Zur Entstehung der Bilder vom Neandertaler

Szenen, Sets und Bewegungen

Die Szenen aus dem Film hätten sich vor 42.000 Jahren im Tal der Düssel abspielen können. Tatsächlich entstand der Film aber nicht im Rheinland, sondern in einem Naturschutzgebiet etwa 100 Kilometer nördlich von Prag.

Dort gibt es sogar Tausende von Jahren nach der Neandertalerzeit noch naturbelassene Kalksteinhöhlen. In einer dieser Höhlen tummelten sich im April und Mai des Neandertaler-Jahres neben den 15 Darstellern des Clans rund 45 weitere Personen, die je nachdem, ob gerade gedreht wurde, emsig in die kühle Felsöffnung hineinströmten oder sich nach entsprechender Ansage wieder diskret zurückzogen.

Entschlossenheit und Kampfeslust

Die Neandertaler am Set wirken furchteinflößend mit ihren kräftigen Überaugenwülsten, die Gesichter zeigen Entschlossenheit und Kampfeslust. Man nimmt diesen Männern und Frauen ab, dass sie bereit sind, gegen ihren ärgsten Feind zu kämpfen, um das Wertvollste zu retten, was der Stamm besitzt: die Kinder. Statt der reißenden Bestie, gegen die sie angeblich ihre Speere und Fackeln schwingen, befindet sich dort allerdings nur eine grüne Wand, auf der später einmal der Höhlenlöwe erscheinen soll.


Trotz höchster Konzentration muss Regisseurin Nina Koshofer die Szene mehrmals abbrechen. Eine der Lampen, die die Szene in ein unheimliches Licht hüllen sollten, ist defekt und muss ersetzt werden. Zudem haben sich zwei Darsteller so heftig in das Kampfgetümmel geworfen, dass sich bei dem einen das Haarteil verschoben hat und bei dem anderen die Überaugenwülste aus Silikon abzufallen drohen. Kameramann Matthias Haedecke perfektioniert unterdessen das Timing der komplizierten Dollyfahrt, während die Choreografin Ailsa Berk mit einem Darsteller noch einmal seinen Bewegungsablauf durchgeht.

Sprachliche Vielfalt am Set

Die Kommunikation am Set funktioniert über mehrere Sprachen. Autorin, Regisseurin, Kamerateam und wissenschaftlicher Berater sind Deutsche, ebenso die leitenden Maskenbildner. Die meisten Darsteller und das technische Team stammt aus Tschechien, während die Choreographin und der Animations-Supervisor aus England kommen. Unter diese sprachliche Vielfalt mischt sich zudem ein völlig unbekannter Zungenschlag - eine Neandertalersprache, die in Anlehnung an das Inukitut, die Sprache der Inuit, entstanden ist.



Die Idee zu dem Programm entwickelte sich vor etwa drei Jahren, als ich vom Kurator des Rheinischen Landesmuseums in Bonn zum ersten Mal von der Ausstellung "Roots" erfuhr. Ich war fasziniert von den Geschichten, die unser eiszeitlicher Verwandter erlebt haben muss und die noch niemals verfilmt worden waren. Bisher hatten sich Filmemacher im wesentlichen dafür interessiert, warum der Neandertaler nach dem Auftauchen des modernen Menschen ausgestorben ist. Neue Forschungsansätze machen es jedoch möglich, den Versuch einer Biografie des Mannes aus dem Neandertal zu versuchen. Der berühmte Fund von 1856 gibt eine ganze Reihe von Hinweisen auf das Leben in der Eiszeit, die die Inszenierungen inspirierten.

Tschechisches Neandertal

Interessante Geschichten gab es viele zu erzählen, allerdings war es gar nicht so einfach, einen geeigneten Drehort zu finden. Ein Location-Scout reiste kreuz und quer durch Europa, um eine natürliche Höhle zu finden, die möglichst viel Ähnlichkeit mit der Kleinen Feldhofer Grotte, dem Originalfundort im Neandertal, haben sollte. Damit ein großes Team vor Ort ohne Probleme arbeiten konnte, sollte die Höhle zudem gut erreichbar sein, aber möglichst nicht touristisch erschlossen. Schließlich wurde das Team in einem Naturschutzgebiet nördlich von Prag fündig.

Mehr als 200 Darsteller wurden gecastet. Die Auswahlkriterien waren außergewöhnlich: stämmiger Körperbau und eine eher konvexe Gesichtsform. Neben diesen "Neandertaler"-Eigenschaften war auch ein gewisses Maß an "Familienähnlichkeit" bei den Schauspielern untereinander für die Auswahl ausschlaggebend. Ebenso wie die Fähigkeit, sich in die eiszeitlichen Jäger einzudenken und entsprechend zu agieren.

"Walk like a Neanderthal"

Die ersten Gehversuche der Darsteller waren wenig ermutigend. Noch immer wird der eiszeitliche Jäger von vielen als ein dümmlicher, vornüber gebeugter Keulenschwinger gesehen. Und so spiegelten die ersten Bewegungen der Akteure wahlweise das Verhalten von Schimpansen oder des buckligen Glöckners Quasimodo. "Walk like a Neanderthal" wurde zu einer der schwierigsten Herausforderung der gesamten Produktion.


Um diese Hürde zu meistern, veranstaltete das ZDF vor Beginn der Dreharbeiten einen mehrtägigen Workshop für die Darsteller, in dem eine der internationalen Topexpertinnen für archaische Bewegungsabläufe die Gruppe trainierte. Ailsa Berk beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Verhalten von Primaten und der adäquaten Umsetzung für Film und Fernsehen.

Erfahrene Topexpertin

1983 hauchte sie im sechsten Teil der Star Wars Saga "Die Rückkehr der Jedi" der Figur Amanaman Leben ein, 1984 spielte sie in "Greystoke - Die Legende von Tarzan" an der Seite von Christopher Lambert im Schimpansenkostüm die Adoptivmutter des berühmten Waldbewohners. Die ersten Erfahrungen mit Neandertalern sammelte sie 1981. Damals bat sie der berühmte französische Regisseur Jean-Jacques Annaud, die Neandertaler seines Klassikers "Am Anfang war das Feuer" zu choreographieren.

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