Zankapfel Hanse

Von Ideologen aller Art in Anspruch genommen

Kaum war die Hanse scheinbar verblichen, lebte eine intensive Diskussion unter Staatsrechtlern und Historikern auf. Die Deutsche Hanse mit ihren freien Städten und freien Bürgern wurde als Gegenmodell zum Ständestaat propagiert. Später versuchten vor allem preußische Nationalisten, die Hanse für ihre Zwecke zu vereinnahmen.

Straßenschild Claus Jesup
Straßenschild Claus Jesup Quelle: Petra Steffan

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg blieb das Bild der Hanse als mittelalterlicher Verkörperung deutscher Größe und Seegeltung bestehen. Es war schließlich kein Zufall, dass die erste nationale Luftverkehrsgesellschaft den Namen "Deutsche Lufthansa AG" erhielt. Die wissenschaftliche Neuorientierung der akademischen Hanseforschung in den 1920er und frühen 1930er Jahren, die sich von der politischen Geschichte ab- und der Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte zuwandte, schlug sich in der öffentlichen Wahrnehmung offensichtlich nicht nieder.

Machtpolitische Bedeutung in der NS-Zeit

Während des Nationalsozialismus wurde die nationale und machtpolitische Bedeutung der Hanse extrem hochgespielt. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zum Instrument ideologischer Kriegsführung und nationalsozialistischer Eroberungs- und Großmachtpolitik. Die europäische Großraumwirtschaft, hieß es, sei die Wiedergeburt der ersten kontinentaleuropäischen Großraumwirtschaft - nämlich der Hanse zwischen 1000 und 1500. Das ließ ein Mitarbeiter Rosenbergs, der in der Reichsleitung der NSDAP für wirtschaftspolitische Fragen zuständig war, verlauten.

Hanseforscher wie Fritz Rörig stellten sich in den Dienst der Volksgeschichtsschreibung und vermittelten in Vorträgen und populärwissenschaftlichen Darstellungen ein Hansebild, das der völkisch-rassistischen Weltanschauung entsprach. Es untermauerte die Überlegenheit des nordisch-germanischen Menschen und legitimierte damit seinen Herrschaftsanspruch. Besonders unsäglich ist das 1940 erschienene Hanse-Buch eines Hans Hering (der kein Hansehistoriker war), demzufolge "mit unserem Zeitalter die ewige Deutsche Hanse zu einer neuen Welt- und Seegeltung des schaffenden deutschen Menschen" schreite.

Scharfe Kontroversen

Es ging allerdings auch anders. Mitten im Zweiten Weltkrieg erschien "Die Hanse" von Karl Pagel. Er war ebenfalls kein Historiker, schrieb sein Buch jedoch für eine breitere Leserschaft ohne jegliche nationalistischen und rassistischen Bezüge. Bis zum Erscheinen von Dollingers "Hanse" im Jahr 1964 (deutsche Ausgabe 1966) blieb Pagels Buch die verbindliche Gesamtdarstellung.

Wegen der Inanspruchnahme der hansischen Geschichte für die jeweilige Politik musste es zu scharfen Kontroversen zwischen Historikern der Staaten kommen, die an der hansischen Geschichte teilhatten. Von besonderer Schärfe waren die Diskussionen um die Bedeutung der deutschen Kaufleute zur Zeit des Artlenburger Vertrags von 1161, die zwischen deutschen und schwedischen Historikern ausgetragen wurden, und die Auseinandersetzung um die monopolistische Ausbeutung Norwegens. In der wissenschaftlichen Forschung haben sich - abgesehen von Einzelfragen - die Positionen deutscher und skandinavischer Historiker aus allen drei Ländern inzwischen weitgehend einander angenähert.

180-Grad-Kehrtwende

Diese Annäherung stand und steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg, als die deutsche Hanserezeption eine 180-Grad-Kehrtwende vollzog. In der DDR und in der BRD bildeten sich nun aber unterschiedliche Herangehensweisen heraus. In der BRD wurde die Hanse auf der politisch- ideologischen Ebene zum Vorläufer des vereinten Europas, in der DDR dagegen zum Exempel für den Klassenkampfcharakter der Geschichte; als Städtebund habe sie eine fortschrittliche Rolle bei der Überwindung des vollentfalteten Feudalismus gespielt.

Unterhalb dieser politischen Vorgabe unterschieden sich die konkreten Fragestellungen der DDR-Historiker jedoch kaum von denen ihrer westdeutschen Kollegen. Beide wandten sich wieder den sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Fragestellungen zu, diesmal jedoch erweitert um den europäisch- vergleichenden Ansatz. Hansehistoriker sahen die Rolle der Hanse nun als "Mittler zwischen Ost und West" beziehungsweise als "Brücke zwischen den [europäischen] Märkten".

Wiedergeburt der Hanse

Die Rezeption in der Öffentlichkeit und in der Politik war bis in die späten 1970er Jahre hinein jedoch eher gering. 1978 fasste der Bürgermeister der niederländischen Stadt Zwolle den Plan, den Hansegedanken wiederaufleben zu lassen. Er schickte Einladungen an 57 ehemalige Hansestädte, von denen 43 zusagten und im August 1980 die "Hansetage der Neuzeit" aus der Taufe hoben.

Logo Städtebund DIE HANSE
Logo Städtebund DIE HANSE Quelle: Hansestadt Lübeck

Inzwischen in "Städtebund DIE HANSE" umbenannt, zeigt sich in ihm der internationale, völkerverbindende Aspekt in der gegenwärtigen Wahrnehmung der Hanse. Er umfasst zurzeit 176 Mitgliedsstädte in 16 europäischen Staaten von Frankreich bis Russland. In welchem Ausmaß Feindbilder der Vergangenheit innerhalb dieser Organisation überwunden sind, lässt die Zahl von 21 Mitgliedsstädten in Polen erahnen, das nach Deutschland (99 Städte) das größte Kontingent stellt.

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