatsachenbericht. Die Katastrophe - so die Quelle - traf die Menschen unvorbereitet, mitten im Leben. Und die Ereignisse, von denen die 11. Tafel erzählt, stimmen verblüffend genau mit der Bibel überein. "Eine Sintflut zu machen, danach entbrannte das Herz den Großen Göttern", heißt es im Gilgamesch-Epos.

Spielszene Flüchtlinge vor der Flut

"...erschraken selbst die Götter"

"Die Himmel überfiel ... Beklommenheit, jegliches Helle in Düster verwandelnd; das Land, das weite, zerbrach wie ein Topf. Einen Tag lang wehte der Südsturm, eilte dreinzublasen, die Berge ins Wasser zu tauchen. Wie ein Kampf überkam er die Menschen. Der eine sieht den anderen nicht, nicht erkennbar sind die Menschen im Regen. Vor dieser Sintflut erschraken selbst die Götter. ... Sie klagen mit ihr. ... Sechs Tage und sieben Nächte geht weiter der Wind, die Sintflut, ebnet der Orkan das Land ein." so das Gilgamesch-Epos. Ähnlich die Klage der Bibel: "An diesem Tag brachen alle Quellen der gewaltigen Urflut auf, und die Schleusen des Himmels öffneten sich."

In Mesopotamien liegt der Ursprung des Mythos. Das ist wissenschaftlich unbestritten, doch ist das Zweistromland auch der Tatort der Katastrophe? Der Boden ist ausgedörrt, hart wie Stein. Erst die Überschwemmungen machen ihn fruchtbar. Ähnlich wie am Nil nehmen die Menschen an Euphrat und Tigris sie als Geschenk der Götter an. Hochwasser ist ihnen Segen, nicht Fluch. Und es gibt keinerlei wissenschaftliche Indizien, keine geologischen Beweise für eine Katastrophe diesen Ausmaßes.

Mythos aus der Ferne?

Kann der Mythos aus einem anderen Landstrich stammen, wurde er weit weg von Euphrat und Tigris geboren? Dann hätten Flüchtlinge die Legende vom Untergang als mündliche Tradition in das Zweistromland gebracht. Vertriebene, die durch die Flut alles verloren hatten, und nun in ihrer neuen Heimat von der unvorstellbaren Katastrophe erzählten. Wurde so das älteste Epos der Menschheit begründet?

Zur Decodierung der geheimnisvollen Keilschriftzeichen stellen Biophysiker von der Universität Münster im Berliner Pergamonmuseum dreidimensionale Kopien der Tafeln her, so genannte Hologramme. Durch die Projektion mit Laserlicht sollen die zerborstenen Schrifttafeln an den Bruchstellen zusammengefügt und als vollständige Texte entschlüsselt werden, denn bisher konnte erst jede zehnte Tafel entziffert werden. So können Wissenschaftler auf der ganzen Welt helfen, dieses Erbe der Menschheit zu entschlüsseln.

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