Wismar in Aufruhr

Claus Jesup stürzt die mächtigen Ratsherren

In den meisten Räten der mittelalterlichen Hansestädte lenken Vertreter alteingesessener, wohlhabender Familien die Geschicke. Doch mit steigendem Wohlstand vor allem vieler Handwerker und Händler fordern diese mehr Mitspracherechte. Innerstädtische Unruhen sind die Folge. Oft eskalieren die Konflikte bis hin zu offenem Aufruhr und Absetzung des Rates. In Wismar übernimmt der Wollenweber Claus Jesup das Regiment - mit fatalen Folgen.

Marktplatz Wismar
Marktplatz Wismar Quelle: imago/Werner Otto

Schwungvoll hebt der Henker auf dem Marktplatz von Wismar das Richtschwert. Mit professionellem Hieb trennt er das Haupt vom Hals des Johann Bantzkow. Es ist der 18. November 1427. Dieser Tag geht in die Annalen der wendischen Hansestadt an der Ostsee ein, denn der Kopf, der da vor johlendem Publikum in den Korb fällt, gehört nicht irgendeinem Halunken. Er gehört dem rechtmäßigen Bürgermeister - und der hatte noch Glück im Unglück.

Unerhörter Vorgang

Nur auf Intervention des Lübecker Rates wurde Johann Bantzkow nicht erhängt und anschließend aufs Rad geflochten, sondern durfte seinem Stand gemäß den ehrenvolleren und wohl schmerzlosen Tod durch Enthauptung sterben - dennoch ein unerhörter Vorgang. Bantzkow wurde in einem nur der Form nach ordnungsgemäßen, aber von Jesup erzwungenen und daher umstrittenen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Ähnlich war mit seinem Ratskollegen Hinrik van Haren, kurz vor Bantzkow an selbiger Stelle hingerichtet, verfahren worden. Wie hatte es so weit kommen können?

In der wendischen Hansestadt brodelt es schon seit Mitte des 14. Jahrhunderts. Eine kleine Oberschicht, die wohl etwas mehr als 15 Prozent der etwa 8000 Köpfe zählenden Einwohner Wismars ausmacht, herrscht über den Rest der Wismarer, wenngleich das Handwerk insgesamt den Haupterwerbszweig bildet. Höchstens 25 Prozent gehören der Mittelschicht, mindestens 60 Prozent den unteren Schichten an - eine Gesellschaft in Schieflage. Da können bereits geringste Anlässe die öffentliche Ordnung zum Kippen bringen.

Straßenschild Claus Jesup
Straßenschild Claus Jesup Quelle: Petra Steffan

Exklusiver Kreis

Johann Bantzkow gehört einer einflussreichen "ratsfähigen" Kaufmannsfamilie in Wismar an. Er zählt somit zur Wismarer Führungselite, deren exklusiver Kreis allein die Mitglieder der Stadtregierung stellen darf. Bantzkow vertritt seit Jahren seine Heimatstadt als angesehener Ratsgesandter in wichtigen Angelegenheiten, als sich 1409 für den erfolgsgewohnten Kaufmann alles ändern soll - nicht plötzlich und unerwartet, aber doch mit überraschender Konsequenz.

Die schon länger gärende Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsteile mit dem selbstherrlichen Patriziat macht sich ein gewisser Claus (Nikolaus) Jesup - Wollweber von Beruf - zunutze und zettelt einen Aufstand an. Er will mehr Mitsprache seiner Standesgenossen in der Stadtregierung durchsetzen. Ob er auch persönliche Ziele verfolgt, kann nur vermutet werden. Zunächst wird ein sogenannter Hundertmänner-Ausschuss dem Rat zur Seite gestellt, Letzterer unter Führung des renitenten Handwerkers schließlich gestürzt. Die alten Ratsherren dürfen allerdings ohne Gefahr für Leib und Leben sowie Hab und Gut in der Stadt bleiben.

Auf Konfrontationskurs

Ein "Neuer Rat", immer noch begleitet von dem Hundertmänner-Ausschuss, übernimmt die Geschicke der Stadt, in dem Jesup einer der Wortführer ist. 1411 wird er sogar Bürgermeister, muss aber 1416 mit seinen Mannen wieder abtreten, weil König Sigismund die Rückkehr des "Alten Rates" erzwingt. Doch den Herren bläst ein immer schneidender werdender Nordwind entgegen: Dänemark ist auf Konfrontationskurs mit den wendischen Hansestädten, darunter Hamburg, Lübeck, Rostock, Stralsund und eben auch Wismar. Im Oktober 1426 kommt es zum Krieg. Johann Bantzkow und Hinrik van Haren führen innerhalb des hansischen Flottenverbandes ein Kontingent aus Wismar in den Kampf. Doch die Hansen erleiden empfindliche Niederlagen und verlieren zahlreiche Schiffe, allein zwölf aus Wismar.

Da sieht der gedemütigte Claus Jesup seine Chance zur Revanche: Er zieht alle Register der Propaganda und wirft den Ratsherren in der wirtschaftlich äußerst angespannten Nachkriegssituation Klientelpolitik vor. Das kostspielige kriegerische Engagement habe immer allein im Interesse der Patrizier gelegen - ein Vorwurf, der die Stimmung in der Bevölkerung gewaltig anheizt. Volkes Zorn entlädt sich abermals. Der "Alte Rat" wird erneut gestürzt. Jesup ist wieder Bürgermeister. Kaum von den Seegefechten heimgekehrt, werden Bantzkow und van Haren hingerichtet.

Rückkehr des "Alten Rates"

Dieser Umsturz und das rücksichtslose Vorgehen gegen die rechtmäßigen Ratsherren bekommen der Stadt jedoch schlecht. König Sigismund verhängt die Reichsacht über Wismar und seine Bürger. Das heißt, die Einwohner, aber auch die ganze Stadt verlieren ihre Rechtsfähigkeit, werden rechtlos gestellt und gelten als vogelfrei - eine höchst gefährliche Situation, denn jeder kann die geächtete Person töten, die Stadt überfallen, sich des Eigentums bemächtigen, ohne dass dem Geächteten von Rechts wegen irgendeine Hilfe zuteil wird. Erst 1430 halten die Aufrührer dem Druck nicht mehr stand. Die königliche Gewalt setzt die Rückkehr des "Alten Rates" durch. Von da an verliert sich jede Spur des Wollwebers Claus Jesup. Da keiner der Aufrührer aus Wismar vertrieben wird, bleibt Jesup möglicherweise in der Stadt. Er stirbt irgendwann zwischen 1448 und 1453 - so die Vermutung unter Historikern.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet