Wundersame Welt der Vulkane

Die Geologie Mexikos ist voller Überraschungen

Die Urkräfte aus dem Innern der Erde sind in Mexiko allgegenwärtig. Vulkanriesen, höher als die höchsten Alpengipfel, prägen das Hochland und stellen für die Bevölkerung Zentralmexikos eine ständige Bedrohung dar. Für Wissenschaftler birgt jedoch die geografische Vielseitigkeit des Landes so manche Überraschung.

Der Vulkan Paricutín
Der Vulkan Paricutín Quelle: ZDF

Am 20. Februar 1943 geschah etwas Seltsames im Maisfeld des Bauern Dionisio Pulido: Vor seinen Augen tat sich ein Spalt auf, in dem es rumorte und zischte. Beiderseits der Spalte hob sich der Erdboden unter schüttelnden Bewegungen um mehr als zwei Meter empor. Der Hügel begann, Steine und glühende Schlacken auszuwerfen: Die Erde gebar einen neuen Vulkan.

Geburt im Maisfeld

Am nächsten Morgen war der Aschekegel zehn Meter hoch, abends bereits 50 Meter, und nach einem Jahr ragte der Krater des Paricutín über 300 Meter hoch auf. Die ausströmende Lava bewegte sich sehr langsam vorwärts, so war genug Zeit, um die Bevölkerung der beiden angrenzenden Dörfer zu evakuieren. Der Vulkanausbruch forderte keine Menschenleben. Aber der ganze Landstrich wurde von über einer Milliarde Kubikmeter Lava verwüstet. San Juan de Parangaricutiro, eines der Dörfer, wurde 1944 von Lava überflutet. Heute ragt nur noch der Kirchturm aus den schwarzen Gesteinsmassen heraus.

Was für die Anwohner eine Tragödie war, offenbarte sich für die Wissenschaftler als außerordentlicher Glücksfall. Aus aller Welt reisten sie an, um das seltene Phänomen zu erforschen. Niemals zuvor gab es die Gelegenheit, das Leben eines Vulkans von Anfang bis Ende zu dokumentieren. Am 4. März 1952, neun Jahre nach seinem ersten Ausbruch, ragte der Kegel Paracutín 424 Meter über seine Umgebung hinaus - und erlosch so plötzlich, wie er entstanden war.

Feuerriesen im Vulkangürtel

Monogenetische Schlackenkegel nennen die Geologen Vulkane, die nur einmal ausbrechen. Der Paricutín ist jedoch kein Einzelkind, er besitzt viele Geschwister: Im Michoacán-Vulkanfeld in Zentralmexiko gibt es auf einer Fläche vergleichbar mit Niedersachsen etwa 1400 solcher Mini-Vulkane. Ungefähr alle 500 Jahre wird einer von ihnen aktiv und erhebt sich zu einem neuen Aschekegel.

Sie sind winzig klein und vergleichsweise ungefährlich, ganz im Gegensatz zu den uralten Feuerriesen des Transmexikanischen Vulkangürtels. Der am meisten gefürchtete Vulkan Mexikos ist der 5426 Meter hohe Gipfel, den die Azteken Popocatepetl nannten, "rauchender Berg". Er ist so aktiv, dass er sich schon mindestens dreimal selbst in die Luft gesprengt hat.

Gefährliche Lahare

Flug über den Krater des Popocatepetl
Überflug Krater Popocatepetl Quelle: SWR

Der Popcatepetl gilt als einer der gefährlichsten Vulkane der Erde. Über 100.000 Menschen sind durch seine Glutwolken und Schlammlawinen direkt bedroht, im Umkreis von 80 Kilometern leben sogar mehr als 20 Millionen Menschen. Deshalb steht der explosive Riese unter Dauerbeobachtung. Geologen registrieren jedes Anzeichen von Aktivität. Eine Eruption würde die nahe gelegenen Dörfer erfassen. Doch mehr noch als die Lavaströme fürchtet man die todbringenden Schlammlawinen, die Lahare.

Sie entstehen, weil es im mexikanischen Hochland so häufig regnet. Die Regenmassen vermengen sich mit der losen Asche zu teuflischen Lawinen. 1985 zerstörten nach einem Vulkanausbruch in Kolumbien Lahare das Dorf Armero und kosteten 25.000 Menschenleben. Man hatte die Warnungen der Vulkanologen ignoriert. Bei einer ähnlichen Katastrophe am Popocatepetl würden viermal so viele Menschen sterben.

Vulkanologen schlagen Alarm

Im Jahr 2000 horchten die Geologen auf: Im Vulkan begann es zu rumoren. Er sendete seismische Warnsignale aus, hervorgerufen durch unter hohem Druck stehenden Dampf. Wenn sie sich häufen, steht einer der verschlossenen Vulkanschlote kurz vor der Explosion. Die Prognose der Geologen: Am 18.12. bricht der Popocatepetl aus - wahrscheinlich. Doch wie ist diese Wahrscheinlichkeit zu bewerten? Eine voreilige Evakuierung aufgrund eines Fehlalarms würde ein Vermögen kosten und die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft beschädigen. Dennoch: Am 16. Dezember 2000 wurde die Evakuierung von 25.000 Menschen angeordnet. Zwei Tage später, genau wie vorhergesagt, brach der Popocatepetl aus. Es war die stärkste Eruption seit über tausend Jahren. Niemand wurde verletzt.

30 Millionen Menschen wurden seither immer wieder in Alarmbereitschaft versetzt. Noch mehrmals kam es zu Eruptionen, in deren Folge sich gewaltige Gas- und Aschewollen bildeten. Der Rauchende Berg war im vergangenen Jahrzehnt so aktiv wie seit 500 Jahren nicht mehr.

Unterirdische Zauberwelt

Die Erde unter Mexiko ist unruhig und birgt große Gefahren für die Bevölkerung. Der Vulkanismus beschert dem Land aber auch seine Vielfalt an Bodenschätzen. Mit über 3000 Tonnen Silber pro Jahr ist Mexiko der zweitgrößte Silberproduzent der Welt. Auch Gold, Kupfer, Blei und Zink machen das Land reich. Völlig unerwartete Schätze jedoch entdeckten vor zehn Jahren zwei Bergarbeiter in einer Mine unter der Wüste von Chihuahua: Riesige Kristalle wuchsen wie Baumstämme aus Boden, Wänden und Decke der Höhle - eine Szenerie wie in einem Jules-Verne-Roman

Die Kristalle der Naicahöhle sind bis zu 14 Meter lang und 50 Tonnen schwer. Nirgends auf der Welt gibt es etwas Vergleichbares. Dort, knapp 300 Meter unter der Erde, herrschen Bedingungen wie in einer Hexenküche. Es ist 50 Grad heiß, die Luftfeuchte beträgt 95 Prozent. Der Mensch kann hier nur mit Schutzanzügen überleben. Ohne gekühlte Atemluft würde Wasser in der Lunge kondensieren, man würde an seinem eigenen Atem ertrinken. 2006 wurde die Höhle für die Forschung freigegeben und es startete das größte interdisziplinäre Speläologieprojekt aller Zeiten. Die Kristalle bestehen aus Selenit, einer besonderen Form von Gips, aber ihr Riesenwuchs ist erst teilweise enträtselt.

Bedingungen wie im Labor

Ihre Entstehung hängt mit dem Vulkanismus zusammen: Seit vielen Millionen Jahren heizt ein Magmapilz in 2000 Meter Tiefe das Grundwasser auf und presst es nach oben. Es enthält zahlreiche gelöste Mineralsalze. Beim Abkühlen lagern sich die Mineralien ab - sie bildeten die Erzadern der Naica-Mine. Das Wasser löste den Kalkstein teilweise auf und es entstanden Hohlräume. In einem isolierten Hohlraum sank die Wassertemperatur ab und blieb fortan konstant bei 58 Grad. Kalium und Sulfat lösten sich aus den Mineralien und bildeten Selenitkristalle.

Das Erstaunliche dabei: Die Bedingungen blieben über Hunderttausende Jahre konstant, das Kristallwachstum hörte somit nie auf - Bedingungen wie im Reagenzglas. Sie herrschten jedoch nur bis zur Trockenlegung der Mine: Für den Erzabbau wurde das Grundwasser abgepumpt. Ohne ihr Wasserbad aber drohen die Kristalle allmählich abzubrechen. Ist die Mine nicht mehr rentabel, wird die Höhle wieder geflutet. Dann würden die Gipsstämme weiterwachsen, die Schatzkammer der Natur bestünde fort. Bewundern könnte das Naturschauspiel dann allerdings niemand mehr.

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