Zwischen Mangel und Fortschritt

Studieren zur Zeit des Francois Villon

Vergleichsweise sicher leben die Menschen in Paris hinter den Mauern der Kirche. Wie zum Beispiel im Kloster St. Benoît-le-Betourné an der Rue Saint Jacques, im Universitätsviertel von Paris. Dort lebt der, aus armen Verhältnissen stammende, Halbwaise Francois Villon, seit er acht Jahre alt ist.

Gemälde Unterricht in Pariser Universität

Der Vater stirbt früh und die Mutter verdient zu wenig, um ihm eine sichere Zukunft bieten zu können. Sie gibt Francois in die Obhut der Kirche. Hier hat er nicht nur für den Moment ein Bett und genug zu essen. Hier kann er auch Lesen und Schreiben lernen. Nur so, glaubt die Witwe, hat ihr Sohn eine Chance, auch in Zukunft die schwierigen Zeiten zu überstehen. Als Stipendiat der Kirche nimmt er sein Studium an der berühmten Universität von Paris auf.

Söhne reicher Eltern

Die meisten der 5000 Studenten sind die Söhne reicher Eltern und müssen für die Ausbildung hohe Studiengebühren entrichten. So mancher Student träumt von einer akademischen Laufbahn oder von der eigenen Kanzlei. Doch vor all dem steht zunächst ein mehrjähriges Studium. Unterrichtet wird in der Sprache der Gelehrten: Latein. Die Fächer sind Logik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musiktheorie. Die Studenten schreiben mit, was der Professor aus dem Lehrbuch vorliest. Er ist verpflichtet, so langsam zu lesen, dass auch der schlechteste Schreiber mitkommt.

Für die Begabteren eine Qual, wie Abbildungen aus der Zeit zeigen. Sie stammen aus Handschriften, denn der Buchdruck war noch nicht erfunden. Die von Hand kopierten Bücher kosten ein Vermögen und sind für die meisten Studenten unerschwinglich. Ein Buch hat je nach Ausstattung den Gegenwert eines Pferdes. Aufwändig illustrierte Werke kosten gar soviel wie ein ganzes Haus. In der Regel müssen die Studenten Texte in den Bibliotheken abschreiben. Aus Büchern, die zum Schutz vor Diebstahl, an die Kette gelegt werden.

Eine geniale Erfindung

Am Anfang dieser vergleichsweise breiten Wissensvermittlung stand eine geniale Erfindung: Das Papier. Einen unschlagbar günstigen Preis - im Vergleich zu Pergament - erzielte man durch Automatisierung. Alte Lumpen aus Leinen oder Baumwolle bildeten den Rohstoff für das neue Produkt, das die Welt veränderte. Ursprünglich wurde der Faserbrei von Hand hergestellt, aber innovative Handwerker des Mittelalters erfanden Papiermühlen, die durch Wasserkraft angetrieben wurden.

Herstellung von Papier

So schafften es die europäischen Papierhersteller, Papier - ursprünglich eine chinesische Erfindung - durch Mechanisierung in großen Mengen und bester Qualität herzustellen. Dabei gehörten die Universitäten zu den wichtigsten Kunden der Papiermühlen. Der breite Einsatz des neuen Schreibmaterials in den Vorlesungssälen des 15. Jahrhunderts markiert den Beginn des Informationszeitalters.

Viele Studienabbrecher

Aber auch das beste Medium zur Wissensvermittlung hilft nichts, wenn ein Student nicht lernen will. Viele brechen ihr Studium vorzeitig ab. Nicht selten finden die jungen Männer ein besseres Auskommen als Handwerker, denn als Akademiker. Francois Villon gehört nicht zu den Studienabbrechern. Zwei Einträge belegen, dass er ein begabter und fleißiger Student gewesen sein muss. Seine Prüfungen legt er in der kürzest möglichen Zeit ab.

In seiner Studentenzeit kommt Francois zum ersten Mal mit Reichtum in Berührung. Er weiß, dass Geld und Macht zusammengehören. Später wird er mit seinen Liedern und Balladen all jene anprangern, die skrupellos genug sind und alles tun, um an beides zu kommen. Die meisten Einwohner von Paris kennen die seltenen Goldmünzen als Zahlungsmittel nur vom Hörensagen. Man zahlt mit "kleiner Münze" - mit Hellern und Kupfermünzen - für die Dinge des Alltags: Zwiebeln, Mehl, Brot, Öl, sauren Wein. Selbst die Grundnahrungsmittel werden immer teurer, ein Folge der Kleinen Eiszeit.

Optimale Nutzung der Wasserstände

Die Pariser holen schließlich die Verarbeitungsbetriebe für Grundnahrungsmittel in die Stadt. Zum Beispiel bauen sie Schiffsmühlen. Bei diesen Getreidemühlen war das große Antriebsrad für den Mühlstein auf einem Boot montiert. In der Stadt fehlte schlicht der Platz für fest installierte Wassermühlen am Seineufer. Mit den Schiffsmühlen konnte man die Energie des Flusses trotz wechselnder Wasserstände immer optimal nutzen. Der unvorhersehbare Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser im späten Mittelalter war eine Folge der Kleinen Eiszeit.

Schiffsmühlen

Die Bootsmühlen produzierten das Mehl dort, wo es in großen Mengen gebraucht wurde, mitten in Paris. Die Studenten des Universitätsviertels Quartier Latin waren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie brauchten Nahrung, Kleidung, Papier, Schreibzeug. Handwerker, Bäcker, Metzger, Flussfischer lebten von ihnen.

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