"Frauen von Berlin" erinnern sich

Die Wahrheit hinter dem Spielfilm "Anonyma"

April 1945 - wenige Tage nach dem Einmarsch der Roten Armee. Eine junge deutsche Journalistin und Fotografin lässt sich mit einem sowjetischen Offizier ein. Es ist - zunächst - keine Annäherung aus Liebe, nur die nüchterne Kalkulation, mit seinem Schutz vor der Vergewaltigung durch Rotarmisten sicher zu sein. Die Tagebuchaufzeichnungen der jungen Frau stürmten unter dem Titel "Anonyma" mehr als 50 Jahre danach die deutschen Bestsellerlisten. Bis zu ihrem Tod gelang es der Autorin, ihre Identität geheim zu halten.

Rotarmisten 1945 vor dem Berliner Reichstag. Quelle: ap

Die ZDF-Dokumentation aus Guido Knopps Redaktion Zeitgeschichte zeigt das wahre Schicksal der Frauen von Berlin in den ersten Wochen der Besatzung. Dabei wird die Biografie der Autorin ebenso beleuchtet wie die Erlebnisse von Frauen, die nicht das Glück hatten, einen hochrangigen "Beschützer" zu finden.

Kriegsbeute der Roten Armee

Sowjetflagge am Reichstag Quelle: dpa

Sie haben es geahnt, befürchtet, ja gewusst: Wie Millionen Frauen vor ihnen wurden auch sie, Berliner Frauen und Mädchen Kriegsbeute - Kriegsbeute russischer Soldaten. Nur die ganz jungen Mädchen, deren Mütter nicht die Zeit oder den Mut hatten, ihre Töchter darüber aufzuklären, was das bedeutete, ahnten nichts, hatte man ihnen doch auch die Erzählungen der Flüchtlingsfrauen aus dem Osten, die von brutalen Vergewaltigungen berichteten, vorenthalten.


Um den Sowjetsoldaten zu entgehen, versteckten sich nicht nur in Berlin Frauen und Mädchen in Kellern und auf Dachböden, manche begingen vor oder nach Vergewaltigungen Selbstmord, andere entwickelten Überlebensstrategien, suchten sich beispielsweise den "Wolf unter Wölfen", einen möglichst hoch stehenden Offizier, um nicht weiter Freiwild für alle zu sein. Manchmal entwickelten sich daraus Liebesbeziehungen, die allerdings nicht von langer Dauer sein durften, da die Fraternisierung mit dem Feind Angehörigen der Roten Armee bereits im Spätsommer 1945 verboten wurde. Wer ein Verhältnis mit einer Deutschen hatte, wurde in die Sowjetunion versetzt.

Vergewaltigung und "Russenbalg"

Berlin 1945 Quelle: dpa

Mehr als 100.000 Frauen und Mädchen wurden allein in Berlin von April bis September 1945 vergewaltigt. Während des gesamten Vormarsches der Roten Armee sollen es insgesamt ungefähr 2.000.000 gewesen sein. Zehntausende Kinder, für die sich ihre Mütter schämten und die oft als "Russenbalg" beschimpft wurden, sind so entstanden. Die meisten wissen bis heute nicht, wer ihre Väter sind.

Wer die Vergewaltigungen überlebte, hatte mit den Folgen zu kämpfen: Schwindel, Ekel, Brechreiz, Weinkrämpfe und der Zwang sich zu waschen, die Schande abzuwaschen, gehörten zu den harmlosen Folgen. Denn viele Frauen mussten Geschlechtskrankheiten, gynäkologische Operationen, Schwangerschaft und Abtreibungen durchstehen. Manche leiden bis heute, haben nie ein "normales" Verhältnis zu Männern aufbauen können, schrecken immer noch zusammen, wenn sie den Klang russischer Worte hören.

Rache für deutsche Gräueltaten

Rote Armee in Berlin Quelle: dpa

Auf Plakaten und in Aufrufen forderte die sowjetische Propaganda die Rotarmisten auf, Rache und Vergeltung für die Gräueltaten deutscher Soldaten auf dem Gebiet der Sowjetunion zu üben. Doch direkt zu Vergewaltigungen forderte offiziell niemand auf. Die Vergewaltigungswelle, die über die Frauen hereinbrach, traf auch ukrainische, russische und weißrussische Frauen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren. Nicht zu vernachlässigen ist die kriegsstrategische Bedeutung von Vergewaltigungen, denn ihre Botschaft ist eindeutig: "Du, deutscher Soldat, bist unterlegen, denn du bist nicht in der Lage, deine Frauen zu schützen."

Einige wenige Frauen schrieben gleich nach dem Krieg auf, was sie erlebt hatten, doch nur eine Berliner Journalistin wagte es anonym - zuerst 1954 im englischsprachigen Ausland, schließlich 1959 in einem kleinen Schweizer Verlag - ihre Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Da waren sie nicht zeitgemäß und galten als Beschmutzung der Ehre der deutschen Frau. Knapp 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung wurden die Aufzeichnungen der Marta Hiller - so der Name der 2001 verstorbenen Journalistin - unter dem Titel "Eine Frau in Berlin" zum Bestseller.

Betroffene kommen zu Wort

In der ZDF-Dokumentation kommen Frauen zu Wort, die den Einmarsch der Sowjetarmee nach Berlin miterlebten. Es sind Mädchen, die der Vergewaltigung entkamen, weil ihre Mütter sich opferten. Frauen, die vergewaltigt wurden und an Selbstmord dachten. Frauen, die sich Beschützer suchten, um zu überleben. Frauen, die geschwängert wurden und ein "Russenbalg" großzogen. Und es sind Kinder im Großelternalter, die bis heute auf der Suche nach ihren Vätern sind.

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