Wir werden immer weniger

Strategien zum Rückgang der Stadtbevölkerung

In "2057 - Unser Leben in der Zukunft" geht Paul noch in die Schule - genauso wie die Kinder im Jahr 2007. Viele seiner Altersgenossen werden jedoch zu Hause vor dem Computer lernen. In 50 Jahren wird es einfach zu wenig Nachwuchs geben, um klassische Schulen zu füllen.

Vor allem auf dem Land werden die Schulwege immer länger, so dass in einigen Jahrzehnten der Unterricht per Konferenzschaltung am Bildschirm abgehalten werden dürfte. 2057 würde die Mathematikstunde dann so aussehen: Um neun Uhr morgens sitzt der Lehrer in seinem Büro und sendet einen Bogen mit Rechenaufgaben per Datenleitung an alle Schüler. "Pia, kannst du uns die erste Aufgabe vorrechnen", fragt er. Auf dem Monitor erscheint ein blondes Mädchen und beginnt auf seinem mit Sensoren ausgestatteten Bildschirm zu rechnen. Zwanzig Mitschüler hören und sehen zu - allerdings sitzen sie nicht in der Schulbank neben Pia, sondern zum Teil viele Kilometer entfernt.

"Small is beautiful"

In Finnland hat diese Zukunft bereits begonnen. Die Menschen im hohen Norden wissen, wie man ein großes Land mit wenigen Bewohnern organisiert. Fünf Millionen Menschen leben auf einer Fläche, die in etwa so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland. Der Computer ersetzt hier vieles: den Gang zum Amt, den Arztbesuch, die Kneipe um die Ecke. Mehr als zwei Drittel aller Finnen nutzen regelmäßig das Internet. "Small is beautiful" - in Finnland ist klein tatsächlich schön. Die Wirtschaft boomt, beim Pisa-Test erzielt das Land Bestnoten. Neiderfüllt reist deshalb so mancher deutsche Politiker gen Norden um zu lernen. Das hässliche Wort von der Schrumpfung verliert in Finnland einiges von seinem Schrecken.

Wirtschaft und Politik versuchen sich auf eine unabwendbare Entwicklung einzustellen: Die Einwohnerzahl in Deutschland wird rapide abnehmen. Nicht sofort, aber ganz sicher im Verlauf der nächsten 50 Jahre. Denn schon heute zählt die Geburtenrate hierzulande zu den niedrigsten in der Welt. Bei uns fehlen die Kinder, nur durch Zuwanderung aus dem Ausland kann der demografische Abwärtstrend zurzeit noch abgebremst werden.

Städte schrumpfen nachhaltig

Deindustriealisierung heißt ein Phänomen, das seit einigen Jahren die westlichen Industrieländer heimsucht. Wer vor zwei Jahren die Ausstellung "Shrinking Cities" in Berlin besucht hat, konnte eine überraschende Entdeckung machen: Detroit hat ähnliche Probleme wie Manchester. In Liverpool machen sich Stadtplaner dieselben Gedanken wie in Leipzig. Über 400 Städte sind im vergangenen Jahrzehnt nachhaltig geschrumpft. Dabei ist der Begriff Schrumpfung eigentlich irreführend. Denn die Fläche der Städte wird ja nicht kleiner, lediglich die Zahl der Bewohner nimmt immer weiter ab. Den Zurückbleibenden geht es so ähnlich wie der Witwe, die nach dem Tod des Ehemannes und dem Auszug der Kinder plötzlich allein in einem riesigen Haus sitzt. Irgendetwas stimmt nicht mehr - im Haus genauso wie in der Stadt.

Anfangs sind es nur ein paar Wohnungen, die leer stehen. Kaputte Fensterscheiben signalisieren, dass hier niemand mehr wohnt. Mit den Jahren veröden ganze Straßenzüge. Unkraut und Unrat breiten sich aus. Wer es sich leisten kann, zieht fort. In Detroit etwa leben inzwischen 80 Prozent der Bevölkerung in den Suburbs, und man beginnt, selbst die Toten aus der Innenstadt umzubetten. Die Abwärtsspirale beschleunigt sich. Ganze Stadtviertel werden zu verbotenen Zonen, die Kriminalität nimmt zu. "Was tun?" war die Frage beim internationalen Ideenwettbewerb "Shrinking Cities".

Ungewöhnliche Ideen gefragt

Eine Gruppe von Londoner Architekten, Landwirten und Choreografen gab eine ungewöhnliche Antwort. Mitten in Liverpool setzten sie eine Herde Kühe aus. Fast zwei Wochen weideten die Tiere zwischen trostlosen Reihenhauszeilen und verfallenden Industriebrachen. "Anfangs begegneten uns die Nachbarn überrascht und mit Zurückhaltung, später waren sie begeistert", erzählt Mitorganisator Eike Sindlinger. Nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen seien regelmäßig vorbeigekommen, um den Kühen zuzusehen und beim Melken zu helfen. Zurzeit läuft der Antrag, in dem Gebiet einen Stadtbauernhof zu errichten. Ungewöhnliche Ideen sind gefragt, um den Verfall aufzuhalten. Die Schrumpfungsforschung bleibt eine Wachstumsbranche.


Gesundschrumpfen - das ist ein Begriff, an den wir uns erst langsam gewöhnen müssen, denn jahrzehntelang wurde Politik in Deutschland nach dem Motto "Wachsen oder Weichen" betrieben. Pendlerpauschale und Eigenheimzulage sorgten dafür, dass sich die Städte immer weiter ausdehnten. In Ostdeutschland wurde nach dem Beitritt alles ein paar Nummern zu groß geplant: Gewerbegebiete und Wohnviertel, Einkaufszentren, Kläranlagen und Straßen. "Die Stadtverwaltungen entwarfen und investierten, als müssten sie ihren Glauben an eine bessere Zukunft auf den Reißbrettern beweisen", schreibt Elisabeth Niejahr in der "Zeit".

Teurer Rückbau Ost

Heute stehen in Ostdeutschland rund eine Million Wohnungen leer. In vielen Städten herrscht die Abrissbirne. Doch mit dem Abriss allein ist es nicht getan, denn wenn immer weniger Menschen duschen, waschen und spülen, fließt nicht mehr genug Wasser durch die Abwasserleitungen. Die Rohre verkeimen und wachsen zu. Übelriechende Schwefeldämpfe steigen auf. In vielen Regionen werden die Leitungen deshalb regelmäßig mit Frischwasser gespült. Insgesamt kostet der Rückbau Ost mehrere Milliarden Euro.

Die Welt zerfällt nicht nur in Arm und Reich, sondern auch in Schrumpf- und Boomregionen. Während das Berliner Zentrum wächst, veröden direkt nebenan in Brandenburg ganze Regionen. Auch den Westen hat die Schrumpfung erfasst. Mit dem Emscher Landschaftspark legt sich das Ruhrgebiet ein grünes Rückgrat zu und schafft Ersatz für leerstehende Häuser und stillgelegte Zechen. Wo der Linienverkehr nicht mehr lohnt, bringt ein Rufbus die Menschen ans Ziel. Für die Fahrgäste ist das praktisch. Sie zahlen Buspreise und werden trotzdem bis vor die Haustür gefahren. Auch die Gemeinden sparen: Bei sinkenden Fahrgastzahlen ist das System günstiger als der klassische öffentliche Personennahverkehr.

Weniger kann mehr sein

Lange Zeit haben Ökonomen nur hohe Kosten und fehlende Gewinne beklagt, neuerdings entdecken sie auch die positiven Seiten der Schrumpfung. Dass weniger tatsächlich mehr sein kann, wird deutlich, wenn man sich anguckt, was Schrumpfung im Kleinen bedeutet. Wenn eine Familie nicht mehr vier oder fünf Sprösslinge großzieht, sondern nur noch ein oder zwei Kinder, dann steht für jeden mehr zur Verfügung: mehr Aufmerksamkeit, mehr Spielzeug, eine bessere Ausbildung. "Wir werden vermutlich etwas weniger Geld für Autos und Immobilien ausgeben", sagt Bert Rürup, Professor für Volkswirtschaft und Vorsitzender des Rats der Wirtschaftsweisen. "Dafür investieren wir mehr in Pflege und Gesundheitsleistungen. "

Ohnehin ist das Altern der Gesellschaft eine viel größere Herausforderung als die Schrumpfung. Die Amerikaner hingegen machen sich bereits Gedanken darüber, ob ein schrumpfendes Europa auf Dauer ein verlässlicher Partner sein kann. "Zurückgehende Geburtenraten bedeuten zwangsläufig kleinere Armeen", schreibt Peter G. Peterson, der Vorsitzende eines großen amerikanischen Thinktanks. Doch was den Amerikanern Sorge bereitet, könnte unsere Chance sein. Warum sollten die Kosten für eine alternde Gesellschaft nicht auch aus dem Verteidigungsetat bestritten werden, fragt die Journalistin Niejahr. Heute klingt es wie eine Utopie, aber unmöglich ist es nicht: Der Bundeswehretat sichert das gesunde Altern und Schrumpfen der Nation. 2057 würde es dann in Deutschland zwar weniger Menschen geben als heute. Vielen jedoch ginge es besser als bisher. Allerdings bleibt die wichtigste Zutat des Lebens unersetzt: Kinder.

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