Zauber über Hameln

Suche nach der Wahrheit in historischen Quellen

Die früheste Darstellung vom Kinderauszug zierte um 1300 ein Glasfenster der Marktkirche. Inzwischen ersetzt ein neues Motiv das verschollene Kunstwerk. Fest steht aber: Der Kindesentführer erscheint dort als Spielmann, die Ratten fehlen. Erst der schwäbische Graf Froben von Zimmern bringt in seiner Familienchronik von 1565 die grauen Plagegeister ins Spiel.

Mit seiner Erzählung vom betrogenen Fremden, der sich rächt, liefert Graf Froben von Zimmern die erste Erklärung für das Unglück.

Wichtigste und älteste Quelle

In der traditionsreichen Ratsbibliothek der Stadt Lüneburg liegt eine der wichtigsten und ältesten Quellen für die Überlieferung der Hamelner Sage. Die "Catena Aurea", eine Legendensammlung aus dem frühen 15. Jahrhundert soll die Urfassung der geheimnisvollen Geschichte enthalten. Darin findet Dr. Humburg einen entscheidenden Beweis dafür, dass die Rattenfängerfigur pure Erfindung ist und nichts mit den historischen Geschehnissen zu tun hat.

In der Urfassung ist nur von einem Kinderauszug die Rede, ohne dass darüber nachgedacht wird, wie und warum so etwas möglich war. In späteren Zeiten wird dann versucht, eine Erklärung dafür zu bringen. Es wird gesagt, dass der Fremdling der Teufel oder ein Verführer sei. Oder dass das Verschwinden der Kinder eine Strafe Gottes für die Sünden der Eltern sei. Im Ursprungstext wird davon nichts berichtet. Es wird nur die Tatsache des Verschwindens der Kinder genannt, damit muss sich der Leser zufrieden geben. Der Text benennt sogar eine Augenzeugin: "Und die Mutter des Herrn Dechanten Lüde sah die Kinder fortziehen."

Verwischte Spuren

Doch spätestens seit den Brüdern Grimm glaubt die ganze Welt, der Pfeifer von Hameln und der Rattenfänger seien ein und dieselbe Person. In ihrer Fassung von 1816 heißt es: "
Der ganze Schwarm folgte ihm nach. Und er führte sie über die Weserbrücke aus der Stadt hinaus. Dies hatte ein Kindermädchen gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war, darnach umkehrte und das Gerücht in die Stadt brachte. Auf der Suche nach ihren Kindern liefen die Eltern mit betrübtem Herzen vor alle Tore. Die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von Stund' an wurden Boten zu Wasser und Land herum geschickt, zu erkundigen, ob man die Kinder oder auch nur etliche gesehen, aber alles vergeblich."

(Sage)



Seit jenem Tag liegt über Hameln ein seltsamer Zauber. Selbst die zeitgenössischen Quellen verweigern die Auskunft über die tatsächlichen Geschehnisse von damals. Fast scheint es, als hätten die Stadtoberen alles daran gesetzt, entscheidende Spuren zu verwischen.

Dr. Humburg sucht also die Nadel im Heuhaufen. Im historischen Archiv der Stadt wird er fündig. Das Urkundenbuch verzeichnet jene Bewohner, die Rechtsgeschäfte getätigt haben. Die Aufstellung bestätigt die Existenz der Familie Lüde. Und damit auch die Mutter des Dekans - die einzige Augenzeugin des Auszugs. Gäbe es die Notiz aus der "Catena aurea" nicht, bliebe der Verlust der Kinder für immer Legende.





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