Zermürbender Dienst an der Mauer

Feldpostbriefe geben Einblicke in das Wachsystem

Im März 1907 kämpfte sich der britische Forscher und Archäologe Aurel Stein durch die Taklamakan-Wüste. Er folgte der Seidenstraße, einer Route, auf der Händler bereits vor 2000 Jahren Asiens Kostbarkeiten bis nach Europa brachten. Zunächst entdeckte er uralte Seide und buddhistische Schriftrollen: Nur durch einen Zufall stieß er auf Reste der Han-Mauer.

Wachablösung auf einem der Türme

Schon vor Tagen hätten Stein und seine Begleiter die chinesische Oase Dunhuang erreichen sollen. Seit alters her war die Garnisonsstadt die lebensrettende Zuflucht nach dem endlosen Marsch durch die Taklamakan. Doch was der britische Abenteurer auf der Suche nach Dunhuang erblickte, war nicht die ersehnte Oase, sondern eine Entdeckung, die sich später als archäologische Sensation herausstellen sollte.

Aurel Stein vor einer Ruine (Spielszene)

Bis zum Horizont

Etwa 60 Kilometer nordwestlich von Dunhuang stieß Aurel Stein auf die Überreste des Yumenguan - das sogenannte Jadetor, westlichster Punkt eines über 2000 Jahre alten Verteidigungswalls. Dieser erschien ganz anders als die gemauerten Befestigungsanlagen nördlich von Peking. Den Begriff "Große Mauer" sucht man daher in seinem Bericht vergeblich: "Ich habe in der Wüste die Überreste von Türmen entdeckt und die Reste einer uralten chinesischen Mauer, die sich bis zum Horizont erstreckt. An den meisten Stellen ist sie fast überall unter dem Sand verschwunden, aber an einigen Stellen ragt sie sichtbar empor. Hier erkennt man deutlich einzelne Steinschichten, zwischen die Stroh gelegt wurde, um das Bauerwerk zu stabilisieren."

An einigen Stellen ragte sie noch über zwei Meter aus dem Wüstensand empor. Rund zehn Kilometer war Stein dem Wall gefolgt, als er am Boden auf Holzreste stieß. Streifen aus Bambus, denen Aurel Stein zunächst keine besondere Beachtung schenkte. Doch der Schatzsucher sah zum Glück genauer hin. Was Stein aus dem Wüstensand zog, sind Befehle, Anweisungen und Feldpostbriefe aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Sie liefern ein exaktes Bild davon, wie die Bewachung der Grenze zu jener Zeit funktionierte. Siegel der Kommandanten, geheime Codes auf getrennten Tafeln und Einsatzpläne, auf denen zum Beispiel vermerkt ist, dass ein Soldat namens Wang 355 Tage im Jahr Dienst hatte.

Signalfeuer auf Wachturm

"Optische Telegraphie"

Die wichtigsten Aufzeichnungen belegen jedoch, dass an der Mauer ein ausgeklügeltes System der "optischen Telegraphie" - wie Stein es nannte - zum Einsatz kam. Der Mauer vorgelagert standen Wachtürme, deren Besatzungen unverzüglich Signal gaben, wenn sich Angreifer von Norden näherten. Nach einem festgelegten Code konnten sogar Anzahl und Entfernung der Angreifer gemeldet werden. Tags als Rauch-, nachts als Feuerzeichen. Das Signal wurde dann diesseits der Mauer bis zu den im Hinterland stationierten Garnisonen weitergemeldet. Innerhalb von 24 Stunden über eine Länge von mehreren hundert Kilometern.

"Die Sonne stand hinter mir und beleuchtete im Nordosten vier Türme, die sich bis in die Ferne aufreihen, schweigsame Hüter einer Mauerlinie, die ich glaubte, hier und da mit meinem Fernglas als schwache braune Bänder identifizieren zu können. Was für ein herrlicher Standpunkt für einen Kommandanten, um die Wachtürme und Signale zu beobachten." So die romantisch verklärten Worte des britischen Entdeckers. Die Schriftzeichen der erhaltenen Feldpostbriefe aber schildern ein ganz anderes Bild: die Realität an der Mauer vor mehr als 2000 Jahren.

Desertierende Soldaten

Dienst an der Mauer war etwas, das die Chinesen hassten. Ständig der Gefahr von Überfallen ausgesetzt, litten die Soldaten und Wehrbauern unter den rauen klimatischen Bedingungen. Sie plagte der lange, harte Dienst, die karge Verpflegung und - Heimweh. Aus den erhaltenen Feldpostbriefen spricht die Verzweiflung derjenigen, die ihr Leben in diesem "elenden Land" fristen mussten, und ihre Verbitterung darüber, dass der Kaiser nicht auf das wiederholte Bitten um Versetzung reagierten. Immer mehr Soldaten desertierten zu den Xiongnu, den Barbaren, dem Feind.

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