Zwischen den Fronten

Machtverlust durch Misserfolg bei Verdun

Der entscheidende Dominostein in den politisch angespannten Tagen vor Ausbruch des 1. Weltkrieges fällt in Bosnien, abseits der großen Weltpolitik. Die kleine Stadt Sarajevo in Festlaune. Am Bahnhof trifft der österreichische Thronfolger ein, hoher Besuch. Aber dann fallen Schüsse.

Der Kronprinz und seine Gemahlin sterben. Schon bei der Beerdigung heißt es: ein politischer Mord. Serbien und Russland stecken dahinter.

Friedensbotschaft ohne Antwort

Krieg liegt in der Luft, das spürt auch Wilhelm. Säbelrasseln ja, aber wirklich Krieg? Der Kaiser zögert. Er weiß, steht er nun Österreich im Kampf gegen Russland und Serbien bei, dann gibt es Krieg, den aber will er nicht. Er verfasst Briefe an seine Verwandten, seine möglichen Kriegsgegner: "Lieber Nikki, laß es nicht soweit kommen!", schreibt er dem russischen Zaren. Und auch an den englischen König sendet er eine Friedensbotschaft - sie bleibt ohne Antwort.




Den Völkern gefällt die Aussicht auf Krieg, überall wird gejubelt: in Berlin, Paris und Sankt Petersburg macht man mobil. Und die wenigen warnenden Stimmen gehen im Meer der Kriegsbegeisterung unter. Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld suchen sie, aber sie werden Blut und Tränen finden.

Angriff auf Frankreich



Auch der Kaiser demonstriert jetzt Entschlossenheit und Härte - was bleibt ihm anderes übrig? Im Deutschen Militärarchiv in Freiburg werden die Kriegsakten aus dem Ersten Weltkrieg aufbewahrt. Hier untersucht der Militärhistoriker Gerhard Groß die Originalpläne für den deutschen Angriff auf Frankreich. Das Ziel: Paris.

Die deutschen Superkanonen leisten jetzt ganze Arbeit. Und der ausgeklügelte Plan von General Schlieffen scheint erfolgversprechend: Schlieffen hatte schon Jahre zuvor empfohlen, im Kriegsfalle Frankreich nicht direkt anzugreifen, sondern mit den Armeen den Umweg durch das neutrale Belgien zu gehen. Und tatsächlich dringen die kaiserlichen Streitkräfte jetzt schnell nach Frankreich vor. Bis dicht vor Paris. Und das, obwohl englische Truppen dem neutralen Belgien beistehen und mit zwei Armeen in das Kampfgeschehen eingreifen. Dann aber verlässt die Deutschen das Kriegsglück.

Schwäche genutzt

Militärhistoriker Groß analysiert an Originalplänen das Verhängnis: Die 1. Armee ist zu schnell vormarschiert; den Deutschen mangelt es jetzt an Nachschub und die Befehlswege sind unterbrochen. Der Feind nutzt diese Schwäche: Mit allem, was Räder hat, sogar mit Taxis, werden frische Truppen aus Paris an die nahe Front transportiert. Beim Gegenangriff gerät die 1. Armee in Bedrängnis.

Zwei Jahre lang ändert sich der Frontverlauf kaum - dann kommt es in Verdun zu einem sinnlosen Gemetzel ohnegleichen. Es beginnt mit einem neunstündigen Artillerieangriff der Deutschen. Auf engstem Raum haben sie 1400 Geschütze aufgestellt, aus denen in kurzer Zeit zweieinhalb Millionen Granaten abgefeuert werden. In unterirdischen Kasematten warten die Franzosen auf das Ende der Kanonade. Wie lebendig begraben in solchen Unterkünften. Der Angriffsbefehl erscheint da wie eine Erlösung. Aber draußen erwarten die Soldaten Granatenhagel und Giftgasnebel. In Verdun gibt es keinen Sieger.

Zum Statisten degradiert

In einer hundert Kilometer entfernten Villa im besetzten Belgien verfolgt der Kaiser den Kriegsverlauf. Es gibt keinen Anlass zum Jubeln mehr. Nach dem Misserfolg von Verdun muss Wilhelm auf öffentlichen Druck zwei neue Oberbefehlshaber des Heeres ernennen. Der eine ist ein ehrgeiziger Stratege: General Ludendorff; und der andere ein populärer Haudegen: Paul von Hindenburg. Diese Militärs können nun nach Belieben im Reich schalten und walten. Der Kaiser ist zum Statisten degradiert - und handelt nicht (alle wichtigen Entscheidungen laufen ab jetzt an ihm vorbei.

1916/17 gibt es in der Tat die Möglichkeit, mit den Westmächten einen Ausgleichsfrieden zu erreichen, wenn Deutschland Zugeständnisse gemacht hätte. Soweit die Theorie. In der Praxis haben die Militärs Hindenburg und Ludendorff ihre Vorstellungen durchgesetzt. Sie sind nur bereit, einen Siegfrieden zu akzeptieren. Wilhelm ist zu diesem Zeitpunkt also nicht mehr als eine Marionette auf dem Thron.

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