Embryonen nur noch Mittel zum Zweck?

Prof. Jeanne Nicklas-Faust ist gegen Gentests an Embryonen

Im Juli 2006 verhilft ein Berliner Gynäkologe einem Elternpaar durch Gentests an Embryonen zu gesunden Kindern: Mithilfe der Präimplantationsdiagnostik (PID) untersucht er künstlich befruchtete Eizellen auf schwerwiegende Erbkrankheiten. Hinterher zeigt er sich selber an und wird freigesprochen. Das Gerichtsurteil zieht eine rechtliche und ethische Debatte nach sich: Darf der Mensch entscheiden, welches Leben lebenswert ist und welches nicht?


ZDF.online: Wie stehen Sie zur Selektion von Embryonen durch die Präimplantationsdiagnostik?



Professor Dr. Jeanne Nicklas-Faust: Ich lehne eine Unterscheidung von Embryonen nach `lebenswert' und `nicht lebenswert' grundsätzlich ab. Sie führt zu einer Veränderung des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind. Entscheiden sich die Eltern im Falle eines festgestellten Defekts gegen den Embryo, zieht das Kind den Kürzeren. Außerdem verändert sich dadurch unsere Haltung gegenüber Menschen mit Behinderung, da diese nicht mehr als gleichwertiger Teil unserer Gesellschaft akzeptiert werden. Was viele nicht wissen: In 75 Prozent der Fälle lässt sich gar nicht feststellen, ob das Kind am Ende tatsächlich behindert sein wird. Dazu kommt: Das Risiko für das Kind, gerade durch die Präimplantationsdiagnostik Schäden davonzutragen, steigt.


ZDF.online: Was sagen Sie zum Urteil des Bundesgerichtshof von Juli 2010, die Methode verstoße nicht gegen das Gesetz?


Nicklas-Faust: Ich kann einerseits nachvollziehen, dass man diesen Schritt gegangen ist, da die Untersuchung von Samenzellen bei einer künstlichen Befruchtung ja auch erlaubt ist. Öffnet man andererseits aber erstmal die Tür, wird es bald nichts mehr geben, was eine willkürliche Selektion verbietet. ZDF.online: Was könnte der Gesetzgeber denn tun, um solch willkürliches Handeln zu verhindern?



Nicklas-Faust: Ich halte gesetzliche Einschränkungen deshalb für schwierig, weil es dann sozusagen eine Liste gäbe mit Krankheiten, die den Stempel `lebenswert' und `nicht lebenswert´ tragen. Doch wer entscheidet das? Letztendlich ist das Empfinden der Menschen über die Schwere einer Krankheit doch sehr individuell. Es würde im Laufe der Zeit zu einer enormen Ausweitung derjenigen Krankheiten kommen, die man sich nicht für das eigene Kind wünscht.


ZDF.online: Welche Folgen hätte eine uneingeschränkte Freigabe der PID für unsere Gesellschaft?


Jeanne Nicklas-Faust: Wir hätten dann nicht nur eine behindertenfeindliche Gesellschaft, sondern auch ein Weltbild, das menschliches Leben nicht mehr als schützenswert ansieht. Das würde ganz klar zu einer Instrumentalisierung menschlichen Lebens zu Forschungszwecken führen. Im Gegensatz zu einer Spätabtreibung, bei der die Mutter ein Risiko eingeht, wenn sie ein behindertes Kind austrägt, entfällt bei der Vorselektion von Embryonen dieser Konflikt. Da steht kein Leben gegen das andere, sondern man entscheidet von vornherein, welcher Embryo leben darf und welcher nicht - das halte ich ethisch für problematischer.

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