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Deutschland pendelt

Der tägliche Stress auf dem Weg zur Arbeit

von Daniel Koschera und Cathrin Leopold

Pendler quälen sich durch Staus, steigen in überfüllte Züge und haben schon vor Arbeitsbeginn Stress: auf der Autobahn, wenn der Zug verspätet ist, wenn sie mal wieder zu spät ins Büro kommen.

Beitragslänge:
30 min
Datum:
Sprachoptionen:
UT
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.04.2020

Pendeln ist für viele Deutsche längst zur Routine geworden: Fast zwei Drittel aller Arbeitnehmer pendeln - insgesamt über 18 Millionen. Und sie nehmen immer größere Strecken auf sich: im Schnitt knapp 17 Kilometer - das ist Rekord.

Seit 30 Jahren pendelt Dieter S. zur Arbeit nach München, pro Strecke rund 65 Kilometer. Er ist Müllwerker und sorgt für Sauberkeit in der Landeshauptstadt. Früher nahm Dieter S. das Auto, aber der permanente Stress hinterm Steuer zwang ihn zum Umdenken. Heute fährt er gut eine Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu seinem Arbeitsplatz und kann zwischendurch abschalten. Dennoch: Dass er pendeln muss, nervt ihn: "Ich finde es ungerecht, dass in München die unteren Lohngruppen zu wenig bezahlbaren Wohnraum haben, weil, es ist ja wichtig, der Müll muss entsorgt werden."

Hohe Mieten in den Großstädten sind ein häufiger Grund für die Pendelei zwischen Wohnort und Arbeitsstelle. Vor allem Menschen mit geringem Verdienst können sich Wohnungen in den Metropolen oft nicht leisten. Dabei sind es gerade diese Arbeitnehmer, die die Großstadt "am Laufen" halten: der Busfahrer, die Krankenschwester oder eben der Müllwerker.

Achim B. aus dem nordfriesischen Klixbüll ist auf den Zug angewiesen. Der 51-Jährige pendelt täglich nach Sylt, wo der Fliesenlegermeister seinen Betrieb hat. Reine Fahrzeit auf die Insel: 35 Minuten. Nur: Die Wartezeit ist nicht planbar. Ständige Verspätungen und Zugausfälle sind an der Tagesordnung. "Die Leute fahren jetzt schon ein bis zwei Stunden früher zur Arbeit, und abends kommen sie ein bis zwei Stunden später nach Hause", so der Handwerksmeister, "das ist ganz normaler Alltag für uns." Er hat deshalb mit Pendlerkollegen eine Facebook-Gruppe gegründet. Darin informieren sich die Pendler gegenseitig über die zahlreichen Verspätungen. "Mein erster Blick in der Früh gilt immer dem Handy", so Achim B. Aber die Arbeit sei nun einmal auf der Insel, deshalb seien viele Menschen aus der Region aufs Pendeln angewiesen.

Auch der Faktor Heimatverbundenheit spielt bei der Entscheidung, ins Umland zu ziehen, eine große Rolle. Die Nähe zur Familie, das Engagement in Vereinen, die Vertrautheit mit der Nachbarschaft. Dafür nehmen Pendler Einschränkungen wie lange Staus, verspätete Bahnen und immerwährenden Zeitdruck in Kauf. Als Pendler gilt, wer eine Strecke von mindestens zehn Kilometern von seinem Wohnsitz bis zu seinem Arbeitsplatz zurückzulegen hat. 70 Prozent der Pendler in Deutschland fahren mit dem Auto zur Arbeit - für sie ist der Stau ihr größter Feind. Laut ADAC bildete sich in Deutschland 2018 jeden Tag eine Staustrecke von insgesamt rund 4200 Kilometern.

Anlagenmechaniker Jörg D. ist bei einem Heizungs- und Elektrobetrieb in Köln angestellt und quält sich täglich zu den Kunden quer durch die Stadt. Durch die ständigen Staus kommt er auch regelmäßig zu spät. Eine Mittagspause hatte Jörg schon lange nicht mehr, er isst seine Stulle auf dem Weg zum nächsten Termin: "Fahrtzeiten sind Pausenzeiten", meint der Handwerker. Sein Chef sieht nicht nur, dass seine Mitarbeiter deutlich gestresster sind als früher, er hat auch einen wirtschaftlichen Schaden durch den Verkehr. Der Geschäftsführer hat ausgerechnet, dass seine 14 Kundendienstmitarbeiter täglich im Schnitt eine Stunde im Stau stehen. "Nimmt man die Vollkosten von 70 Euro pro Mitarbeiter an," rechnet S. vor, "haben wir im Jahr einen Schaden von ungefähr 200 000 Euro."

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