Wincklers Tontafelfunde

Der Grundstein für die Entdeckung Hattusas

Im 2. Jahrtausend vor Christus lenkten die Großmächte Babylon, Assyrien und Ägypten die Geschicke im Vorderen Orient. Während des Ausgrabungsbooms Ende des 19. Jahrhunderts bestätigten spektakuläre Funde die Quellen aus dem Altertum. Doch dann tauchten Keilschrifttafeln und Steinfragmente mit Hieroglyphen in einer unbekannten Sprache auf.

Spielszene Winckler in den Ruinen von Hattusa Quelle: ZDF

Einige der Funde stammten aus Syrien, die meisten aber aus Anatolien. Die rätselhaften Zeichen waren der erste Hinweis auf ein Großreich, das den Rivalen an Euphrat und Nil mit Waffengewalt entgegentrat.

Der geeignete Kandidat

Im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft sollte der Berliner Gelehrte Hugo Winckler in Istanbul zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Botschaften aus der Vergangenheit entschlüsseln. Schon seit Jahren verfolgte er die Spur der Hethiter, die nicht nur das Alte Testament mehrfach erwähnt. Auch ägyptische und assyrische Texte berichten von diplomatischen Kontakten mit den sagenhaften Herrschern. Keilschrift und Sprache der bekannten Völker im Vorderen Orient konnte der Fachmann mühelos lesen. Somit war Winckler der geeignete Kandidat für die Funde aus Anatolien.


Eines Tages brachte ihm der Konservator des Ottoman-Museums von Istanbul ein Dokument aus Ton. Es wurde wenige Tage zuvor abgegeben. Wie Winckler glaubte auch Theodore Macridy Bey, dass die jüngsten Entdeckungen ein Vermächtnis der Hethiter seien. Voller Zuversicht übergab er das wertvolle Studienmaterial. Doch der Professor musste den türkischen Beamten enttäuschen. Obwohl ihm die Keilschrift vertraut war, verstand nicht einmal er die Bedeutung der Worte.

Rätselhafte Ruinen

Die Sprache, die sich hinter den altertümlichen Zeichen verbirgt, blieb ihm fremd, so sehr der Deutsche auch grübelte. Weder seine profunden Kenntnisse in Babylonisch noch in Assyrisch halfen weiter. Höchstens der Fundort könnte über die Verfasser der Jahrtausende alten Nachricht Aufschluss geben. Die unscheinbare Tontafel holten Ausgräber in den Ruinen von Boghazköy aus der Erde. Seit ihrer Entdeckung im Jahr 1834 gab die Anlage Rätsel auf.


Am 14. Oktober 1905 brachen Hugo Winckler und Macridy Bey mit einer eilig ausgerüsteten Expedition ins wilde Hochland von Anatolien auf. Die beiden Männer folgten bekannten Pfaden. Schon lange vor ihnen hatten Archäologen und Abenteurer die abgelegene Stätte erkundet. Doch keinem war es bisher gelungen, die Identität der Erbauer ausfindig zu machen. Nach fünf Tagen quer durch die Berglandschaft erreichten die Reisenden endlich das Ziel. Der Berliner Professor stand am Tor zu einer untergegangenen Welt. Was er sah, übertraf seine kühnsten Erwartungen: mitten im Niemandsland kunstvoll verzierte Löwenfiguren, die eine Wehranlange bewachen. Für den Gelehrten, der sein Studierzimmer nur selten verlässt, ein überwältigender Anblick.

Mauerwerk Quelle: ZDF

Erste Bestandsaufnahme

Die Qualität der Steinmetzarbeiten und das massive Mauerwerk sprechen für das Baukonzept mächtiger Könige. Fernab der bekannten Reiche im Vorderen Orient ließen sie die uneinnehmbare Trutzburg hochziehen. Die Wände müssen einst viele Meter hoch in den Himmel gewachsen sein. Dazwischen ein Stadttor als Nadelöhr, durch das keiner ungesehen eindringen konnte. Nicht weit davon Fundamente für überdimensionale Hallen mit großzügig angelegten Treppen. Die befestigten Wälle bekrönte eine dicht gesetzte Reihe von Wehrtürmen - zum Schutz der Bewohner.

Ruinen über viele Kilometer Quelle: ZDF

Je weiter Hugo Winckler und Macridy Bey vordrangen, desto klarer entwickelte sich ein Gesamtbild: Eine Ansammlung aus zahlreichen Überresten von kleinen und großen Häusern, Lagerräumen und Straßenzügen - verteilt über das gesamte Plateau. Eine Mega-City des Altertums und das Zentrum einer Hochkultur, vielleicht sogar der Hethiter. Doch noch fehlten Hugo Winckler verwertbare Beweise.

Suche nach lesbaren Dokumenten

Im Frühjahr 1906 unternahmen der Deutsche Hugo Winckler und sein türkischer Kollege eine zweite Expedition nach Zentralanatolien. Macridy Bey leitete die Ausgrabung, Hugo Winckler studierte die Tontafelfragmente, die sie zuhauf bargen. Wochenlang wühlten die Arbeiter im Geröll. Fieberhaft suchten sie nach Keilschrifttexten in einer der bekannten Sprachen. Und sie wurden fündig.


Die in Babylonisch verfassten Tafeln konnte der Schriftgelehrte auf Anhieb lesen. Aber die Zeilen offenbarten nicht, welches Volk in den Gemäuern lebte. Schließlich hielt der Alt-Orientalist zwei weitere Bruchstücke in der Hand. Schon die ersten Worte machten ihn stutzig. Denn der Inhalt kam ihm bekannt vor. Er führt in das weit entfernte Reich der gottgleichen Pharaonen im 13. Jahrhundert vor Christus.

Sternstunde für die Wissenschaft

Auch dieser Text war in Babylonisch. Offensichtlich ein Abkommen mit dem Wortlaut: "Ria-ma-sche-scha Schari-ra-bi. Siehe, Ramses-geliebt-von-Amun, der Große König von Ägypten, ist in gutem Frieden und guter Brüderschaft mit Hattusili, dem Großkönig, dem König des Landes Hatti. Und das Land Ägypten wird mit dem Land Hatti in Frieden und Brüderschaft sein wie wir bis in alle Ewigkeit." In staatlichen Korrespondenzen trugen nur die Herrscher politisch bedeutsamer Reiche den Titel "Großkönig". Das heißt: Der Vertragspartner von Ramses II., Großkönig Hattusili von Hatti, war ein ebenbürtiger Regierungschef.

Ruinen von Hattusa Quelle: ZDF

Winckler und Macridy ahnten, dass die Fragmente aus dem Jahr 1259 vor Christus den entscheidenden Beweis für ihre Theorie liefern: Die Ruinen im Hochland von Anatolien sind die Überreste von Hattusa, der Hauptstadt des Hethiterreiches. Denn derart hochrangige Dokumente lagerten immer im Archiv eines Machtzentrums. Wincklers Entdeckung war die Basis für die weitere Erforschung der vergessenen Dynastie. Aber erst seinen Nachfolgern gelang es, die Sprache der Hethiter zu entschlüsseln. Seither tüfteln Wissenschaftler aus aller Welt nicht nur an der Rekonstruktion der Ruinen, sondern vor allem an der Übersetzung der vielen tausend Texte in Keilschrift.

Einblicke in die Welt der Hetither

Neben den zahllosen filigranen Zeichen entwickelte das Volk eigene Hieroglyphen für Tempel und bedeutende Gebäude. Eine Schriftkultur von außergewöhnlichem Reichtum. Hinzu kommt die in Stein verewigten Bilder: Hauptsächlich Schutzfiguren mit der Funktion, Hattusa vor allem Übel zu bewahren. Die Hinterlassenschaften geben Einblick in die verschollene Welt der Hethiter, die schon Griechen und Römer nicht mehr kannten.

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