"Wir müssen die Menschen für unsere Arbeit gewinnen"

Interview mit Professor Matthias Wemhoff

Seit 2008 ist Prof. Dr. Matthias Wemhoff ist Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin. Für den Zweiteiler stand er zum ersten Mal als Presenter vor der Kamera. Der deutsche Archäologe über die Faszination der Archäologie und seine Arbeit für "Terra X".

ZDF: Was fasziniert Sie am meisten an einer Ausgrabung?

Matthias Wemhoff: Wir Archäologen sind neugierig. Wir wollen verstehen, was hinter den Dingen steckt. Mich fasziniert die Möglichkeit, sich als Erster mit einer wirklich neuen Quelle auseinanderzusetzen und diese einzuordnen. Bei Schriftquellen ist das, gerade in älteren Epochen, sehr selten der Fall. Neue Urkunden werden nun mal selten entdeckt. Archäologische Befunde und Funde haben diesen Neuigkeitswert und fordern uns, über unsere Vorstellung historischer Abläufe ständig neu nachzu­denken.

ZDF: In Filmen sieht man Archäologen immer mit Schaufel und Pinsel bewaffnet in einer Grube stehen …

Wemhoff: Viel Arbeit findet tatsächlich auf der Ausgrabung statt: das sorgfältige Dokumentieren, das Anschauen des Befundes, mit vielen unterschied­lichen Methoden. Aber es gibt so eine Faustregel: Genauso lange wie man auf der Ausgrabung braucht, braucht man auch für die Auswer­tung hinterher am Schreibtisch.

ZDF: Wie war es für Sie, für "Terra X" zum ersten Mal vor der Kamera zu stehen?

Wemhoff: Auf jeden Fall spannend. Es ist schon eine Herausforderung, die Zu­schauer zu so vielen unterschiedlichen Grabungen mitzunehmen. Ich stelle mir immer vor, ich würde eine Sendung über Chemie schauen, dann weiß ich, dass wir unsere Botschaften deutlich und verständlich mitteilen müssen

ZDF: Welcher Dreh ist Ihnen in besonderer Erinnerung?

Wemhoff: Es war wirklich vielseitig, wir waren unter Tage in Dippoldiswalde in Sachsen, im Boot auf dem Bodensee und in der Luft an der Nieder­sächsischen Pipelinetrasse. Am spannendsten war es für mich aber, meinen Arbeitsplatz, das Neue Museum Berlin, im Rahmen der Film­aufnahmen einmal ganz anders zu erleben.

ZDF: Was interessiert Sie daran, Archäologie für ein breites Publikum aufzubereiten?

Wemhoff: Ich bin davon überzeugt, dass das Interesse an Vergangenheit ein Grundbedürfnis der Menschen ist und dass das Wissen um das Vorhe­rige für uns von Bedeutung ist. Meine Aufgabe gerade im Museum ist es, möglichst viele an diesem Wissen teilhaben zu lassen. Archäologie hat diese Unmittelbarkeit: Es berührt, wenn Gegenstände vor uns lie­gen, die von Menschen lang zurückliegender Zeiten genutzt wurden. Und wir verstehen oder erahnen zumindest, was es mit diesen Dingen auf sich hat. Archäologische Forschung kann aber nur gelingen, wenn sie als eine gesellschaftliche Aufgabe begriffen wird und wir auf dieser Basis und mit gesetzlicher Grundlage unsere alltäglichen Arbeiten in den Städten und auf dem Land durchführen können. Dafür müssen wir immer wieder neu die Menschen für uns gewinnen und von unserer Arbeit überzeugen. "Terra X" macht dies für ein großes Publikum mög­lich.

ZDF: Bei Ausgrabungen braucht man Fingerspitzengefühl, einen Blick für das Detail, oft gräbt man Jahre lang. Ein Film hat aber nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Wie bringt man das zusammen?

Wemhoff: Das ist wirklich eine Herausforderung. Jeder Archäologe, den wir be­sucht haben, hätte eine ganze Sendung lang über seine Grabung berichten können. Unsere Aufgabe war es, einen Aspekt auszuwählen und so einen Eindruck von der Bedeutung der Grabung zu vermitteln. Das fordert auch die Wissenschaftler, ihre Ergebnisse prägnant und kon­zentriert zu formulieren. "Terra X" will die Vielfalt der Archäologie in Deutschland aufzeigen. Die Grabungen sind nur ein Ausschnitt aus Hunderten von Ausgrabungen, die zu dieser Zeit stattfinden.

ZDF: Welche Grabungsstätten wurden ausgewählt und warum?

Wemhoff: Alle Landesarchäologen haben der Redaktion mitgeteilt, wo geeignete Grabungen stattfinden. Autor Andreas Sawall hat sich viele davon an­gesehen und dann gemeinsam mit dem ZDF eine Auswahl getroffen. Herausgekommen ist ein faszinierender Einblick in die Vielfalt der Ar­chäologie in Deutschland.

ZDF: Wenn Sie einen Ausgrabungsort in Deutschland frei wählen könnten, wo würden Sie am liebsten graben?

Wemhoff: Ich habe ein ganz spezielles Lieblingskloster, in dem ich gerne einmal ausgraben würde. Klosterarchäologie interessiert mich ganz besonders, weil dort die verschiedenen Lebensbereiche zusammenkommen. So hat jeder Archäologe seine Steckenpferde. Aber leider diktiert uns oft der Baufortschritt, wo wir graben können und die richtige For­schungsgrabung findet nur selten statt.

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