Verschwunden in Stalins Reich

Die Odyssee der Verschleppten

Als der Krieg in Deutschland schon zu Ende war, wurden noch Hunderttausende in Stalins Reich abtransportiert - weil die Willkür der Sowjetjustiz es so wollte, weil sie als Arbeitssklaven für Kriegsschäden büßen sollten oder weil sie als deutsche Waisenkinder in sowjetische Obhut geraten waren.

Verschwunden in Stalins Reich Quelle: ZDF

Keine Kritik an der DDR

Mit neu erschlossenen Dokumenten, Film- und Fotoaufnahmen bietet ZDF-History den Schicksalen der Betroffenen ein Forum.
Nur weil sie gegen die Regierungspolitik der DDR opponierten, wurden ostdeutsche Schüler und Studenten Anfang der 50er Jahre in sibirische Straflager deportiert - oder in eine Moskauer Todeszelle. Siegfried Jenkner, damals Student der Gesellschaftswissenschaften in Leipzig, protestierte gegen die gelenkten Einheitswahlen im Oktober 1950. Der 19-Jährige wurde verhaftet und in ein sowjetisches Geheimgefängnis nach Dresden gebracht. Wegen "antisowjetischer Agitation" wurde er ohne Anhörung und Anwalt zu zweimal 25 Jahren Haft verurteilt.

Der Oberschüler Ernst Friedrich Wirth hatte 1950 in privater Runde das politische System der DDR kritisiert. Nach wochenlanger Isolationshaft verurteilte ihn ein sowjetisches Militärtribunal in Potsdam zum Tode.

Das Moskauer Gefängnis Butyrka Quelle: ZDF

In Moskau hingerichtet

Jenkner und Wirth wurden wie Tausende Verurteilte in Stalins Reich deportiert - in Arbeitslager nach Sibirien, oder ins Moskauer Gefängnis Butyrka, der Endstation für Todeskandidaten. In ihrer Not schickten die Männer in den Todeszellen Gnadengesuche an den obersten Sowjet. Ein 25-Jähriger schrieb: "Ich bin bereit, sofort mein gutes, gesundes Auge für einen erblindeten Soldaten der Sowjetunion zu geben". Doch er fand keine Gnade.


Zwischen 1945 und 1955 verhängten sowjetische Militärtribunale etwa 3000 Todesurteile gegen deutsche Zivilisten. "Davon sind bis zu 2000 Todesurteile tatsächlich vollstreckt worden", sagt der Historiker Andreas Hilger. Ernst Friedrich Wirth hatte Glück: Er wurde begnadigt - seine mitgefangenen Freunde nicht. Heinz Baumbach, Heinz Eisfeld und Helmut Peikert wurden im Keller der Butyrka erschossen.

Workuta Quelle: ZDF

Im Arbeitslager gestorben

Die Begnadigten erwartete in Arbeitslagern wie Workuta, in der Eiswüste Sibiriens, neue Pein. "Unser Alltag war schuften, hungern, schlafen", erinnert sich Siegfried Jenkner. Das Schlimmste für die Gefangenen aber war die Hoffnungslosigkeit. Seit man sie - oft von der Straße weg - verhaftet hatte, hatten ihre Familien nichts mehr von ihnen gehört. Die sowjetischen Behörden verweigerten jede Auskunft. Viele in Workuta Internierte fanden ein elendes Ende im Eis - buchstäblich totgeschwiegen im Osten und vergessen im Westen.

Erst 1955, als Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau die Freilassung der letzten deutschen "Kriegsgefangenen", wie es offiziell hieß, erwirkte, kehrten die Überlebenden heim.

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