"Wir haben den Grabfund danach noch besser verstanden"

Fragen an den BKA-Profiler Dr. Michael Baurmann

Ein Kriminalfall vor 4500 Jahren - eigentlich eine Angelegenheit für Archäologen. Könnte man meinen. Doch der Fall der Skelette von Eulau beschäftige auch einen BKA-Profiler: Dr. Michael Baurmann. Er ist Leiter der Kriminalistisch-kriminologischen Forschungsgruppe beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden.

BKA-Profiler Dr. Michael Baurmann in Eulau-Ausstellung
BKA-Profiler Dr. Michael Baurmann in Eulau-Ausstellung Quelle: imago/Steffen Schellhorn

ZDF: Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von dem Projekt "Tatort Eulau" gehört haben?

Baurmann: Als ich zum ersten Mal von dem Projekt "Tatort Eulau" hörte, dachte ich, dass dies kein Fall für einen polizeilichen Fallanalytiker, im Volksmund "Profiler" genannt, ist. Meine Einschätzungen speisten sich aus folgenden Punkten: Das damalige Geschehen vor 4500 Jahren hatte womöglich nichts mit Kriminalität zu tun. Das Geschehen passierte vor so langer Zeit und in einer anderen Kultur - da haben wir zu wenige Vergleichsmaßstäbe. Sicherlich hatte man damals noch keine kriminaltechnische Tatortarbeit gemacht und somit ging ich von einer sehr lückenhaften Datenlage aus, die sich deshalb für die kriminalistische Bearbeitung des Falles grundsätzlich nicht eignen würde.

ZDF: Was hat Sie dann doch überzeugt und gereizt, beim "Tatort Eulau" mitzuarbeiten?

Baurmann: Als mir das interdisziplinär arbeitende archäologische Team den Fund und die erhobenen, naturwissenschaftlichen Daten näher beschrieb, da staunte ich nicht schlecht. Für den "Tatort Eulau" lagen tatsächlich sehr umfangreiche und objektiv belastbare Daten vor, auf deren Basis man schon früh erkennen konnte, dass es sich womöglich doch um einen - wenn auch sehr alten - Kriminalfall handelte, und dass durchaus kriminalistische Ableitungen im Sinne einer Fallanalyse möglich sein könnten. Es zeichnete sich die Möglichkeit ab, dass die polizeiliche Kriminalanalyse eventuell einen wertvollen Beitrag im Rahmen eines archäologischen Teams leisten könnte. Der Gedanke, diese moderne polizeiliche Methode in einer anderen Disziplin, der Archäologie, und bezogen auf einen "kriminalistischen Uraltfall" zu erproben, das fand ich spannend. Es schien mir reizvoll zu versuchen, durch den Einsatz von unterschiedlichen Wissenschaften, die miteinander im Gespräch sind, einen Mehrwert, also noch tiefer gehende Erkenntnisse zu gewinnen.

Eulau: Knochenstück wird in Massenspektrometer untersucht
Eulau: Knochenstück wird in Massenspektrometer untersucht Quelle: ZDF

ZDF: Wo sehen Sie Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Herangehensweise zwischen Ihnen und den anderen Wissenschaftlern?

Baurmann: Die beteiligten Wissenschaftler sind sich ähnlich in dem Sinn, dass sie alle empirisch arbeiten und in ihrem Arbeitsfeld jeweils den Anspruch haben, mit den neuesten Methoden zu arbeiten und entsprechende wissenschaftliche Qualitätsmaßstäbe anzulegen. Allen war glücklicherweise auch gemeinsam, dass sie für interdisziplinäres Zusammenarbeiten aufgeschlossen waren und alle davon ausgingen, dass wir den Grabfund besser verstehen werden, wenn wir die jeweiligen Analyseergebnisse miteinander diskutieren. Auch waren wir alle gewohnt, mit Arbeitshypothesen, mit Gegenthesen, mit Nullhypothesen und mit Hypothesengebäuden zu arbeiten, die erst einmal zu belegen sind. Die einzelnen angewandten Methoden unterschieden sich natürlich ganz wesentlich voneinander und es kam auch zum Ausdruck, dass Natur- und Geisteswissenschaften mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitsgraden arbeiten.

Internationales Forscherteam
Internationales Forscherteam untersucht Fall Eulau Quelle: ZDF,Juraj Liptak/LDA Sachsen Anhalt

ZDF: Und wie beurteilen Sie heute die Zusammenarbeit?

Baurmann: Ich habe den Eindruck, dass bei diesem interdisziplinären Analyseprozess alle Beteiligten voneinander profitieren konnten. Wir haben den Grabfund danach noch besser verstanden.

ZDF: Was waren für Sie bei dem Projekt "Tatort Eulau" die erstaunlichsten Erkenntnisse?

Baurmann: Ein Punkt, der aus meiner Sicht, nämlich der polizeilichen Fallanalyse, im Vordergrund stand, war beispielsweise das Thema "Wie schätzen wir die Mobilität der Menschen in der Steinzeit ein?" und "Wie ist eine der wichtigsten und empirisch mehrfach belegten Grundthesen mit Blick auf den Grabfund einzuschätzen, nämlich dass Tötungsdelikte in der Jetztzeit
a) vornehmlich durch bekannte oder verwandte Täter begangen werden (außer im Kriegsfall) und
b), dass die Täter meist aus der geografischen Nähe der Opfer kommen?"
Arbeitshypothese "Täter kamen aus der Nähe" und Gegenthese "Täter waren Fremde, ohne Bezug zu den Bestatteten von Eulau" ließen sich mit großer Spannung durchdeklinieren. Ich meine nach unserer gemeinsamen Analyse beispielsweise, dass eine recht hohe Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass die Täter "alte Konfliktpartner" waren und - aus der Sicht der bestatteten Opfer -geografisch aus einem relativ nahen Raum kamen und dass es sich um einen Überfall handelte, der mit List durchgeführt worden war. Es war für mich ein erstaunliches Teilergebnis, dass man dieses soziale Konfliktverhalten mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dieser sehr alten Grablegung noch nachträglich herauslesen kann.

Ausstellung der Skelette von Eulau
Ausstellung der Skelette von Eulau Quelle: imago/Steffen Schellhorn

ZDF: Eine persönliche Frage: Wie waren Ihre Empfindungen, als Sie zum ersten Mal die Skelette von Eulau in ihrer speziellen Anordnung gesehen haben?

Baurmann: Die Skelette aus dem Grabfund bei Eulau an der Saale habe ich zum ersten Mal im Landesmuseum in Halle gesehen. Versorgt mit den dazugehörigen archäologischen und historischen Hintergrunddaten und angesichts der modernen zeichnerischen Umsetzung zur Darstellung der Originallage der Skelette rührte mich sofort die hohe Emotionalität an, die in dieser sehr symbolhaft arrangierten Bestattungsart zum Ausdruck kommt. Soziale Zusammengehörigkeit, Trauerarbeit und Dokumentation eines Konflikts, die schon 4500 Jahre zurückliegen, kommen recht eindringlich zum Ausdruck. Diese damals ausgedrückten Emotionen rühren mich auch heute noch emotional an. Das fand ich erstaunlich, wie gut sich offensichtlich die Grabbestatter ausdrücken konnten.

ZDF: Reizt es Sie, auch in der Zukunft bei einem ähnlich gelagerten archäologischen Projekt mitzuwirken?

Baurmann: Ich betrachte diese gemeinsame Analyse zunächst einmal als einen spektakulären Einzelfall. Die Grablegung war sehr ausdrucksstark und die archäologische, historische und naturwissenschaftliche Aufarbeitung war sehr qualifiziert. Es gab zudem glücklicherweise noch ein paar aussagekräftige Zusatzbefunde, die in solchen Fällen nicht selbstverständlich sind - vordeliktische Knochenbrüche, eingedrungene Pfeilspitzen, über DNA abgesicherte Verwandtschaftsverhältnisse usw. Und anscheinend handelte es sich tatsächlich um einen Kriminalfall nach heutigem Verständnis. Insofern meine ich, dass es sich zunächst einmal um einen Glücksfall handelte, bei dem viele Informationen entschlüsselt werden konnten - auch 4500 Jahre danach noch. Insofern waren die Analysemöglichkeiten beim "Tatort Eulau" außergewöhnlichen, glücklichen Umständen zuzuschreiben. Diese treten selten ein.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet