Wildes Mittelmeer

Urgewalten an der Wiege Europas

Aus der Sicht von Geologen ist der Mittelmeerraum eine Ansammlung von Pulverfässern. Vor allem die Küsten des östlichen Mittelmeeres wurden in der Vergangenheit immer wieder von verheerenden Vulkanausbrüchen, Erdbeben und Tsunamis heimgesucht.Trotz dieser Gefahren erblühte entlang der Mittelmeerküsten eine Hochkultur nach der anderen – ob Ägypten, Griechenland oder das Alte Rom. An diesen Küsten entstand unsere abendländische Kultur.

Die Inseln der Ägäis sind Perlen im östlichen Mittelmeer. Bereits vor rund 4000 Jahren siedelten dort die Minoer, die erste europäische Hochkultur. Sie waren bereits Kinder der Bronzezeit, als viele andere Völker noch weitaus rückschrittlicher waren.. Ihr Zentrum war auf Kreta. Auch auf der Kykladeninsel Thera ließen sie sich nieder, dem heutigen Santorin – ohne zu ahnen, welch teuflische Kräfte unter ihren Füßen entfesselt wurden: Ihre Heimat lag auf den Rändern eines gigantischen Vulkans, dessen alter Krater vom Meer verdeckt war. Nach einer jahrtausendelangen Ruhepause bahnte sich die Schmelze aus einer riesigen Magmakammer ihren Weg aus der Tiefe, und der Supervulkan erwachte zum Leben.

Global Player der Bronzezeit

Der Ausbruch des Santorin-Vulkans besaß immense Zerstörungskraft. Unter einer bis zu 50 Meter dicken Schicht aus Asche und Bimsstein wurde alles Leben begraben. Bis heute sind dort die Auswirkungen der verheerenden Eruption zu erkennen – aber nicht nur dort: Durch den Einbruch der Magmakammer wurden riesige Wassermassen schlagartig in Bewegung gesetzt – ein Tsunami traf Kreta mit voller Wucht, überflutete die Nordküste und zerstörte die Häfen. Grabungen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurden, ermöglichen uns einen Blick zurück in das Leben des antiken Volkes. Sie zeigen eine Schaffenskraft in Kunst, Handwerk und Architektur, die zur damaligen Zeit in Europa einmalig war. Kretas isolierte geografische Lage im Mittelmeer war für die Menschen kein Nachteil, vielmehr ein Schlüssel zum Erfolg: Umgeben von zahlreichen Ägäisinseln, dennoch nicht zu weit vom Festland entfernt, hatte man einen hervorragenden Ausgangspunkt für Handelsbeziehungen zum gesamten Mittelmeerraum. Insbesondere durch ihren Handel mit den reichen Ländern im Osten wurden die Minoer zur herrschenden Seemacht, zum „Global Player“ der Antike.

Handelswege der minoischen Schiffe (Grafik)
Handelswege der minoischen Schiffe

Zudem trieben die beständigen Winde aus Westen und Norden ihre Segelschiffe zu den mächtigen Kulturen im Vorderen Orient und nach Ägypten. Das große Reich am Nil verschlang in seiner Blütezeit Unmengen an Rohstoffen, und die Minoer lieferten den Nachschub über ihr ausgefeiltes Handelsnetz. Ihre Überlegenheit stützte sich auch auf die Flotte: Schiffe wurden der steigenden Nachfrage angepasst. Es gelang, den Frachtraum zu vergrößern und gleichzeitig die Mannschaftsstärke zu reduzieren. Das kostbarste Handelsgut der Minoer war Bronze, eine Legierung aus Kupfer und Zinn. Das zu jener Zeit neu entdeckte Metall lässt sich leicht verarbeiten und wird sehr hart, es eignet sich dadurch perfekt für die Herstellung von Werkzeugen und Waffen. Zwar besaßen die Minoer selbst weder Zinn noch Kupfer. Doch während sie Ersteres im Austausch über weite Handelswege bekamen, mussten sie, um an Kupfer zu gelangen, gar nicht weit fahren. Auf Zypern gab es den Rohstoff in Hülle und Fülle. Die Insel war jahrhundertelang der größte Kupferproduzent der Welt.

Reichtümer aus dem Mittelmeer

Schema eines Black Smokers (Grafik)
Das Wasser bewirkte ein Ausfällen der Kupferverbindungen aus den Schloten.

Wie gelangte das Kupfer nach Zypern? Vor rund 150 Millionen Jahren befanden sich an dieser Stelle des Meeresbodens hochaktive Produktionsstätten von Erzen: heiße hydrothermale Quellen, sogenannte Black Smoker. Aus den Schloten drang über 400 Grad heißes Wasser. Beim Kontakt mit dem kalten Meerwasser fielen schwerlösliche Stoffe, wie zum Beispiel Kupferverbindungen, aus. Das heißt, sie bildeten einen Niederschlag, der sich am Meeresboden ablagerte. Durch den Druck der Afrikanischen Platte wurde der Ozeanboden mitsamt dem begehrten Rohstoff emporgehoben. So wurde schließlich die Insel Zypern geboren, die Kupferlagerstätten gelangten in Reichweite. Der Handel mit Rohstoffen verhalf den Minoern zu Ansehen und Macht. Doch die Naturgewalten, die ihnen den Reichtum bescherten, leiteten gleichzeitig ihren Niedergang ein. Die Folgen des Vulkanausbruchs und der Tsunamiwelle machten der Supermacht schwer zu schaffen. Andere Stämme und Völker gewannen an Einfluss in der Region, das antike Griechenland entstand, eine Demokratie, die sich im gesamten Mittelmeerraum etablierte.

Neben dem Santorin-Vulkan verdanken mehrere Feuerberge in der Ägäis und an der italienischen Küste ihre Existenz dem unruhigen Untergrund in der Region. Hier taucht die Afrikanische Erdplatte unter die Eurasische und wird im Erdinneren aufgeschmolzen. Im verhältnismäßig dünnflüssigen Magma steigen Gasblasen auf und sorgen für häufige Eruptionen. Traurige Berühmtheit erlangte der Ausbruch des Vesuvs, der im Jahr 79 nach Christus vier Tage lang Lava, Gesteinsbrocken und Aschewolken spie und die römische Stadt Pompeji unter Asche und Bims begrub. Obwohl der Vesuv zu den gefährlichsten Vulkanen der Welt zählt, leben heute rund drei Millionen Menschen in seinem Schatten.

Schwefelkrater und versunkene Villen

Magmakammer unter den Phlegräischen Feldern (Grafik)
Die Ursache für das Heben und Senken der Region liegt tief im Untergrund.

Etwa 20 Kilometer entfernt, bei Pozzuoli, einem Vorort von Neapel, ist die Hitze unter der Erde für eine Reihe rätselhafter Phänomene verantwortlich: Straßenasphalt ist mancherorts selbst noch mitten in der Nacht bis zu 45 Grad Celsius heiß. Und entlang der Bucht von Pozzuoli hebt und senkt sich die Erde immer wieder, in manchen Jahren sogar mehr als einen Meter – der Untergrund scheint zu atmen. Auf diese Weise ist heute ein großer Teil des antiken Baia, wo reiche Römer einst dem „dolce far niente“ frönten, im Meer versunken. In einem archäologischen Unterwasserpark zeugen die Überreste mehrerer Villen in bis zu zehn Meter Tiefe vom ehemaligen Glanz der luxuriösen Stadt. Oberhalb von Pozzuoli befindet sich der Solfatara-Krater, in dem ein Tümpel aus schwefelhaltigem Schlamm brodelt. Die alten Griechen nannten diese Gegend, in der es überall brodelt und zischt, „brennende Felder“ – Campi Flegrei lautet der italienische Name. Die Römer vermuteten hier den Eingang zur Unterwelt, waren aber pragmatisch – und  genussfreudig – genug, um die Heißwasser- und Schwefelquellen für die antike Wellness zu nutzen.

In circa sechs Kilometer Tiefe findet sich die Ursache all dieser Phänomene: Eine riesige Magmakammer heizt Flüssigkeiten in der Erdkruste so stark auf, dass sie sich ausdehnen und den Boden heben. Lässt der Druck wie durch ein Ventil nach, senkt er sich wieder. Vor 39.000 Jahren hatte sich so viel Druck aufgebaut, dass der Vulkan ausbrach und mehr als 250 Kubikkilometer Lava ausspie. Er bildete einen 150 Quadratkilometer großen Einsturztrichter, eine Caldera. Die gewaltige Menge von Aschepartikeln in der Atmosphäre verminderte die Sonneneinstrahlung und veränderte so das Klima. Die Auswirkungen der gewaltigen Eruption waren bis nach Russland spürbar. Welche Kraft dieser Vulkan in Zukunft entwickeln könnte, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Manche gehen davon aus, dass seine Sprengkraft zehnmal so groß sei wie die des Vesuvs, andere befürchten, dass hier ein Supervulkan schlummert. Laut einer aktuellen Studie habe der Ausbruch vor etwa 39.000 Jahren wahrscheinlich zum Aussterben der Neandertaler beigetragen. Um die vulkanische Aktivität im Auge zu behalten, wird die Region seit Jahrzehnten mit modernsten Messmethoden überwacht.

Antiker Baustoff mit Zukunft

Ausgerechnet mit der Asche aus solchen Eruptionen erbauten die Römer einst ihr Weltreich. Zusammen mit Kalk, Sand, Kieseln und Wasser lässt sich aus der sogenannten puzzolanischen Vulkanasche  „opus caementitium“ anrühren, römischer Beton. Er ist druckfester und bildet weniger Risse aus als moderner Beton. Dank seiner Beständigkeit stehen viele römische Bauwerke selbst nach 2000 Jahren noch, beispielsweise das Kolosseum und das Pantheon in Rom. Als Baustoff für Wasserleitungen wie für Hafenanlagen war er bestens geeignet. Heute gibt es Überlegungen, mit Beton nach antikem Rezept radioaktiven Müll zu versiegeln.

Rom sicherte sich mit der Eroberung ausgedehnter Gebiete rund um das Mittelmeer nicht nur Macht, sondern auch wertvolle Ressourcen. Die Unterwerfung zahlreicher Provinzen ermöglichte den  Zugang zu Rohstoffen und Nahrungsmitteln, die das Land für die wachsende Bevölkerung dringend brauchte.

Um 100 nach Christus, zu Zeiten der größten Ausdehnung, umfasste das römische Reich um die vierzig Provinzen, darunter auch nordafrikanische Gebiete wie Ägypten und die Provinz Africa. Ein gut ausgebautes Straßensystem und Städte mit mehreren Zehntausend Einwohnern waren entstanden. Der Schwachpunkt des Römischen Reiches war allerdings die Verteidigung seiner teils entlegenen Grenzen. Die Stärke der Armee reichte bald nicht mehr aus, um Eindringlinge an allen Fronten erfolgreich abzuwehren. Als das Imperium zerfiel, drängten in das Gebiet am Mittelmeer andere Völker, die Land und Einfluss beanspruchten.

Doch auch das Meer, an dem so viele Reiche und Zivilisationen erblühten und wieder untergingen, hat nicht für immer und ewig Bestand: Das „mare nostrum“ der Römer wird irgendwann wieder verschwinden – wie es in der Erdgeschichte schon mehrfach passiert ist. Wenn die Kontinentalplatte Afrikas weiter wie bisher gegen die europäische Platte driftet, wird sich in etwa dreieinhalb Millionen Jahren, so vermuten es einige Forscher, die Meerenge von Gibraltar schließen. Ohne Verbindung zum Atlantik wird das Mittelmeer austrocknen und eine Salzwüste hinterlassen.

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