Zwischen Wolfsmutter und Sapiens-Clan

Die außergewöhnliche Geschichte eines Wolfskindes

Vor 12.000 Jahren lebte der Mensch im Gleichgewicht mit der Natur. Nahrung gab es im Überfluss, man musste sich nur nehmen, was man wollte. Das Leben war für Frauen und Männer einfacher geworden. Sie begannen sich Zeit zu nehmen und die Anwesenheit des anderen zu genießen. Ein Homo sapiens erzählt eine außergewöhnliche Geschichte:

Aus dem Clan liebte jeder den Jäger Neneh, besonders meine Mutter. Wenn er vorbeikam, um sie auf dem Heimweg von der Jagd zu besuchen, brachte er ihr stets Vogeleier mit. Meine Mutter war in ihn verliebt - und er in sie.

Böse Vorahnung

Neneh und meine Mutter waren fast zwei Monde zusammen glücklich gewesen, aber an diesem Tag hatte sie eine böse Vorahnung. Man musste in die Berge gehen, um den wilden Weizen zu pflücken. Sobald die Sommertage kürzer wurden, ernteten wir so viele Ähren wie möglich, um durch den Winter zu kommen. Neneh wusste, dass um diese Zeit des Jahres der Falke seine Eier legte und meine Mutter liebte Eier. Beim Versuch den Felsen des Falken hochzuklettern, stürzte er kurz nach dem Erreichen des Gipfels ab.



Auf der Suche nach Neneh hörte meine Mutter einen Wolf heulen und einen menschlichen Laut, sie hatte das Gefühl, Neneh sei ganz in ihrer Nähe. Aber es war ein kleiner Junge bei einer Wölfin - dem grausamsten aller Fleischfresser. Es war das Seltsamste, was sie je gesehen hatte. Die Wölfe waren stets in unserer Nähe. Wenn unsere Kinder in den Wäldern verloren gingen, fraßen die Wölfe sie. Wir fürchteten und hassten Wölfe. Das Kind war wild, verloren von einem anderen Clan. Meine Mutter versuchte, es zu beruhigen, aber es wehrte sich. Sie brachen die Suche nach Neneh ab und überlegten, was sie mit dem Jungen machen sollten.

"Das wilde Kind war ich"

Sie brachten den Jungen in ihr Dorf. Meine Mutter nahm ihn mit in ihr Haus und ließ ihn in Nenehs Bett schlafen. Aber er wollte nicht schlafen, er lauschte in Richtung der Berge. Sie konnte nicht glauben, dass die Wölfin den Jungen wirklich angenommen hatte. Das wilde Kind war ich. Ich fühlte mich nicht wie ein Mensch, ich dachte, ich sei ein Wolf.
In einem Dorf lebte nicht mehr ein einzelner Clan, sondern mehrere Familien. Eine besondere Erfindung dieser Zeit ist das Kochen mit Kochsteinen. Aber meiner Mutter fiel es zunehmend schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Sie sehnte sich so sehr nach einer eigenen Familie.

Rückkehr der Wolfsmutter

Ich mied die Gegenwart der Dorfbewohner und konnte nur die meiner Mutter ertragen, aber ich würde nie das gekochte Fleisch essen, das sie mir anbot. Mehr und mehr fühlte sie sich mit dem wilden Kind verbunden. Sie mochte mich. Ich eroberte einen Platz in ihrem Herzen: den Platz eines Sohnes.


Eines Tages jedoch kehrte meine Wolfsmutter zurück, um mich zu holen. Menschen hassen Wölfe, denn sie kennen sie nicht. Meine Wolfsmutter hätte mir niemals etwas zuleide getan. Aber die Menschen dachten, dass ich in Gefahr wäre, wie alle Menschenkinder, wenn Wölfe in der Nähe sind. Vielleicht konnte meine Mutter die Liebe der Wölfin spüren, da sie selbst unter der Sehnsucht nach einem geliebten Menschen litt. Ich wusste plötzlich, dass ich zwei Mütter hatte. Und ich wusste nicht, für welche ich mich entscheiden sollte. Sie wusste, dass man mit der Wölfin wie mit dem wilden Kind sprechen musste. So wurde sie für immer zu meiner Mutter.



Ein Jahr war vergangen und ich lebte unter den Menschen. Die Wölfin war in der Nähe des Dorfes geblieben und gewöhnte sich Stück für Stück an die Anwesenheit der Menschen. Die Gemeinschaft von Menschen und Haustieren nahm ihren Anfang. Es war der Beginn eines großen Abenteuers: nicht nur mit Wölfen, sondern auch mit anderen Tieren. Wir hatten gerade herausgefunden, dass wir einander nützlich sein konnten.

Nenehs "Hinterlassenschaften"

Dank meiner Wolfsmutter machten wir eine außergewöhnliche Entdeckung. Inmitten eines Bettes aus wildem Weizen lag ein Skelett: es war Neneh. Er war an dem Tag verschwunden als meine Mutter mich gefunden hatte. Sie gab mir die Liebe, die sie für ihn empfunden hatte. Neben den sterblichen Überresten lag seine Halskette. Meine Mutter gab Nenehs Kette an mich weiter und habe sie mein ganzes Leben getragen.

Entdeckung der Landwirtschaft

Die Körner des Weizens aus Nenehs Beutel waren aufgegangen. Neue Ähren wuchsen überall dort, wohin die Samen gefallen waren. Der Chef entdeckte, dass jedes Korn viele neue Körner hervorgebracht hatte. Es war so einfach, aber bisher hatte noch niemand darüber nachgedacht. Vielleicht ist auf diese Weise der Ackerbau entstanden.


Als der Mensch Ackerbau und Viehzucht entwickelt hatte, war er in der Lage, mehr Münder satt zu bekommen. Die Entdeckung der Landwirtschaft verbreitete sich innerhalb weniger Jahrhunderte an vielen Orten der Welt. Der Homo sapiens siedelte dauerhaft neben seinen Feldern. Nach dem Wolf zähmte der Mensch mehrere andere Tierarten. Er entdeckte die Viehzucht, die zu einer verlässliche Nahrungsquelle wurde.



An vielen Orten der Welt ragen gigantische Monumente in den Himmel. Zeugnisse der Verehrung des Göttlichen. Die Populationen wuchsen, mehr Dörfer entstanden, Handel breitete sich aus, immer größere Gruppen schlossen sich zusammen. Zivilisationen entstanden. Mit den ersten Hochkulturen endet die Vorgeschichte. Ganz gleich welche Farbe unsere Haut hat oder welche Form unsere Augen, die sechs Milliarden Menschen, die heute den Erdball bevölkern, sind alle Nachkommen derselben Familie. Sie war der Ursprung von Tausenden Generationen von Frauen und Männern bis in die Gegenwart. Ihre Entdeckungen sind die Basis unseres Wissens bis heute.

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