Zur Entstehung der Bilder, Teil 2

Masken, Animationen und mehr

Auch der Maske kam bei dieser Produktion eine große Rolle zu. Neandertaler hatten eine völlig andere Kopfform als moderne Menschen. Statt einer hoch aufragenden, hausartigen Silhouette, zeigt der Neandertalerkopf eher die Form eines Brotlaibes.

Über den Augen wölbten sich kräftige Überaugenwülste und das gesamte Gesicht trat stärker hervor als beim Homo sapiens. Die größten Probleme verursachten allerdings nicht die Teile, die man hinzufügen konnte, sondern solche, die beim modernen Menschen quasi "zuviel" sind. Überaugenwülste kann man ankleben - ein vorhandenes Kinn dagegen verschwinden zu lassen, gestaltete sich als ungleich schwieriger. Für die Maskenbildnerinnen Brigitte Frank und Katharina Pade war jedoch die größte Herausforderung, die individuellen Züge der Darsteller zu erhalten und zugleich das herauszuarbeiten, was für Neandertaler typisch war.

Offene Fragen

Basisinformationen erhielten Pade und Frank von den Rekonstruktionsspezialisten Christoph Zollikofer und Marcia Ponce de León von der Universität Zürich. Sie hatten in Zusammenhang mit der Dokumentation "Der Neandertaler" und der Ausstellung "Roots" den Gesichtsschädel des Mannes aus dem Neandertal wieder hergestellt. Sie lieferten darüber hinaus Angaben über die zu erwartende Dicke der Weichteilauflagen, also die Stärke der Muskel- und Fettschichten, so dass die Form der Neandertalergesichter feststand. Völlig offen aber blieb die Frage, welche Farbe die Haut, die Haare oder die Augen haben sollten oder wie unsere entfernten Verwandten sich schmückten und schminkten.


Frank und Pade orientieren sich einerseits an dem Erscheinungsbild indigener Völker, experimentieren andererseits aber auch mit Pflanzenmaterialien und Erdproben. Unsere eiszeitlichen Vettern wurden von ihrer direkten Umgebung geprägt und waren auf die Dinge angewiesen, die sie vor Ort finden konnten, auf bestimmte Pigmente für eine Bemalung oder vorhandene Rohstoffe für Schmuck. Unter der Leitung von Frank und Pade gestaltete ein fünfköpfiges Maskenbildnerteam Gesichter, die individuell sind und zugleich die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Clan deutlich machen.

Struppiges Etwas mit Kriegsgeschrei

Jede Verwandlung eines modernen Homo Sapiens in einen Neandertaler dauert zweieinhalb Stunden. Für Maskenbildner und Darsteller beginnt daher jeder Drehtag bereits mitten in der Nacht. Für alle Szenen mit Kindern bedeutet dies eine stark verkürzte Drehzeit und gelegentlich sorgen die Ergebnisse der Prozedur immer wieder für Verwirrung: zum Beispiel bei einer Mutter, die ihr Kind vom Drehort abholen will und plötzlich von einem struppigen Etwas mit wildem Kriegsgeschrei begrüßt wird, das sie erst nach wenigen Augenblicken als ihre Tochter identifiziert.

Halten die Anforderungen der realen Welt das insgesamt sechzigköpfige Team vor Ort bereits in Atem, gilt dies umso mehr für den virtuellen Hauptdarsteller. Als ein Höhepunkt war die eingangs zitierte Szene vorgesehen, in der die Neandertalergruppe einen Höhlenlöwen angreift. Zu diesem Zweck müssen am Set gedrehte Szenen mit Bildern, die am Computer erst später entstehen, vermischt werden. Der Höhlenlöwe ist vollständig animiert. Mehrere Computer rechnen über viele Monate, um den Riesen zu erschaffen.

Animierter Feind

Basis für die Konstruktion des 3D-Modells sind erhaltene Höhlenlöwenschädel, Studien afrikanischer Löwen der Gegenwart und eiszeitlichen Malereien. Die Originalschädel sind vor allem für die Einschätzung der Größe von Bedeutung. Jeden Schritt, den der Löwe im Film tut, müssen Animationschef Craig Howarth und sein Team dem Tier erst mühsam "beibringen" - eine zeitaufwändige und teure Angelegenheit. Bei dem Dreh vor Ort muss jeder Schritt, jeder Handgriff genau stimmen, damit die Bewegungen der Schauspieler mit denen des animierten Feindes zusammenpassen. Sich den gigantischen Gegner überhaupt vorstellen zu können, ist schon schwierig genug - wie aber kann ein virtueller Höhlenlöwe einen realen Darsteller verletzen?


Wie so oft, ist die Bluescreen-Technik, in diesem Fall mit grünem "Screen", die Lösung. Allerdings treibt das Team das allgemein bekannte Verfahren in einigen Szenen auf die Spitze: Zum Beispiel dreht der Kameramann zunächst einen Teil der angreifenden Neandertaler, an denen der Höhlenlöwe später vorbeilaufen soll. Diese Aufnahmen bilden den Hintergrund des Geschehens. Die Angreifer, die von vorn kommen, werden vor einer grünen Wand aufgenommen, damit man sie später "ausschneiden" und vor den virtuellen Höhlenlöwen platzieren kann.

Fruchtbare Zusammenarbeit

Eine der Grundlagen für die großartigen Bilder war auch die Beratung durch Ralf W. Schmitz, Deutschlands Neandertaler-Experten Nummer eins. Er sorgte dafür, dass die Geschichten stets feste Bodenhaftung in der aktuellen Neandertalerforschung behielten. Durch diese fruchtbare Zusammenarbeit gelang es erstmals im Fernsehen, realistische und zugleich poetische Bilder vom Leben des Neandertalers entstehen zu lassen, die sich ganz und gar auf unseren eiszeitlichen Vetter konzentrieren und allein seine Geschichte erzählen.

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