"Wissenschaftliche Entdeckung"

Ruinenstadt Machu Picchu erstmals systematisch erfasst

Am Morgen des 24. Juli hängen die Wolken tief über dem Urubambatal, ein leichter Regen fällt. Hiram Bingham und seine Begleiter rasten direkt unterhalb des Hochplateaus. Tagesziel von Bingham ist die Erkundung der Ruinen auf dem Bergkamm, doch aufgrund des schlechten Wetters lehnt Arteaga es ab, ihn zu begleiten.

Überwucherte Stadt Machu Picchu Quelle: ZDF

Der starke Regen der letzten Tage hat das Expeditionscamp in ein Sumpfgebiet verwandelt. Doch Bingham will nicht länger warten, und schließlich überzeugt er den Bauern mit einem Silberdollar. Dem drei bis vierfachen von Arteagas üblichem Einkommen. In seinem Notizbuch notiert Bingham gewissenhaft die Zeit des Aufbruchs: "10.07 Uhr. Arteaga, Carrasco und ich starten zu Fuß. Der vor uns liegende Anstieg ist für die Maultiere zu steil."

Zurück in die Vergangenheit

Der Amerikaner hat sichtlich Probleme, mit Arteaga und Carrasco Schritt zu halten. Der Weg ist beschwerlich. Die Pfade sind, wie von Arteaga prophezeit, aufgrund des Regens nur mühsam zu bezwingen und die Flüsse führen zu dieser Jahreszeit viel Wasser. Mit jedem Schritt kämpft sich Bingham zurück in die Vergangenheit und näher ins verschwundene Reich der Inka. Doch auch ein Hiram Bingham stößt an seine Grenzen: "Die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Wir sind in der Gegend mit dem höchsten Niederschlag im Osten Perus. Die Hitze ist übermäßig und ich bin nicht im Training."

Bingham mit kleinem Jungen Quelle: ZDF

Binghams Expeditiom im Dschungel Perus bleibt nicht unbemerkt. Für den Mann aus Yale völlig unerwartet stößt sein kleines Team mitten im Urwald auf Menschen: "12.07 Uhr. Ankunft an einer Hütte. Neugierige Farmer. Süße Kartoffeln." Arteaga macht Bingham mit der Familie Alvarez bekannt. Der Fremdenführer zieht es vor, an der Hütte zu warten. Der achtjährige Pablito Alvarez wird Bingham von nun an begleiten. Zusammen mit Sergeant Carrasco brechen die beiden auf. Vor ihnen liegen nur noch einige hundert Meter bis zum Gipfel. Die Strapazen und Mühen werden belohnt. Zwei Männer und ein Kind stehen vor einer der spektakulärsten Stätten der Archäologie. Um kurz vor ein Uhr mittags erreichen die drei ein Bergplateau. Vor ihnen liegt eine vom Urwald überwucherte Stadt.

"Hochwertige Ruinen"


Beeindruckt von der exponierten Lage der Ruine beginnt der Amerikaner zu fotografieren. Die einzigen Fotos, die Machu Picchu in dem Zustand zeigen, in dem der Ort gefunden wurde. In seinem Tagebuch beschreibt Bingham seinen ersten Eindruck: "Hochwertige Ruinen...Mauern, Straßen und Treppen...Herrlicher Blick." Ein Gebäude weckt sein Interesse besonders: Auf einer Empore thront eine behauene Steinsäule. Das Quechua-Wort hierfür lautet "Intihuatana" - Ort, an dem die Sonne angebunden wird. Vor den Spaniern gab es an fast allen Inka-Stätten Intihuatanas. Doch die Eroberer zerstörten die Säulen, um den in ihren Augen heidnischen Sonnenkult zu beseitigen. Bingham findet in Machu Picchu eines der seltenen noch existierenden Intihuatanas. Ein Beweis dafür, dass die Konquistadoren die Inkastadt nie entdeckt haben.

Wasserkanal in Machu Picchu Quelle: ZDF

Pablito erweist sich für Bingham als Glücksgriff. Der Junge kennt noch mehr geheimnisvolle Plätze. Er führt den faszinierten Nordamerikaner an den steinernen Abgrund eines Terrassenfeldes und zeigt ihm einen kunstvoll gearbeiteten Brunnen. Eine der größten Leistungen der Inka-Architekten ist die Anlage eines Leitungssystems. Durch einen fast 800 Meter langen Graben wurde das Quellwasser aus 3000 Meter Höhe über einen stetig geneigten Kanal nach Machu Picchu geleitet.

Einzigartige Fotos

Hiram Bingham widmet sich akribisch der Fotografie. Mit Panorama- und Detailaufnahmen dokumentiert er den Zustand der Fundstätte. Noch heute sind diese einzigartigen Fotos für Archäologen von unschätzbarem Wert. Zitat Bingham: "Lange Nischen unter großen bogenförmigen Steinen. Innen sehr fein gefertigt. Fenster an der Seite. Aussicht zu beiden Seiten. Die ganze Stätte extrem unzugänglich." Doch eine Inschrift reißt den Amerikaner aus allen Träumen: "Lizarraga, 1902". Ein anderer hatte sich bereits als Entdecker von Machu Picchu verewigt.

In seinen ersten Veröffentlichungen zu Machu Picchu verweist Bingham auf Augustin Lizarraga. In seinem 1948 erschienenen Buch "Lost City of the Incas" erwähnt er ihn allerdings nicht mehr. In seinem Tagebuch berichtet Bingham keineswegs voller Begeisterung von seinem Fund. Er notiert sich: "Augustin Lizarraga ist Entdecker von Machu Picchu und lebt an der Brücke von San Miguel kurz vor dem Übergang". Sich selbst bezeichnet er später als "wissenschaftlichen Entdecker".

Mysteriöse Karte

Im Urubambatal wurden jedes Jahr große Flächen gerodet, die Bäume anschließend verbrannt. Am 14. Juli 1901 gerieten die Flammen außer Kontrolle. Das Feuer reicht bis in den Himmel von Machu Picchu und in die benachbarten Wälder. Doch Dank des Brandes gelingt es Augustin Lizarraga im Juli 1901 den vom Feuer freigelegten Inkaweg zu erklimmen. Doch nicht nur Lizarraga und die anderen einheimischen Bauern haben Machu Picchu vor Hiram Bingham gekannt. Eine mysteriöse Karte verzeichnet die Ruinenstadt an der exakt richtigen Stelle. Sie wurde von einem Mann namens Hermann Göhring erstellt. Der Deutsche arbeitete als Ingenieur im Auftrag der peruanischen Regierung. Er sollte einen Weg vom Inland zum Pazifik finden. Göhrings Karte ist datiert auf das Jahr 1874. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hiram Bingham das Licht der Welt noch nicht erblickt.

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