"Wundervolle Dinge"

Anmerkungen zu Howard Carter, Teil 2

Das Ziel hieß nun nicht mehr, möglichst viele Funde ans Tageslicht zu bringen für den mehr oder weniger legalen Abtransport nach Europa oder Übersee, sondern Vorhandenes zu erkennen, wissenschaftlich exakt zu verzeichnen, zu rekonstruieren und zu bewahren.

Für die Oberste Ägyptische Antikenverwaltung jedenfalls war Howard Carter genau der richtige Mann, um Ordnung in das chaotische Ausgräberwesen zu bringen. Die Behörde erhob den damals 25-Jährigen zum Inspektor für Oberägypten und Nubien mit Sitz in Luxor.

Mittellos auf der Straße

Doch offensichtlich nahm der neue Amtsinhaber seine Position für ägyptische Verhältnisse zu ernst. Nach einem Überfall auf eine Grabanlage durch Einheimische wollte er hart durchgreifen und wurde dafür umgehend zwangsversetzt. Als er dann noch betrunkene französische Touristen maßregelte, die an einer Kultstätte mit Wächtern eine Schlägerei anzettelten, war es mit der Inspektorenkarriere über Nacht zu Ende. Mit 31 Jahren stand Carter mittellos auf der Straße und genoss als verkrachte Existenz einen eher zweifelhaften Ruf. Das hochgesteckte Ziel, eigene Ausgrabungen durchzuführen, war plötzlich in weite Ferne gerückt. Wieder arbeitete er als Zeichner für betuchte Ausländer mit einer Konzession und blickte resigniert in die Zukunft.

Das Blatt wendete sich erst wieder, als er 1907 über Umwege Lord Carnarvon kennen lernte. Der kränkelnde Aristokrat hegte schon seit langem den Wunsch, sich als Ausgräber zu versuchen, um auf seinem Anwesen Highclere Castle eine Sammlung aufzubauen. So erwarb er eine Lizenz für das Tal der Könige und machte Carter zu seinem Berater. Es war Hassliebe auf den ersten Blick, und dennoch sollten die beiden Männer für die folgenden 16 Jahre auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert bleiben.

Seltsames Team



Carnarvon erwies sich nicht nur als potenter Mäzen und gewiefter PR-Manager, sondern auch als ausgewiesener Diplomat, der die Ungeschicktheiten und Ausbrüche seines Assistenten immer wieder ausbügelte. Carter fühlte sich zwar mehr als einmal gedemütigt und verabscheute sein Dasein als Lakai des englischen Lords, er wusste aber auch, dass die Zusammenarbeit mit Carnarvon die letzte Chance bedeutete, die Entdeckung seines Lebens zu machen. Ein seltsames Team auf Erfolgskurs, wie Chronisten das Verhältnis der beiden charismatischen Persönlichkeiten beschreiben.

Die Lage spitzte sich zu, als der Jahrtausendfund schließlich glückte und die sensationelle Meldung vom Fund der Grabanlage rund um den Globus geht. Die exklusive Vermarktung der Berichterstattung erhält die Londoner Times, die daraus satte Gewinne schlägt. Angelockt von der Nachricht über die "wundervollen Dinge" pilgern zahlreiche Menschen ins Tal der Könige. Vertreter der ägyptischen Behörden, die oberen Zehntausend aus dem In- und Ausland, Touristen, einheimische Zaungäste und nicht zuletzt neugierige Journalisten bringen Carter zur Weißglut und führen letztlich zum Eklat.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Beschwerden, Verbote und massive Anfeindungen sind die Folge, die der schwermütige Engländer nicht verkraftet. Er fühlt sich unverstanden, immer tiefer vergräbt sich der erfolgreiche Finder in seine Arbeit, meidet die Öffentlichkeit und gilt weithin als Sonderling. Den strahlenden Ruhm erntet sein Auftraggeber Lord Carnarvon, und der längst vergessene Pharao Tutenchamun wird mit einem Schlag zur berühmtesten Figur des Alten Ägypten. Um Howard Carter jedoch wird es still. Zehn Jahre lang dokumentiert und präpariert er unter Ausschluss der Öffentlichkeit jedes noch so kleine Objekt, bevor er völlig entkräftet die Kammern der königlichen Mumie der Antikenbehörde in Kairo überlässt.

Mit 58 Jahren betrachtet der große Entdecker seine Aufgabe als gelöst, sein Lebenszweck ist erfüllt. Die Geschichte von Tutenchamun steht seither im Mittelpunkt zahlreicher wissenschaftlicher Betrachtungen. Howard Carter hat sie für die Nachwelt gerettet. Er selbst stirbt einsam und verlassen. Zu seiner Beerdigung auf dem Londoner Friedhof Putney Vale kommen nur wenige Trauergäste, um dem wahren König von Luxor die letzte Ehre zu erweisen.

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