Zwischenstation auf einer Vogelinsel

Zehntausende von Eiern und Küken - eine ideale Futtergrundlage

Einen Monat später ankere ich in einer Bucht auf den Aleuten. Diese über eintausend Kilometer lange Inselkette ist die längste der Erde und reicht fast bis zum russischen Kamtschatka. Der ständige Gezeitenwechsel macht den Einsatz eines Beibootes unentbehrlich.

Andreas Kieling auf einer Vogelinsel in einer Bucht auf den Aleuten Quelle: ZDF

Aus Platzgründen ist mein Dingi leider nur ein Schlauchboot, denn Bären finden den Geruch von Gummi unwiderstehlich. Und ein zerbissenes Boot hätte für mich böse Folgen. Deshalb baue ich am Ufer aus Treibholz ein kleines Rack. Darauf will ich das Kanu deponieren. Es hängt zwar nicht sehr hoch, aber so stolpern die Bären wenigstens nicht gleich darüber. Dann verteile ich Mottenkugeln drum herum. Denn deren Geruch hassen die Bären. Es ist ein alter Trick, um sie von Camps fern zu halten. Zu meiner Verblüffung scheint das bei Füchsen nicht zu funktionieren. Sie werden von dem strengen Geruch eher angezogen.

Meist keine Scheu vor Menschen

Ganz in der Nähe, auf einer Salzgraswiese, entdecke ich einen wirklich beeindruckenden Bären, vorsichtig nähere ich mich an. Der Bär ist so beschäftigt, dass er mich völlig ignoriert. Braunbären haben einen robusten Allesfressermagen. Das unterscheidet sie von anderen Raubtieren. Wochenlang können sie von proteinhaltigem Gras leben und nehmen dabei sogar noch zu. Auf meinen vielen Reisen in den Norden bin ich immer wieder auf Tiere gestoßen, die offensichtlich jahrelang oder noch nie einen Menschen gesehen haben. Diese Tiere zeigen meistens keine Scheu vor uns Zweibeinern. Was verblüfft und fremdartig vorkommt, ist eigentlich das ursprüngliche und natürliche Verhalten.

Andreas Kieling füttert zwei Füchse Quelle: ZDF

Füchse halten sich gerne in der Nähe größerer Beutegreifer auf, weil sie wissen, wenn die erfolgreich gejagt haben, fällt für sie immer eine Kleinigkeit ab. Die Füchse sehen offenbar in mir so etwas wie ein Raubtier, bei dem es was zu holen gibt. Ich bestärke sie noch in dieser Annahme und fange ihnen ein paar kleine Fische, die sie dankbar annehmen. Hier hätte ich sicher ein paar neue Freunde fürs Leben gewonnen, wenn ich mich in der Gegend niederlassen würde. Aber es zieht mich weiter nach Norden.

Solide Futtergrundlage

Vor Jahren erzählte mir ein Fischer von großen Küstenbraunbären, die von Insel zu Insel schwimmen um Seevogelnester zu plündern. Bei dem Vogelreichtum dort klingt das durchaus glaubhaft. Das nächste Zwischenziel auf der Route meiner Suchexpedition nach den Grizzly-Giganten ist deshalb eine Vogelinsel mit großen Brutkolonien. Diese Insel ist überwiegend von Silber- und Eismöwen besiedelt. Die kalten und stark durchströmten Gewässer ringsum gehören zu den fischreichsten der Erde. Ideale Brut- und Aufzuchtbedingungen. Zehntausende von Vogeleiern und Küken wären für Bären tatsächlich eine solide Futtergrundlage. Aber so sehr ich mich auch abmühe, ich kann nirgends einen Hinweis auf die Anwesenheit der Raubtiere entdecken, auch nicht, während ich immer weiter hoch steige. Weit und breit ist nichts von Bären zu sehen.

Von dem vielen Vogelkot sind solche Inseln regelrecht überdüngt. Daher wächst das sonst eher spärliche Seegras hier sehr üppig und lässt diese Eilande besonders grün werden. Diese Insel quillt wirklich von Nestern über. Ich muss ständig aufpassen, nicht in eines zu treten. Neben den gewöhnlichen Papageientauchern bevölkert eine Anzahl der seltenen Schopfpapageientaucher die Insel. Die jungen Papageientaucher sind schon flügge. Noch unerfahren können sie zur leichten Beute von Raubmöwen und Adlern werden. Größere Raubtiere scheint die Vogelwelt hier nicht zu kennen.

Unter strengem Schutz

Völlig schutzlos gelegen, finde ich einen Seeadlerhorst. Der etwa vier Wochen alte Jungvogel ist von meinem Erscheinen nicht sonderlich beeindruckt. In Alaska sind Weißkopfseeadler sehr häufig vorkommende Greifvögel. Trotzdem stehen sie unter strengem Schutz. Die Eltern haben das Junge reichlich mit Nahrung versorgt. An einen Steinadlerhorst hätte ich mich nicht so nah heranwagen dürfen. Die sind viel aggressiver und hätten mich schon lange attackiert.

Andreas Kieling mit einem Seeadler-Jungen Quelle: ZDF

Unten am Wasser hat meine ornithologische Begeisterung inzwischen böse Folgen. An den Tagen um Vollmond ist der Gezeitenhub besonders groß. Ich hatte mein Boot Tardis zu dicht an der Küste geankert und beim Landgang die einsetzende Ebbe vergessen. Als ich endlich wieder daran denke, ist es längst zu spät. Der Kiel war nicht eingeschwenkt und das Ruderblatt nicht eingezogen. Ein grober Fehler. Jetzt ist das Ruder gebrochen. Das Segelboot ist nicht mehr steuerbar. Es gelingt mir, das Ruderblatt mit bordeigenen Mitteln zu reparieren. In der menschenleeren Gegend hier wäre dies sonst das vorzeitige Ende meiner Expedition gewesen.

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