Zu Gast bei den Tucanos

Neue Kronkolonie

Seit dem ersten Weihnachtstag 1541 ist die Victoria unterwegs. Die Strömung ist inzwischen so stark, dass die Männer rasch vorankommen - oft nur knapp vorbei an ganzen Bäumen, die im Wasser treiben, und durch tosende Stromschnellen, in denen sie Gefahr laufen zu zerschellen.

Spanier bei den Tucanos Quelle: ZDF

Schon am Silvestertag steht fest, dass es keinen Weg mehr zurück geben würde. Zu allem Überfluss regnet es pausenlos. Wahre Sturzfluten kommen vom Himmel, bis auch die letzten Lebensmittel verdorben sind und die durchnässte Besatzung vor Angst, Erschöpfung und feuchter Kälte schlottert. Die Welt um sie herum scheint unterzugehen.

Hunger und Einöde

Nun quälen Hunger und Einöde die Besatzung der Victoria. Da treffen die entnervten Eroberer auf Indianer vom großen Stamm der Tucanos. Orellana beschwört seine Leute, jeden Konflikt zu vermeiden. Und so erfahren sie durch Felipillo, dass die Tucanos mit dem fernen Inkareich Handel getrieben hatten. Und dass der Strom, auf dem sie fahren, einen Namen hat: Rio Napo. Zehn Tagesreisen stromabwärts gelange man an Seen voller Fische und endlich zum Goldland Curicuri. Doch das werde von kriegerischen Stämmen verteidigt. Allein de Vargas weigert sich, dem Frieden zu trauen.

Im letzten Abendlicht notiert der Chronist der Expedition Gaspar de Carvajal, der Proviant sei erschöpft. Er müsse bereits das geweihte Mehl der Hostien verteilen. Deswegen habe man die Einladung der Tucanos in ihr Dorf angenommen - ohne zu wissen, ob man dort in einen Hinterhalt geraten würde. Dabei hatte Felipillo den Spaniern gedolmetscht, dass die Tucanos alle Weißen als "Sonnensöhne" verehrten und ihnen mit Vorräten weiterhelfen würden.

Neue Politik

Orellana spürt die Furcht seiner Mannschaft. In einer feierlichen Ansprache schärft er deshalb seinen Männern ein, den gastfreundlichen Tucanos mit Respekt zu begegnen. Wer sie misshandele oder bestehle, werde in Ketten gelegt oder gehängt. So steht am Ende der heißblütige Indianer-Feind de Vargas mit seinem Widerstand allein da. Orellanas neue Politik entspricht ganz und gar nicht dem Selbstbild der Konquistadoren, die bisher alle Ureinwohner des neuen Kontinents mit brutaler Gewalt unterworfen hatten. Doch der Stratege Orellana fürchtet, ohne die Hilfe der Indianer am Amazonas zu scheitern. Und so folgt man den Tucanos in ihr Dorf.

Im Dorf der Tucanos werden die Eroberer nicht nur freundlich bewirtet. Sie sind auch überrascht von der Größe und Kultur der indianischen Gesellschaft, die nach Orellana am Amazonas nie wieder jemand hat entdecken können. Ob die spanischen Erober mit ihren westlichen Krankheiten Millionen von Indios ausgelöscht haben, konnte lange niemand einschätzen. Die Erforschung der Indio-Böden am Amazonas aber scheint es erstmals zu belegen.

Orellana und sein Inka-Dolmetscher Felipillo lassen sich von Häuptling Aparia bestätigen, was sie längst geahnt haben: Zu Wasser ist die Rückkehr stromaufwärts unmöglich. Und zu Lande würden sie Monate brauchen, um Pizarro und das Basislager mit Proviant zu versorgen. Auf Drängen der Offiziere wird Orellana daraufhin die Weiterfahrt beschließen. Er will lieber die Ländereien stromabwärts für die spanische Krone in Besitz nehmen, als mit leeren Händen zurückzukehren. Carvajal billigt den Beschluss und notiert alles in seinem Expeditions-Bericht.

De Vargas wittert Verrat

Nur Sanchez de Vargas wittert Verrat und schwört, sie alle an den Galgen zu bringen. Wutentbrannt fordert er Orellana zum Duell. Gefesselt lässt man den Günstling Pizarros bei den Tucanos zurück. Orellana selbst ist sich durchaus bewusst, dass man sein Handeln als Hochverrat auslegen könnte. Er lässt seinen Beschluss von den fünf ranghöchsten Offizieren unterzeichnen, um sich gegen spätere Vorwürfe abzusichern. Das Dokument ist noch heute erhalten. Mit der Taufe der Tucanos nehmen die Spanier die ganze Region feierlich als Kronkolonie in Besitz - eine harmlose Prozedur, die die "Wilden" verwundert über sich ergehen lassen. Auf ihrem weiteren Weg sollten die Eroberer grausamere Spuren hinterlassen.

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