Töten auf Tschechisch

Die andere Seite der Vertreibung

10. Mai 1945. Zwei Tage nach Kriegsende treiben tschechische Milizen deutsche Bewohner Prags mit brutaler Gewalt aus der Stadt. Es ist der Beginn der Vertreibung fast aller Deutschen aus der Tschechoslowakei.

Im Prager Stadtteil Borislavka filmt der Bauingenieur Jiri Chmelnicek mit seiner 8-Millimeter-Kamera, wie sich der Hass der jahrelang unter Hitlers Terror leidenden Tschechen entlädt. Am Ortsausgang werden deutsche Zivilisten offenbar wahllos erschossen. Der erschreckende Filmfund bildet den Ausgangspunkt der Dokumentation "Töten auf Tschechisch", die nach ihrer Ausstrahlung im tschechischen Fernsehen zur besten Sendezeit eine emotional aufgeladene Debatte ausgelöst hat.

Lidice

Am 27. Mai 1942 setzt ein britisches Flugzeug drei tschechische Soldaten über Prag ab. Es ist ein Himmelfahrtskommando: Die Soldaten schleudern Handgranaten auf Reinhard Heydrich, Hitlers Statthalter in Böhmen und Mähren, der das Attentat nicht überlebt. Im Dorf Lidice werden die männlichen Bewohner ermordet, Frauen und Kinder verschleppt: Ein blutiger Racheakt an Unschuldigen, der die Welt empört.


"Rache für Lidice" lautet ein Schlachtruf, der sich immer lauter gegen die deutsche Besatzungsmacht erhebt. Am 5. Mai 1945 bricht der Aufstand gegen das Besatzungsregime los. Feinde sind jetzt alle Deutschen in der Hauptstad Prag, nach viertägigen Kämpfen handelt die Wehrmacht den Abzug aus. Deutsche Zivilisten, denen die Flucht nicht gelingt, sind dem Ruf nach Rache nun schutzlos preisgegeben.

Wilde Vertreibungen nach Kriegsende


Im Westen der Tschechoslowakei ist die Lage kurz nach Kriegsende noch ruhig. Denn dort kontrolliert die US-Armee, aber Anfang Juni zieht hier die Rote Armee ein. In den Dörfern und Städten, soweit sie von sowjetischen Truppen befreit wurden, herrscht Terror: Es kommt zu Plünderung, Vergewaltigung, Raub und Mord von sowjetischen Soldaten aber auch von tschechischen Formationen. Solche Milizen übernehmen vielerorts das Regiment.


Armbinden stempeln die Deutschen im Lande zu Menschen zweiter Klasse. Wer das Stigma trägt, hat jedes Recht verloren. In einer ersten Welle der wilden Vertreibung werden über 500.000 Sudetendeutsche fortgejagt. Auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 verhandeln die Siegermächte auch über das Schicksal der Sudetendeutschen und stimmen den Vertreibungen zu: So soll das Risiko künftiger Krisen aus dem Land verbannt werden. Fast drei Millionen Sudetendeutsche müssen ihre Heimat nach dem Krieg verlassen.

Die Traumata aus jener Zeit sind von den Opfern nie vergessen worden. Auf der anderen Seite wollte man von eigner Schuld jahrzehntelang nichts wissen. Erst verhinderte der Kalte Krieg ein Aufarbeiten des Geschehenen, dann der menschliche Reflex, Gespenster der Vergangenheit am liebsten ruhen zu lassen. Bis zum Mai 2010, als das Prager Fernsehen den Film "Töten auf Tschechisch" ausstrahlte - zur besten Sendezeit. Er zeigt die Zeit der Willkür und Gewalt aus Sicht befreiter Tschechen. ZDF-History zeigt die Dokumentation von David Vondracek erstmals im deutschen Fernsehen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet