Die Schlacht um Ostpreußen

Die Winteroffensive der Roten Armee

Vor 60 Jahren bebte an der Front im Osten die Erde. Am 12. Januar 1945 begann die sowjetische Großoffensive auf Hitlers Reich mit einer Wucht, die Zeitzeugen noch heute als "schlimmstes Inferno" beschrei­ben. Von drei Seiten gleichzeitig griff die Rote Armee an.

Flucht übers Haff Quelle: dpa

Allein die Truppen der Marschälle Schukow und Konjew waren mit 2,2 Millionen Soldaten, 6000 Panzern und fast 5000 Flugzeugen schlagkräftiger als die gesamte deutsche Wehrmacht. Hitler sagte, im Osten könne er noch Land verlieren, und hatte die Reserven in die Ardennen-Offen­sive im Westen geschickt.

"Der größte Bluff"


Als General Reinhard Gehlen, Chef des Geheimdienstes "Fremde Heere Ost", zur Jahreswende 1944/45 be­drohliche Zahlen von sowjetischen Truppenkonzentrationen vorlegte, herrschte ihn der selbsternannte Feldherr wütend an: Das Dossier sei der "größte Bluff seit Dschingis Khan" und der "idiotische Bearbeiter" der düsteren Prognose "sofort in ein Irrenhaus" zu sperren.


Doch traf die Beurteilung zu. Mehr als anderthalb Millionen Rotarmisten mar­schierten im Januar allein in Ostpreußen ein. Die NS-Propaganda hatte getönt, dass nie ein sowjetischer Soldat die Reichsgrenze über­schreiten würde.

Keine Evakuierung


Den Zivilisten waren jegliche Vorbereitungen zur Flucht verboten worden, auch als die ersten Meldungen von sowjeti­schen Gräueln die Runde machten. Eine Evakuierung, hieß es, käme dem Eingeständnis einer Niederlage gleich. Die Soldaten sollten vor Ort um das Leben der Frauen und Kinder kämpfen, dies war das zyni­sche Kalkül des Regimes.


Die deutschen Stellungen brachen angesichts der vielfachen militäri­schen Überlegenheit rasch zusammen. Nach wenigen Tagen standen sowjetische Truppen vor Königsberg - zugleich drohte der östlichsten deutschen Provinz die Umfassung von Süden her. Es begann ein Wettlauf mit der Zeit.

Zivilisten fliehen überstürzt

Erst als der Schlachtenlärm schon zu vernehmen war, wurde das Fluchtverbot nach und nach aufgehoben. Hunderttau­sende von Zivilisten brachen jetzt überstürzt auf, zu Fuß, mit Fahrzeu­gen, den letzten Eisenbahnzügen oder mit Pferd und Wagen, in oft kilometerlangen Trecks, bei minus 20 Grad Kälte.


Manchmal entschieden Stunden über das Schicksal ganzer Dorfge­meinschaften. Der größte geschlossene Treck machte sich von Schloss Schlobitten südöstlich von Elbing aus auf den Weg. Alexander Fürst Dohna hatte die Bedrohung früh erkannt und heimlich die Flucht für seine Familie und über 300 Bewohner seiner Ländereien organi­siert.

Sowjets üben Vergeltung

Hitlers Haltebefehl

Der Treck konnte der Einschließung entgehen, doch nicht allen Bewohnern der Güter gelang der rechtzeitige Aufbruch. Sie wurden von den Sowjets überrollt und Opfer einer Besatzung, die Vergeltung für die von Deutschen begangenen Verbrechen in ihrer Heimat üben wollte. Es gab aber auch Beispiele von Menschlichkeit. Manche sowjetischen Soldaten versuchten die Exzesse ihrer Kamera­den zu verhindern und setzten dafür ihr Leben aufs Spiel. Nachdem der Weg nach Westen Ende Januar '45 abgeschnitten war, blieb den ostpreußischen Flüchtlingen nur noch der Ausweg über das zugefrorene Haff an die Ostseehäfen. Schon die Überquerung des zu­gefrorenen Haffs bis zum Landstreifen, der Nehrung, war für viele ein Wettlauf mit dem Tod. In der dunklen Eiswüste kamen sie vom festen Weg ab, verirrten sich und brachen ein. Tausende wurden Opfer von Luftangriffen und sowjetischer Artillerie.
Auf verlorenem Posten kämpften die Soldaten der deutschen 4. Ar­mee, die westlich von Königsberg eingekesselt wurde. Hitler befahl den Truppen, die Stellung um jeden Preis zu halten - das Todesurteil für Tausende Wehrmachtsangehörige.

Auch unter den Sowjets gab es hohe Verluste - "die Deutschen hatten nichts mehr zu verlieren" be­richten Überlebende der heftigen Kämpfe. Als der Kessel von Heili­genbeil von der Roten Armee aufgerieben wurde, war der Sturm auf die alte Residenzstadt nur noch eine Frage von Tagen.

Königsberg wird belagert

Belagert wurde das zur Festung erklärte Königsberg schon seit dem 31. Januar 1945. In der Stadt lebten noch 130.000 Menschen. Gauleiter Koch, der lautstark Durchhalteparolen gepredigt hatte, setzte sich als erster aus dem Kessel ab. In Telegrammen und Funksprüchen hatte er nach Berlin gemeldet, er halte die Stellung. In den Trümmern der his­torischen Metropole spielten sich unterdessen dramatische Szenen ab.

Am 6. April begann ein Inferno. Pausenlos fielen Bomben, schlugen Granaten ein. Verzweifelt war vor allem die Lage der Zivilisten - in Todesangst harrten sie in den Kellern einem ungewissen Schicksal entgegen.

Der Film

Deutsche und russische Zeitzeugen berichten vom Untergang einer Stadt, die fünf Jahre Krieg unbeschadet überstanden hatte. Einer von ihnen ist Michael Wieck, der als Jude in Königsberg erst den Rassen­wahn der Nationalsozialisten erlebte und nun die Willkür der sowjeti­schen Besatzer, die er zunächst als Befreier begrüßte, zu spüren be­kam. In der NS-Zeit hatte er zu leiden, weil er jüdischer Herkunft war, nach dem Krieg musste er sich als "Verlierer" fühlen, weil er als Deut­scher galt. Michael Wieck war damals 16 Jahre alt - auch andere junge Menschen, darunter viele Kinder, gerieten in den Strudel des Kriegsendes. Tausende verloren ihre Eltern und mussten sich allein durchschlagen.

Neu entdecktes Filmmaterial aus russischen Archiven dokumentiert eindrucksvoll den Untergang Königsbergs und den Überlebenskampf der Menschen.

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