"Wir haben Teile der historischen Expedition gefunden"

Fragen an Expeditionsleiter Arved Fuchs

Der Abenteurer Arved Fuchs tritt seit Jahrzehnten immer wieder waghalsige Reisen in menschenfeindliche Regionen an. Im Interview mit ZDFonline verrät er, wie es ihm während seiner Expedition nach Spitzbergen erging, wie er seine Touren bevorzugt gestaltet und was wir alle gegen ein Fortschreiten des Klimawandels tun können.

Arved Fuchs vor Spitzbergen Quelle: ZDF,Arved Fuchs


ZDFonline: Sie sind im Herbst vergangenen Jahres von Ihrer mehrmonatigen Spitzbergen-Expedition zurückgekehrt. Welche Erkenntnisse konnten Sie auf dieser Forschungsfahrt hinsichtlich Klimawandel und arktischer Eisschmelze gewinnen?


Arved Fuchs: Der Klimawandel und die Eisschmelze sind unübersehbar. Wir sind mit unserem Segelschiff bis auf 500 Seemeilen an den Nordpol herangesegelt, bevor wir auf das erste Eis trafen. Das wäre vor einigen Jahren nur mit Eisbrechern möglich gewesen. Ebenso konnten wir völlig ungehindert auch den Nordosten Spitzbergens umfahren. Dergleichen wäre noch vor zehn Jahren in dieser Form unmöglich gewesen. Das sind nur zwei Beispiele - es gibt derer leider sehr viele.


ZDFonline: Ein Teil der Expedition war die Spurensuche nach der deutschen Polarexpedition von Herbert Schröder-Stranz aus dem Jahr 1912/13. Welche Hinweise haben Sie gefunden, die Klärung in dieses Rätsel deutscher Polargeschichte bringen können?

Verwitterter Schuh Quelle: ZDF


Fuchs: Wir sind im Verlauf der Expedition der Route von Herbert Schröder-Stranz nachgefahren und haben dabei die einzelnen Stationen dieser historischen Expedition untersucht. Wir haben zudem an einer der letzten Lagerplätze der verschollenen Expedition einen Schuh, Teile eines Schlittens und Reste alten Hanftauwerks gefunden. Die Teile sind nachweislich der Schröder-Stranz-Expedition zuzuordnen.

Unveröffentlichtes Filmmaterial

Durch umfangreiche Recherche konnte zudem mehr oder weniger der genaue Verlauf der Expedition rekonstruiert werden, unter anderem gelang es auch, bisher unveröffentlichtes Filmmaterial der Expedition ausfindig zu machen. Ungeklärt bleibt nach wie vor, wie die Expeditionsteilnehmer gestorben sind und wo sie ihre letzte Ruhe gefunden haben. Hier wird der Zufall irgendwann zu Hilfe kommen müssen. Die Spuren verlieren sich endgültig an diesem von uns aufgesuchten Lagerplatz.


ZDFonline: Das Filmteam der ZDF-Dokumentation war mit an Bord, als ihr Schiff "Dagmar Aaen" entlang der Nordküste Spitzbergens unterwegs war. Was hat Sie bei der Arbeit für diesen Film am meisten beeindruckt?


Fuchs: Das Kamerateam musste sich ja in die Mannschaft integrieren und anpassen. Die "Dagmar Aaen" ist klein und spartanisch eingerichtet - das sind schon sehr schwierige Arbeitsbedingungen für ein Kamerateam. Insbesondere dann, wenn das Wetter stürmisch wird, Anlandungen dadurch nicht möglich sind und daher auch der Drehplan durcheinander gewirbelt wird. Trotzdem waren die beiden hoch motiviert und sehr engagiert bei der Sache. Und wir haben gemeinsam spannende Momente erlebt, unter anderem beim Auffinden der historischen Artefakte. So etwas lässt sich ja nicht planen, es passiert oder nicht. Wir hatten eben auch Glück, ein Team just in diesem Moment zur Seite zu haben.

Ein Freund der Extreme


ZDFonline: Im Laufe Ihrer Karriere unternahmen Sie mehrere Expeditionen in die unwirtlichsten Regionen der Erde. Welche Ihrer Reisen ist Ihnen bis heute am stärksten im Gedächtnis geblieben oder ist immer die nächste Expedition für Sie die aufregendste?


Fuchs: Es ist eigentlich immer die Expedition, die man gerade durchführt oder plant. Die früheren Expeditionen bleiben aber stets gegenwärtig - ein Leben lang . Sie sind ein Stück sehr intensiv gelebter Biografie von bleibendem Wert.

Arved Fuchs mit Hundeschlitten Quelle: ZDF


ZDFonline: Die Expedition ins Polarmeer Richtung Spitzbergen war zum einen eine Reise zurück in die Vergangenheit auf den Spuren der "Herzog Ernst" und zum anderen eine Forschungsreise, um aktuelle Fragestellungen des Klimawandels näher zu beleuchten. Wo liegt Ihr ganz persönliches Hauptinteresse: in der Vergangenheit oder in der Zukunft?


Fuchs: Mich hat Geschichte schon immer interessiert, die Polargeschichte dabei in einem besonderen Maße. Den Spuren einer historischen Expedition nachzugehen, bedeutet auch eine unmittelbare Konfrontation mit den Vorgängen der Vergangenheit. Man unternimmt eine Zeitreise in die Vergangenheit und kommt dadurch seinen Vorgängern auf eine sehr unmittelbare und intime Art und Weise näher.

Immer ein Blick in die Zukunft

Gleichzeitig bedeutet die Geschichte auch eine Art Brückenschlag in die heutige Zeit. Wofür gibt es Geschichtsschreibung, wenn nicht um aus ihr zu lernen? Somit ist es auch immer ein Blick in die Zukunft und der bereitet mir gerade bezüglich der Themen Umwelt und Klima Sorgen. Als jemand, der die Möglichkeit hat diese fernen Regionen unsere Erdballs zu besuchen, sehe ich mich auch ein wenig in der Chronistenpflicht.


ZDFonline: Während Ihrer Expeditionsreisen sind Sie meistens reichlich mit Forschungsgeräten ausstaffiert. Wie finanzieren Sie die neuesten technischen Geräte, die während Ihrer Reisen zum Einsatz kommen?


Fuchs: Wir sind selbst keine Forschungseinrichtung, stellen aber die Plattform zur Verfügung - das Schiff - von der aus Wissenschaftler arbeiten können. Das entsprechende Equipment bringen die Wissenschaftler mit, wir sind für die Logistik und die Abwicklung verantwortlich. Das ist eine sehr sinnvolle Symbiose. Dabei laden wir die Forscher ein, das heißt sie brauchen keinen finanziellen Beitrag zu leisten. Refinanziert werden die Expedition primär über Kooperation mit Unternehmen oder Stiftungen.


ZDFonline: Auf Ihren zahlreichen Expeditionen waren Sie manchmal alleine, oftmals aber auch in größeren Gruppen unterwegs. Was ziehen Sie während einer Expedition vor? Die Einsamkeit oder die Gesellschaft von Menschen?

Bekennender Teamworker


Fuchs: Ich bin ein bekennender Teamworker! Es ist sicher eine gute und wichtige Erfahrung einmal ganz auf sich allein gestellt unterwegs zu sein. Aber auf Dauer wäre das eine sehr eindimensionale Wahrnehmung. Ein Team fordert einen in einem viel größeren Maße - und gibt einem auch mehr zurück. Deshalb bevorzuge ich die Gesellschaft von Menschen.


ZDFonline: Im vergangenen Jahr veranstalteten Sie ein Jugendcamp auf Spitzbergen, um den Jugendlichen den Einfluss des Klimawandels direkt vor Augen zu führen. Wie kamen die jungen Expeditionsteilnehmer vor Ort mit den hiesigen Bedingungen zurecht und wie waren die Reaktionen auf den dort sichtbaren Klimawandel?


Fuchs: Für die Jugendlichen war das eine komplett neue Welt und damit auch Erfahrung. Darum wollen wir sie ja gerade mit den Naturlandschaften vor Ort konfrontieren. Die Theorie hätte ja sonst auch zu Hause stattfinden können. Es geht uns aber darum, die Natur zu "begreifen" - im eigentlichen Sinne des Wortes. Alle Jugendlichen sind bestens mit den klimatischen Gegebenheiten klar gekommen und die Erfahrungen haben einen großen Nachklang bei ihnen gefunden.


ZDFonline: Durch Ihre Expeditionen vor allem in die Polarregionen sind Sie in letzter Zeit zu einer Art Botschafter in Sachen Klimaschutz geworden. Was tun Sie in Ihrem persönlichen Umfeld gegen den fortschreitenden Klimawandel? Welche Ratschläge können Sie den Menschen mit in den Alltag geben?

"Together we can do it!"


Fuchs: Ein einzelner Mensch kann die Welt nicht ändern, es gilt aber unsere Expeditionsphilosophie:"Together we can do it!" Es gibt viele Dinge, die jeder von uns leisten kann, am leichtesten ist es sicher, Energie zu sparen. Das kann schon mal jeder ohne Einschränkung leisten. Das allein reicht aber nicht aus. Wir brauchen auch ein neues Bewusstsein sowie neue Technologien und den gesellschaftlichen Konsens, sich dem Problem des Klimawandels entgegen zu stellen. Die Möglichkeiten haben wir - wir müssen es nur auch wollen.

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