Der Kanzler der Einheit

Dokumentation zeichnet Höhen und Tiefen nach

Helmut Kohl, der "Rekordkanzler", wird 80. Vielen Spöttern zum Trotz profilierte sich der immer wieder belächelte "schwarze Riese" aus der Pfalz mit Beharrlichkeit und Stehvermögen zum international anerkannten Staatsmann. Er wurde unverhofft zum Akteur einer epochalen Wende: der Überwindung der Teilung Deutschlands, Europas und der Welt.

Kanzler Helmut Kohl bei Wahlveranstaltung in Erfurt 1990. Quelle: dpa

Ihn den Kanzler der deutschen Einheit zu nennen, provoziert kaum noch Widerspruch. An der Bewertung seines Anteils am historischen Prozess aber scheiden sich mitunter die Geister. War er ein Visionär, der die Wiedervereinigung stets vor Augen hatte und seine Politik darauf ausrichtete, oder ist ihm das Einheitslos eher zugefallen?

Historische Chance zur Einheit

Der Film versucht, die Rolle Helmut Kohls auszuloten, richtet den Blick auch auf frühe politische Bekenntnisse und Weichenstellungen: Konsequente Bündnistreue in transatlantischer Partnerschaft, eine offensive Europapolitik, die Fortführung der sozialliberalen Deutschlandpolitik und zugleich das "Offenhalten" der deutschen Frage. Kamen ihm seine mitunter heftig umstrittenen Standortbestimmungen der Jahre vor der Epochenwende nach dem Mauerfall zugute? Die Tür zur Einheit stand nur einen Spalt breit offen - und die Furcht ging um, dass sie sich bald wieder schließt.

Der Film zeigt anhand neuester Forschung, wie groß die Vorbehalte bei den europäischen Partnern waren und wie akut die Gefahr eines Sturzes von Michail Gorbatschow schon 1990. Der Kremlchef war durch den drohenden Zerfall der Sowjetunion völlig beansprucht, abgelenkt und abhängig von finanzieller Hilfe. Wie ging Helmut Kohl mit den Widerständen in Europa und mit der Krise in Moskau um, als sich für ihn die Chance bot, den "Mantel der Geschichte" zu ergreifen?

Affäre um CDU-Parteispenden

Nach 1990 zeigte sich, dass die Herausforderungen der inneren Einheit des vereinigten Deutschlands viel größer waren als zunächst gedacht. Hier gestand Kohl Irrtümer ein. Und auch die nötigen Reformen der Bundesrepublik kamen nicht oder nur schleppend voran. Den Tiefpunkt seiner Karriere erlebte der "ewige Kanzler" aber erst nach dem Ende seiner 16jährigen Amtszeit. Die Parteispendenaffäre - sie schien jahrelang alle Erinnerung zu überschatten.

Doch stehen neben den historischen Verdiensten um die deutsche Einheit auch die um einen weiteren Einigungsprozess. Dazu gibt es kaum spektakuläre Bilder. Der Weg zum Euro und zur Europäischen Union vollzog sich nicht unter dem Jubel der Massen. Das "Gemeinsame Haus Europa" mit erbaut zu haben, sei die noch größere Errungenschaft des "Einheitskanzlers", meinen manche Biografen im Rückblick heute.

Politische Freunde und Gegner

Wie gelang es Helmut Kohl, deutsche und europäische Interessen unter ein Dach zu bringen? Auch dieser Frage geht der Film nach. Neben Hans-Dietrich Genscher, Egon Bahr, Klaus von Dohnanyi, Lothar de Maizière, Rainer Eppelmann, Kurt Biedenkopf, Theo Waigel und Claudia Roth schildert Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie sie Helmut Kohl auf dem Weg zur deutschen Einheit erlebte. Welche internationalen Widerstände 1990 zu überwinden waren, und was das gegenseitige Vertrauen der Mächte damals bedeutete, berichten Michail Gorbatschow, George Bush (sen.), Roland Dumas und Lech Walesa.


Dass Kohl (der in einem früheren Interview zu Wort kommt) schon von Beginn seiner Amtszeit an auf die europäische Karte setzte, bestätigen Jean-Claude Juncker, Jacques Delors und Daniel Cohn-Bendit. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im Sog der Spendenaffäre die Ära Kohl für beendet erklärte, würdigt Helmut Kohl im Interview letztlich als Kanzler einer doppelten Einigung: "Das Werk der deutschen Einheit, seine Verdienste um Europa sind natürlich bleibende Verdienste".

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