Zur Archäologie des "Mannes im Salz"

Der frühkeltische Bergbau im Forscherblick

Als 1573, 1616 und 1734 in den österreichischen Salzbergwerken von Hallein-Dürrnberg und Hallstatt mumifizierte keltische Bergmannsleichen gefunden wurden, wurden diese von den Zeitgenossen eher nur kursorisch beschrieben und zur Schau gestellt und dann bald auch begraben. Doch haben die Entdeckungen immense Wirkung gehabt. Bis heute künden sie von der frühen Gewinnung des Rohstoffes Salz, des weißen Goldes.

Mehr als 400 Jahre später wäre noch immer der erneute Fund einer Salzmumie der Wunschtraum der Archäologie: Wie viele Ergebnisse ließen sich durch seine Erforschung gewinnen, wie viele unbeantwortete Fragen vielleicht lösen? Doch die "Archäologie des Salzes" hält nach Jahrzehnten intensiver Forschungsarbeit auch ohne den neuerlichen Fund eines "Salz-Ötzis" eine Reihe von Antworten, aber eben auch viele noch offene Fragen bereit.

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Heute sind etwa viele Details zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen der frühkeltischen Bergleute zu erkennen: So wissen wir um eine in der Eisenzeit stetig zunehmende Durchseuchung mit Darmparasiten - Salz hat ja auch die Bedürfnisreste des Bergmanns erhalten und so können diese parasitologisch untersucht werden. Dies könnte mit einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für die Bergleute zusammenhängen.


Auch ist die Ernährung des Bergmanns erforscht: Ein Hirsebrei mit Gerste und Saubohne, aufgebessert mit minderem Fleisch und saisonal mit Früchten war wohl das Hauptgericht, heute noch als "Ritschert" in Teilen der Ostalpen gegessen. Kleidungsreste aus Fell und Leder erzählen über die Berufskleidung der Bergleute, Textilien über die frühkeltische Tracht. Das Salz hat hier sogar die Farben der teilweise sehr bunten Wollstoffe erhalten. Viele weitere Details zeigen uns ein einzigartig plastisches Bild der frühkeltischen Lebens- und Arbeitswelt; es ist nur der konservierenden Wirkung des Salzes zu verdanken.

Salzgewinnung

Doch geben die einmaligen Überlieferungsbedingungen auch ein plastisches Bild über die Salzwirtschaft und ihre zeitliche Entwicklung. So wissen wir, dass der ostalpine Salzbergbau am Ende des zweiten Jahrhunderts vor Christus in Hallstatt seinen Ausgang nahm - schon zuvor wurde Salz aus den reichlichen Solequellen der ostalpinen Salzorte wie dem Dürrnberg oder Hallstatt gewonnen. Aber erst im 13. Jahrhundert vor Christus konnte in Hallstatt ein Bergwerk eröffnet werden, in dem bis auf 160 Meter Tiefe Steinsalz in großen Mengen produziert wurde.

Die Salzproduktion steigerte sich durch eine neue Technologie, die in der so genannten Ostgruppe, einem untertägigen Bergwerksbereich, angewendet wurde: In großen Hallen mit bis zu 150 Metern Länge und bis zu zwölf Metern offener Raumhöhe wurde das Salz am Stück gewonnen. Größere Mannschaften von Abbauhäuern, Förderern, Leuchtern und anderen Zuarbeitern konnten eingesetzt werden. Der Erfolg dieses Unternehmens machte Hallstatt zu einem international eingebundenen Wirtschaftsstandort, der Handel mit allen Teilen der früheisenzeitlichen Welt Mitteleuropas trieb.

Ende mit Schrecken

Die Blüte in Hallstatt fand ihr Ende im sechsten Jahrhundert, wahrscheinlich als es infolge eines katastrophalen Mureneinbruches in Teilen des Bergwerkes zu einem Niedergang von Produktion und Handel kam. Ein zweiter Salzproduzent wurde nun zum wichtigsten "global player" der Ostalpen: der Dürrnberg bei Hallein, der mit einer ähnlichen Abbautechnologie über mehrere Jahrhunderte den Salzmarkt beherrschte.

Am Dürrnberg zeigt sich noch besser als in Hallstatt die Entstehung eines auf den Salzabbau ausgerichteten großen Gewerbestandortes: Im Ramsautal und an anderen Plätzen sind umfangreiche gewerbliche Tätigkeiten nachgewiesen, etwa eine bedeutende Fleischverarbeitung des Schlachtviehs Rind, die Töpferei, das Schmiedehandwerk wie auch holzverarbeitende Betriebe wie das Drechsler-, Werkzeugmacher- oder Tischlerhandwerk. Dazu kommen die Glasherstellung, die Fell- und Lederverarbeitung, das Textilhandwerk und vieles mehr.

Enorme Bedeutung von Salz

Der Dürrnberg wurde so zum Marktort und Handelzentrum seines Umfeldes, ein Platz, an dem der Fernhandel mit Salz Reichtum und Luxus zusammenführte, der den Menschen eine weltoffene Einstellung bescherte. Der Reichtum der Menschen, vor allem der begüterten Adelsschicht, lässt sich deutlich an den Grabfunden der Späthallstatt- und Frühlatènezeit ablesen, die hier in großer Zahl gefunden wurden.

Die Archäologie des Salzes macht die enorme Bedeutung eines gefragten Rohstoffes für die Entwicklung nachhaltiger und andauernder Produktionsstrukturen deutlich. Damit war auch eine leistungsfähige Landwirtschaft, eine arbeitsteiliges Gesellschaftssystem und technologisches Know how verbunden - es konnte sich im ostalpinen Umfeld letztlich seit der Bronzezeit und dem zweiten Jahrhundert vor Christus kontinuierlich entwickeln und fand mit den Montanrevieren auf Kupfer und Salz seinen Höhepunkt.

Die Salzwirtschaften der Ostalpen geben ein Paradebeispiel für die Leistungsfähigkeit frühkeltischer Rohstoffwirtschaft - Salz war überall notwendig und begehrt und darum extrem wichtig - ein idealer Wirtschaftsmotor.

Im Blickfeld der Experten

Ähnlich entwickelte Strukturen lassen sich seit dem sechsten Jahrhundert aber auch anderswo in der keltischen Welt finden - etwa bei der Erzeugung des Grundrohstoffes Eisen, in der Entwicklung von Marktorten, die auf Handelswegen basierten oder eben auch beim Gold. Hier ist es vor allem das Limousin, das seit etwa 20 Jahren in den Focus der Montanarchäologie gerückt ist. Auch dort lässt sich, ähnlich wie in den Ostalpen, die Entwicklung einer keltischen Montanregion über viele hundert Jahre verfolgen. Offensichtlich haben hier ganze Gemeinwesen, vielleicht sogar ein ganzer Stamm, die Lemoviker, das begehrte Gold produziert.

Vom fünften Jahrhundert vor Christus bis in die spätkeltische Zeit lassen sich auch im Limousin eine Vergrößerung und technologische Verbesserung der Betriebe erkennen. Die goldführenden Sedimente wurden tiefer und kapazitätssteigernder abgebaut, die Aufbereitung verbessert. Auch wurden nun permanente Siedlungen nahe der Bergbaue gegründet - sie lassen ein ganzjähriges, spezialisiertes Produzieren in der jüngeren Produktionsphase erkennen. Zugleich ist in den größeren Siedlungen, etwa im Oppidum von Villejaubert, der verstärkte Zustrom von Fremdgütern, etwa den Amphoren mit italischem Wein, zu erkennen.

Anerkennung der Römer

Salz, Gold und Eisen waren die wichtigsten Montangüter der keltischen Welt - ihre Gewinnung lässt die hohen logistischen und technologischen Kenntnisse der keltischen Latènezeit erkennen, Kenntnisse über die sich auch die römischen Schriftsteller und Politiker (Cäsar) lobend äußern.

Sie ermöglichten der Gesellschaft auf Basis einer leistungsfähigen Landwirtschaft und eines effektiven Handels erstmals langandauernde Wirtschaftsentwicklungen bis hin zur Entstehung frühurbaner Städte nach mediterranem Vorbild. Die Wirtschaft und Gesellschaft Galliens und des südlichen Mitteleuropas war in dieser Hinsicht bestens auf die der römischen Okkupation nachfolgende Romanisierung vorbereitet.

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