Hitlers Helfer vor Gericht

Der Prozess gegen die Nazi-Prominenz

Anderthalb Jahre nach Kriegsende blickte die Welt nach Nürnberg, wo die deutschen Kriegsverbrecher vor einem Gericht der Alliierten standen. Juristisch war der Prozess lange umstritten und wurde doch zum Vorbild für internationale Kriegstribunale.

Nürnberger Prozesse Quelle: ,USHMM

Am des Verfahrens wurden zehn Todesurteile gegen die verurteilten NS-Verbrecher vollstreckt. Aus Angst vor Protesten der Bevölkerung ließ das Gericht die Leichen von Hermann Göring, Joachim von Ribbentrop und den anderen heimlich in München verbrennen und die Asche in die Isar streuen.

Umstandslos Erschießen

Wie verurteilt man einen Weltkrieg? Wie bestraft man präzedenzlose Massenverbrechen? Mit diesen und ähnlichen Fragen befassten sich die Alliierten gegen Ende des Krieges. 1943 gingen die Vorstellungen über die Behandlung von Kriegsverbrechern noch weit auseinander. Der britische Premier Churchill stellte sich vor, die NS-Führung umstandslos erschießen zu lasen.


Der sowjetische Diktator Stalin unerstützte diesen Plan zunächst, neigt sich dann jedoch einem publikumswirksamen Schauprozess zu. Eine rechtliche Lösung in Form eines Vier-Mächte-Tribunals favorisierten die amerikanischen Präsidenten Roosevelt und sein Nachfolger Truman. Als auch die neue französische Regierung unter General de Gaulle diesen Plan unterstützte, gaben die Briten ihren Widerstand auf.

Zwölf Todesurteile

Über die Liste der Angeklagten bestand zunächst nicht weniger Uneinigkeit. Am Ende einigte man sich auf 24 Repräsentanten der NS-Führung. Anklage wurde erhoben wegen Führen eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Kritik an der sogenannten "Siegerjustiz" entzündete sich an diesen Straftatbeständen, die erst nachträglich, nämlich 1945 im Statut des Tribunals, als solche definiert worden waren.


Sie waren demnach kaum mit dem rechtsphilosophischen Grundsatz vereinbar, dass eine Tat nur dann bestraft werden darf, wenn sie schon zur Zeit ihrer Begehung strafbar war. Allen Schwächen zum Trotz wurde in Nürnberg das moderne Völkerrecht erfunden. Frieden durch Recht ist eine Formel, die auch dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu Grunde liegt. In Nürnberg standen am Ende zwölf Todesurteile, sieben Freiheitsstrafen und drei Freisprüche.

Die Angeklagten

Die Fragwürdigkeit der juristischen Lage wurde durch die Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen schlichtweg kassiert. Die Angeklagten beschwerten sich allerdings weniger über die problematische juristische Grundlage ihrer Anklage. Ihre Verteidigung war wesentlich schlichter: Keiner der Angeklagten wollte zur Hitler-Diktatur gehört haben, einhellig erklärten sie: "Nicht schuldig".

Göring auf der Anklagebank Quelle: USHMM

Der selbsternannten Anführer der Angeklagten, Hermann Göring, hatte nicht nur unersättlich jüdischen Besitz in ganz Europa "konfiszieren" lassen. Er unterschrieb auch die Ermächtigung an die SS für den millionenfachen Mord. Im Prozess wurde diese Unterschrift zu einem der wichtigsten Beweisstücke für seine Verstrickung in den Holocaust. Wenige Stunden vor seiner Hinrichtung schluckte Göring eine eingeschmuggelte Giftkapsel.

Heß und Bormann

In Nürnberg sorgte der Fall Rudolf Heß für Aufsehen. Hitlers Stellvertreter wurde wegen schwieriger Beweislage lediglich in zwei Anklagepunkten schuldig gesprochen: Verschwörung gegen den Frieden und Planung eines Angriffskriegs. Die zeitgenössischen Beobachter zweifelten an seiner Verhandlungsfähigkeit, Heß selbst behauptete eine Zeit lang, unter Gedächtnisverlust zu leiden. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. 1987 starb er unter zunächst unklaren Umständen. Heute gilt als sicher, dass sich Rudolf Hess mit einem Elektrokabel selbst erhängt hat.


Martin Bormann wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Der Titel "Sekretär des Führers" wurde seiner tatsächlichen Funktion kaum gerecht. Bormann war seit 1943 faktisch Hitlers Stallvertreter, seine Macht speiste sich aus der unmittelbaren Nähe zum Diktator. Er wusste über Massenmord und Vernichtungslager bescheid und half Hitlers Weisungen in konkrete Befehle umzusetzen. Seit Mai 1945 galt er als verschollen. Erst ein Skelettfund und Jahrzehnte später eine Analyse noch vorhandener DNA brachten endgültige Klarheit: Bormann starb 1945 noch in Berlin.

Die Verteidigung der Militärs

Hitlers höchste Militärs beriefen sich in Nürnberg auf den Befehlsnotstand. Sie rechtfertigten die ihnen zur Last gelegte Beteiligung an Kriegsverbrechen mit dem Hinweis auf "Führerbefehle". Namentlich Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) und Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsamtes, wurden für verbrecherische Befehle verantwortlich gemacht, die sie formuliert oder weitergeleitet hatten.


Der Militärgerichtshof in Nürnberg wies ihre Verteidigung zurück - obwohl der Befehlsnotstand im amerikanischen und britischen Militärstrafgesetz bis 1944 anerkannt war. Das richtungsweisende Urteil der Nürnberger Richter, dass Handeln auf Befehl grundsätzlich strafrechtliche Verantwortung nicht ausschließt, hatte nur eine kurze Halbwertzeit: Nach dem Prozess nahmen beide Länder den Befehlsnotstand wieder in ihre Militärgesetzte auf. Keitel und Jodl starben durch den Strang.

Dönitz und Speer

Albert Speer in Nürnberg auf der Anklagebank


Die Verteidigungsstrategie von Großadmiral Karl Dönitz dagegen ging auf. Obwohl in Nürnberg grundsätzlich keine Beweisführung durch Gegenbeschuldigung zugelassen war, gelang es seinem Anwalt, zu beweisen, dass ähnlich lautende Befehle, wie sie U-Boot-Chef Dönitz angelastet wurden, auch von der britischen Admiralität erlassen worden waren. Den Vorwurf des Kriegsverbrechens wegen der Torpedierung englischer Handelsschiffe durch deutsche U-Boote ließ das Urteil fallen. Dönitz wurde zu 10 Jahren Haft verurteilt.


Albert Speer agierte vor Gericht geschickt und eloquent. Wäre damals schon bekannt gewesen, wie sehr Hitlers Architekt und Rüstungsminister in das mörderische Zwangsarbeitssystem verwickelt war, wäre er wohl nicht nur mit einer Haftstrafe abgeurteilt worden. Doch er bekannte sich als Einziger zu seinem Anteil an der politischen Gesamtverantwortung - und verschleierte zugleich seine persönliche Verstrickung.

Schirach und Ribbentrop

Der frühere "Reichsjugendführer" und spätere Gauleiter von Wien, Baldur von Schirach, wurde in Nürnberg wegen seiner Beteiligung an der Deportation von 185.000 Juden aus seinem Gau zu 20 Jahren Haft verurteilt. Bis zum Ende behauptete er, tatsächlich an eine Aussiedlung und nicht an Mord geglaubt zu haben. Die paramilitärische Vorbereitung der Jugend auf die nationalsozialistischen Eroberungskriege wurde ihm in Nürnberg nicht nachgewiesen.


Wie die meisten Angeklagten lehnte auch Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop den Schuldspruch ab. Dabei war er Maßgeblich an den diplomatischen Vorbereitungen für den von Hitler so ersehnten Angriffskrieg beteiligt. Zwar verlor er mit Kriegsbeginn an Einfluss, aber das Auswärtige Amt war über den Holocaust nicht nur informiert, es kollaborierte auch und leistete diplomatische Schützenhilfe für den Völkermord. Ribbentrop wurde am 1. Oktober 1946 zum Tod verurteilt.

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