"Wir wollten eindeutige Beweise liefern"

Drei Fragen an Unterwasser-Archäologe Dr. Andreas Stolpe

Unterwasser-Archäologe Dr. Andreas Stolpe über den Auslöser der Spurensuche, materielle Verlockungen und die Begegnung mit den Nachfahren des "Deutschland"-Kapitäns.

Unterwasserarchäologe Dr. Andreas Stolpe Quelle: ZDF


ZDFonline: Wie sind Sie auf die Geschichte der "Deutschland" gestoßen und was war für Sie der Auslöser, sich auf die Suche nach dem Wrack zu machen?


Andreas Stolpe: Als Unterwasserarchäologe interessiert man sich von Haus aus für Schiffsuntergänge und verfolgt ganz automatisch alles, was es dazu an alten Chroniken gibt. Irgendwann stieß ich beim Stöbern auf ein altes Gedicht, das den Untergang eines Schiffes aus der Sicht von fünf dabei ums Leben gekommenen Nonnen beschrieb. Das weckte meine Neugier und ich begann zu recherchieren.

Unglaubliche Herausforderung

Schnell stieß ich auf die dahinter stehende Geschichte vom Untergang der "Deutschland": den Untersuchungsprozess, den man in England gegen den Kapitän angestrengt hatte, und den großen Wirbel, den das damals auslöste. Die "Deutschland" selbst galt aber als verschollen, niemand wusste, wo sie liegt. Das Wrack eines so "berühmten" Schiffes zu finden und dessen Identität beweisen zu können, ist eine unglaubliche Herausforderung.


ZDFonline: Was erhofften Sie sich zu finden? Gab es auch materielle Verlockungen?


Stolpe: Na ja, jeder Taucher träumt davon, einen Schatz zu finden, der auf dem Meeresgrund auf ihn wartet und den er bergen will. In dem Fall war das aber etwas anders. Zwar war die "Deutschland" ein Auswandererschiff, das heißt die meisten Passagiere hatten ihre ganze Habe und Ersparnisse für den Neuanfang in Amerika mit an Bord. Doch wurden viele von ihnen noch gerettet von sogenannten "Salvagern", die nach dem Retten der Menschenleben ganz genau hinsahen, was auf dem Schiff an Wertgegenständen zu holen ist. Eine damals übliche Art der Bezahlung ihres riskanten Einsatzes.

Eine Art Urteilsrevision

Spannender im Falle der "Deutschland" war es für uns jedoch, Spuren zu finden, die auf die Ursache und den Ablauf des Unglücks hinweisen. Auch 1875 war das Ergebnis der Untersuchungskommission umstritten. Hatte der Kapitän richtig gehandelt und wirklich alles getan, um das Unglück zu verhindern, oder hatte er Schuld am Untergang seines Schiffes? Wir wollten anhand des Wracks und seines Zustands eindeutige Beweise liefern: eine Art nachträgliche Urteilsrevision.

Brickenstein nach der Gerichtsverhandlung Quelle: ZDF


ZDFonline: Mit Blick auf die vielen vor Englands Küste gesunkenen Schiffen: Was ist das Besondere am Schicksal der "Deutschland"?


Stolpe: Schon, dass ein Schiff mit dem Namen "Deutschland" in Sichtweite der englischen Küste auf Grund läuft, niemand den Schiffbrüchigen helfen kann und der Kapitän vor ein englisches Gericht gestellt wird, hat damals für unglaubliche Aufregung auf beiden Seiten gesorgt. So etwas hat es bisher und danach nicht mehr gegeben.

Als Folge der öffentlichen Debatte um die Havarie der "Deutschland" und des Verfahrens gegen einen deutschen Kapitän im Ausland brachte Reichskanzler Bismarck 1877 das "Gesetz betreffend der Untersuchung von Schiffsunfällen" in den Deutschen Reichstag ein. Das Unglück wurde quasi zur Geburtsstunde der Deutschen Seeämter, einer Behörde, die es in Deutschland vorher nicht gab - von denen aber bis heute die Sicherheit auf den Meeren abhängt.

Engagierter Unterstützer

Wir haben auch die Nachfahren des Kapitäns der "Deutschland", Eduard Brickenstein, ausfindig gemacht, was nicht einfach war. Immerhin liegen mehr als 130 Jahre und zwei Weltkriege zwischen dem Schiffsuntergang und meiner Suche. Letztendlich aber bin ich fündig geworden und habe in dem Neffen des Kapitäns einen engagierten Unterstützer für meine Recherchen gefunden.

Sehr beeindruckend für mich war die Situation, in der wir gemeinsam den Familiensafe im Keller öffneten, um in historischen Familiendokumenten zu recherchieren. Für ihn und seine Familie ist der Untergang der "Deutschland" und das Schicksal des Kapitäns heute noch immer in wacher Erinnerung. Während unserer Interviews, vor allem, wenn es um die Schuld des Kapitäns und die Behauptung seines Versagens ging, durchlebte er viele emotionale Momente.

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