Zerfall und Neubau

Architektonische Großtat nur Notlösung gegen Eindringlinge

Der gigantische Verteidigungswall scheint nicht für die Ewigkeit geschaffen. Gluthitze im Sommer, Eiseskälte und Stürme im Winter setzen jedoch auch der Mauer zu. Das große Werk, das nach den Worten der Hofbeamten "Hunderten von Generationen von Nutzen" sein sollte, erweist sich als Unsummen verschlingender Sanierungsfall.

Ruinen der Chinesischen Mauer


"Eine Mauer ist nur so stark wie die Menschen, die sie bewachen", soll mehr als 1000 Jahre später Dschinghis Khan gesagt haben, bevor er sich anschickte, China zu erobern. Gezielt stießen die Xiongnu durch die Schwachstellen des Grenzwalls vor: Im Norden Chinas brannten wieder die Dörfer. Viele Männer der Schutztruppen desertierten, große Mauerabschnitte waren unbewacht oder eingestürzt.

Ende im Desaster

Nachdem der verantwortliche General Kaiser Wudi Bericht erstattet hatte, wollte dieser die Schmach nicht hinnehmen und ließ folgenden Entschluss verkünden: General Li Ling sollte 20.000 Mann an der Nordgrenze sammeln und dann zu einer Strafexpedition gegen die Xiongnu ausrücken. Seine ungewöhnlich offener Bericht über die Hilflosigkeit der Truppen blieb wirkungslos, da "nicht sein kann, was nicht sein darf". Die Strafexpedition endete im Desaster. 20.000 chinesische Soldaten wurden von 40.000 Xiongnu regelrecht abgeschlachtet.

Schlachtfeld mit chinesischen Soldaten

Nach Li Lings Scheitern wurden neue Armeen gegen die Barbaren geschickt. Auf Niederlagen folgten Siege, doch die Steppe und ihre Bewohner zu beherrschen, würde den Chinesen nie ganz gelingen. Über das Schicksal des tapferen Generals Li Ling wurde nichts bekannt. Da er nicht nach Chang'An zurückkehrte, rächte sich Kaiser Wudi an seiner Familie und verurteilte sie für Li Lings Versagen zum Tode.

Strang oder Kastration

Auch der Geschichtsschreiber Sima Qian, der den Kaiser wegen des willkürlichen Urteils kritisierte, wurde bestraft. Aufgrund seiner Verdienste bei Hof ließ man ihm die Wahl: Tod durch den Strang oder Kastration. Er wählte letzteres. So konnte er sein großes Werk, die Geschichte Chinas, beenden. Bis heute ist seine Niederschrift eine einzigartige Quelle über eine ferne, fremde Welt. Über den Mauerbau bemerkte er nur lapidar: "Als die Han die Gebiete am Gelben Fluss zurückerobert hatten, begannen sie dort Festungen zu errichten. Sie setzen die Verteidigungsanlagen instand, die der Erste Kaiser zuvor erbaut hatte und verstärkten sie mit eigenen, neuen Grenzwällen."

Geschichte Chinas auf Bambus-Streifen

Die Han-Dynastie hielt die Macht in China noch weitere 200 Jahre in Händen, ehe sie ihr von einem putschenden General entrissen wurde. Fast ein halbes Jahrhundert lang hatten die Han-Kaiser nichts unversucht gelassen, der Bedrohung aus dem Norden Herr zu werden. Krieg, Bestechung, und schließlich der Bau einer rund 10.000 Kilometer langen Mauer. Nichts von alledem konnte die Probleme dauerhaft lösen.

Politischer Kompromiss

Das gewaltige Bauwerk zerfiel zu Staub, doch folgende Dynastien errichteten über 1500 Jahre lang neue, eigene Wälle. Nie waren sie ein Symbol der Stärke, sondern Ausdruck eines politischen Kompromisses: Militärisch unterwerfen konnten die Chinesen die Völker der Steppe nicht, Handel treiben wie unter Gleichberechtigten wollten sie nicht. Was blieb, war eine architektonische Großtat als Notlösung. In China erfreute sich die Mauer bis in die Neuzeit nie besonderer Wertschätzung. Erst die staunenden Europäer verhalfen ihr zu jenem Ansehen, das den steinernen Drachen im 20. Jahrhundert zur nationalen Ikone Chinas machen sollte.

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