Wirtschaftsfaktor Sklavenhandel

Gigantische Menschenopfer im Namen des Kolonialismus

In Spanien wartet König Karl V. ungeduldig auf die Schätze Amerikas. Der Spross des Hauses Habsburg ist auch zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation gewählt worden. Sein Imperium wächst unaufhörlich. "Die Sonne geht in meinem Reich nie unter!" kann er wahrheitsgetreu verkünden. Doch als strenggläubiger Katholik will er nicht Schuld sein am Leid der amerikanischen Ureinwohner - ein kaum lösbarer Konflikt zwischen Gewissen und Gewinnstreben.

Ein afrikanischer Sklave an der Kette Quelle: ZDF
Ausschnitt aus dem Bild "Gräuel der Heiden" Quelle: ZDF


Alle Wilden seien Menschenfresser und Abgesandte des Teufels - so lautet die gängige Propaganda der Kolonialherren. Bilder mit Motiven wie "Die Gräuel der Heiden" hatten vor allem einen Zweck: das skrupellose Vorgehen der Eroberer gegen die Indios zu rechtfertigen. Aber solche Extreme wurden durch die Sensationsberichte der Eroberer einseitig in den Vordergrund geschoben. Während die friedliche Seite des indianischen Lebens schlicht ignoriert wurde. Den Eroberern stehen diese Menschen bei der wirtschaftlichen Ausbeutung des Landes nur im Weg.

Rücksichtslose Herrschaft

Der Silberberg von Potosí im heutigen Bolivien ist zum Mahnmal für die rücksichtslose Kolonialherrschaft der Spanier geworden. Die Minen in 5000 Metern Höhe bergen einen der größten Schätze, der je von Menschenhand gefunden wird: Silber in Hülle und Fülle. Insgesamt 17 Millionen Kilogramm. 50.000 Zwangsarbeiter fördern das Erz in Zwölf-Stunden-Schichten. Acht Millionen Indios sind im Minenberg zu Grunde gegangen - ein gigantisches Menschenopfer im Namen des Kolonialismus.

Ein Indianer bei der Arbeit in einer Mine Quelle: ZDF

Im 17. Jahrhundert steigt Potosí zur größten und reichsten Stadt der Zeit auf. Doch das Leben der Ureinwohner bessert sich nicht - ohne die Droge Koka ist ihr Los nicht zu ertragen. Aus Wut und Verzweiflung rebellieren sie immer wieder gegen ihre Peiniger - aber Spanien schlägt alle Aufstände brutal nieder. In Sevilla haben königliche Zollbeamte die Transporte der wertvollen Kolonialwaren registriert. Das Staatsarchiv hütet die Frachtpapiere der Schatzflotten bis heute. Die nüchterne Buchhaltung liefert den Wissenschaftlern beeindruckende Zahlen: Das im Zeitraum von 150 Jahren nach Spanien gebrachte Silber übertraf dreimal die gesamten Geldreserven des restlichen Europas.

Aufzeichnungen spanischer Flotten Quelle: ZDF

Profitables Geschäft

Auch Portugal benötigt dringend neue Einnahmequellen und wird in Afrika fündig - als Sklavenhändler. Bald überqueren unzählige Transportschiffe den Atlantik. Denn in Amerika wartet der größte Sklavenmarkt der Welt. Millionenfach werden Afrikaner meistbietend an Plantagenbesitzer und Minenbetreiber versteigert. 400 Jahre lang ist der Sklavenhandel eines der profitabelsten Geschäfte weltweit. Menschenjäger und Kaufleute verdienen ein Vermögen mit dem millionenfachen Leid. Menschen werden zu Ware degradiert und einfach dorthin verfrachtet, wo Nachfrage nach billiger Arbeitskraft besteht: Es gelten die Gesetze einer brutalen Marktwirtschaft. Zehn Millionen Afrikaner wurden allein von den Portugiesen zwangsdeportiert. Erst die Arbeitskraft der Afrikaner ermöglicht die wirtschaftliche Entwicklung Amerikas.

Das lukrative Geschäft mit der Ware Mensch ist knallhart kalkuliert. Knapp 30 Meter lang war ein Sklaventransporter des 17. Jahrhunderts. Die Deckfläche betrug etwa 100 Quadratmeter. Mit ausgeklügelter Transportlogistik werden für einen Monat sechshundert Menschen untergebracht: Bis zu vier Zwischendecks werden eingezogen, die einzelne Etage hat dadurch eine Raumhöhe von unter einem Meter. Die Sklaven müssen sitzend oder liegend transportiert werden und sind dabei über die ganze Fahrzeit hinweg gefesselt. Dass viele von ihnen die Ankunft in Übersee nicht erleben werden, ist im Verkaufspreis einkalkuliert. Kostet ein Sklave in Afrika noch 25 Dollar, so werden in Brasilien 150 verlangt. Eine Gewinnspanne von 500 Prozent pro Kopf, die auch die hohe Todesrate wieder wettmacht.

Wie Viehtransporte

Im brasilianischen Staatsarchiv sind Dokumente aus der Sklavenzeit aufbewahrt: ein Vertrag mit dem englischen König über Entschädigungszahlungen bei Menschenverlusten. "Nur die Hälfte der Passagiere hat die Überfahrt körperlich unversehrt überstanden!' - notiert der Hafenarzt über einen Sklaventransport. Ein anderes Verzeichnis listet die spezifischen Besitzermarken auf, die den Sklaven wie Vieh von ihren Herren eingebrannt wurden.

Überreste ehemaliger Sklavenbaracken Quelle: ZDF


Die Großgrundbesitzer stellten die eigentliche Kolonialmacht Brasiliens dar: Ihre Latifundien können aber nur mit Hilfe afrikastämmiger Arbeitskräfte betrieben werden - so wie auch heute noch. Doch von den einstigen Sklavenhütten der Plantage sind nur noch Ruinen vorhanden. Dort feierten die Schwarzen ihre afrikanischen Feste. Unter dem Deckmantel von Musik und Tanz trainierten sie eine Art Kampfsport mit dem Buschmesser - die einzig mögliche Verteidigungsform gegen die Willkür ihrer Herren. Das Tragen von richtigen Waffen war bei Todesstrafe verboten. So wuchs heimlich der Widerstand gegen die Sklaverei - und gegen die Kolonialmacht.

Erziehung zu guten Christen

In den spanischen Kolonialgebieten dringt die Staatsmacht kaum bis in das Herz des Kontinents vor. Verborgen hinter undurchdringlichem Dschungel und mächtigen Wasserfällen können viele Eingeborene ihr traditionelles Leben bewahren. Nur die Mönche des Jesuitenordens haben im Urwald Missionsstationen errichtet. Die einstigen Herren des Landes sollen zu guten Christen erzogen werden. Zwei Jahrhunderte lang können die Missionare ihre Schützlinge vor den weißen Siedlern bewahren. Doch am Ende verbietet die Krone das Experiment - es gefährdet die Ausbeutung der Kolonien.

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