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"Pannenmeiler" Cattenom - Gefahr an der Grenze?

Doku | ZDFinfo Doku - "Pannenmeiler" Cattenom - Gefahr an der Grenze?

Im November 1986 ging das Atomkraftwerk Cattenom ans Netz. Es ist das zweitgrößte Kraftwerk Frankreichs, das siebtgrößte weltweit. Erstmals konnte ein deutsches Kamerateam in den Reaktorbereich des umstrittenen Kraftwerks an der Grenze.

Beitragslänge:
30 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.11.2019, 23:59
Produktionsland und -jahr:
2018
"Pannenmeiler Cattenom - Gefahr an der Grenze?": Mann angelt am Mirgenbachstausee, dem Rückhaltebecken des AKW Cattenom mit Blick auf das AKW.
Der Mirgenbachstausee wurde angelegt, als das AKW Cattenom gebaut wurde.
Quelle: ZDF/Sacha Seibert

Entspannt sitzen vier Angler am Seeufer und holen einen Fisch nach dem anderen aus dem Wasser. Am Ufer gegenüber qualmen die Kühltürme des Atomkraftwerks Cattenom. "Es ist das beste Gewässer der Gegend", sagt Romain Zwick aus Luxemburg, nimmt einen dicken Fisch vom Haken und wirft die Angel wieder aus. "Hier hat das Wasser auch im Winter immer 12 Grad. Der See friert nie zu, das gibt es sonst nirgendwo."

Der Mirgenbachstausee ist das Rückhaltebecken, das das Atomkraftwerk Cattenom kühlt, deshalb ist er so warm. Er wurde angelegt, als das AKW Cattenom gebaut wurde, vor jetzt über 30 Jahren. Seit genauso langer Zeit wird hier gestritten. Um "Den Pannenmeiler", so nennt man das Kraftwerk gleich hinter der Grenze in Deutschland. Cattenom liegt nur wenige Kilometer von der deutschen und der luxemburgischen Grenze entfernt. Mehrmals haben das Saarland, Rheinland-Pfalz und Luxemburg versucht, Frankreich zu verklagen, um eine Abschaltung zu erreichen, ohne Erfolg.

Ziel: 60 Jahre Laufzeit

Im Moment wird im Atomkraftwerk sogar alles dafür getan, damit es noch länger laufen kann. Alle zehn Jahre findet die "große Revision" statt. Dann wird ein Reaktorblock für die Dauer von sechs Monaten vom Netz genommen und komplett durchgecheckt. 18.000 Einzelmaßnahmen werden unternommen, verbrauchte Materialien ausgetauscht. Kosten: 100 Millionen Euro.

Spezialisierte Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter zu den Bauarbeiten in die Region, sie reisen von Meiler zu Meiler um Frankreichs Atompark immer auf dem neuesten Stand zu halten. In Cattenom arbeiten bei normalem Betrieb ständig 1300 feste Mitarbeiter, während der großen Revision steigt ihre Zahl auf über 3000 an. Die ganze Region lebt dann im Rhythmus der Arbeiten am AKW.

"Pannenmeiler Cattenom - Gefahr an der Grenze?": Cattenom im Sonnenuntergang.
Noch rund 30 Jahre soll Cattenom am Netz bleiben.
Quelle: ZDF/Sacha Seibert

Kraftwerkschef Thierry Rosso legt viel Wert auf das Image seiner Anlage, und der Ruf des "Pannenmeilers", den sein Kraftwerk in Deutschland hat, nervt. Schließlich wird die Anlage bei jeder Renovierung auch modernisiert. Das will er uns zeigen, deshalb erlaubt er uns, die Renovierungsarbeiten zu filmen. Die endgültige  Drehgenehmigung zu bekommen, hat Monate gedauert. Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN und das französische Innenministerium haben alle unsere Daten vorher genau überprüft.

Im Atomkraftwerk ist Schutzkleidung Pflicht. Ein weißer, langer Kittel, wadenhohe Überschuhe und weiße Handschuhe. Unsere Mikrofone dürfen nicht mit hinein, an den Schaumstoffteilen könnten sich radioaktive Partikel verfangen, die man später nicht nachweisen kann. Wir alle bekommen besondere Ausweise, mit denen wir durch die zahlreichen Sicherheitssperren kommen. Und ein Dosimeter - ein Messgerät, dass kontinuierlich überprüft, ob wir einer radioaktiven Strahlung ausgesetzt sind.

Sicherheit am Abklingbecken

Erste Station: Das Abklingbecken. Hier lagern die abgebrannten Brennelemente, werden heruntergekühlt um Monate später in die Wiederaufbereitungsanlage von La Hague gebracht zu werden. Die Sicherheit der Abklingbecken war von mehreren Studien in Frage gestellt worden, sie seien nicht ausreichend vor Erdbeben und Angriffen geschützt – Thierry Rosso beruhigt: „Die Wände sichern das Becken gleich mehrfach ab“ erklärt er, und was Angriffe von außen betrifft, da ist die französische Luftabwehr mit ihren Mirage-Fliegern, die nicht nur den Elysée-Palast absichert, sondern auch die Atomanlagen.

Dann zeigt er uns den Reaktor, noch nie konnte ein Kamerateam hier filmen, das geht nur, weil er gerade stillsteht. Der Blick in den Druckbehälter ist schwindelerregend. Ganz unten arbeiten auf allen Vieren Männer in Vollschutzkleidung , Körper und Gesicht in einer weißen Schutzmontur - wie Astronauten auf einem fremden Stern. Wegen der Strahlenbelastung dürfen sie nicht länger als 30 Minuten an ihrem Arbeitsplatz verbringen. Ein Mitarbeiter mit einem Computer misst kontinuierlich die Strahlenwerte. Die Konzentration ist spürbar.

Auch wir werden nach den Dreharbeiten durchgemessen – Erleichterung: Wir sind nicht kontaminiert.

Nach Fukushima mehr Sicherheit

Draußen zeigt Thierry Rosso uns die neuen Maßnahmen, die sie nach Fukushima ergriffen haben, um gegen Erdbeben und Unwetter besser geschützt zu sein. "Wir haben jetzt neue Notstromdiesel gebaut, mit denen das Kraftwerk drei Tage völlig autonom laufen kann. Das Kraftwerk ist heute viel robuster als 1986 als es ans Netz ging“, sagt er.

Trotzdem bleiben Sicherheitsbedenken in der Bevölkerung. Im Oktober 2017 gelangte Greenpeace auf das Kraftwerksgelände und zündete von dort ein mehrminütiges Feuerwerk. Bilder, die um die Welt gingen, die aber, so Thierry Rosso, nur die halbe Wahrheit zeigen.

"Wir hatten die Aktivisten schon sehr früh bemerkt. Sofort waren schwer bewaffnete Soldaten an allen strategischen Punkten im Inneren des Kraftwerks platziert. Wir wussten, dass es Aktivisten waren. Denn hätten die Soldaten auch nur den geringsten Zweifel gehabt, hätten sie reagiert. Sie kennen die MIlitärsprache, sie ist sehr radikal: Sie eliminieren, sie löschen aus! Das ist ihr Job."

Statistisch gesehen kein Pannenmeiler

Trotzdem haben diese Bilder auch in Deutschland die Angst vor Zwischenfällen in Cattenom weiter befeuert. Dabei ist Cattenom rein statistisch gesehen eigentlich gar kein Pannemeiler. Das Kraftwerk liegt im Durchschnitt aller französischen Atomanlagen.

Die Überwachung sogenannter "Ereignisse" ist streng geregelt. Das französische Transparenzgesetz sieht vor, dass alle wahrnehmbaren Ereignisse im Umfeld des Atomkraftwerkes öffentlich gemacht werden müssen. Deshalb meldet Cattenom auch kleinste Vorfälle, die in Deutschland nicht meldepflichtig wären. Zum Beispiel banale Stromausfälle, Feuerwehreinsätze in der Nachbarschaft - sogar Kopfschmerzen eines Mitarbeiters werden erwähnt.

Das Problem der Materialermüdung

"Pannenmeiler Cattenom - Gefahr an der Grenze?": Das Atomkraftwerk Cattenom und das Dorf Cattenom aus der Luft aufgenommen.
Das AKW Cattenom ist für die Menschen im Dreiländereck immer wieder Thema.
Quelle: ZDF/Sacha Seibert

900 solcher Meldungen gab es, seit das Kraftwerk 1986 ans Netz ging. Einen schweren Störfall gab es noch nicht - davon spricht man erst, wenn Radioaktivität austritt, und das ist hier noch nie passiert. "Cattenom ist nicht das Kraftwerk, um das man sich die meisten Sorgen machen muss. Die Meiler in Belgien oder in Osteuropa sind viel gefährlicher", sagt der deutsche Stahlenschutzexperte Thomas Seilner. „Aber allein aus Gründen der Materialermüdung ist eine Laufzeit, die 40 Jahre übersteigt, nicht sinnvoll.“

Thierry Rosso aber will, dass sein Kraftwerk 60 Jahre am Netz bleibt. Schließlich hat er gerade aufwendig renoviert. Und so bleibt an der Grenze die Angst. Im saarländischen Perl hat Sabine Janke ihr Schreibwarengeschäft. Die Kunden kommen aus Deutschland, Luxemburg und Frankreich, Cattenom ist immer wieder Thema: "Wenn der jetzt wirklich hochgeht - was ist denn dann? Sind wir dann alle tot? Die Kunden fragen sich das alle, und wenn es Krebsfälle gibt, geben sie Cattenom die Schuld."

Zwischen Sabine Janke und den Gemüsefeldern der französischen Gärtnerin Katja Kempf liegen nur ein paar Kilometer – aber auch die Landesgrenze nach Frankreich. Die Felder liegen direkt vor der Atomanlage. Jeden Morgen schaut Katia Kempf zuerst auf die Kühltürme des Atomkraftwerks - besser als der Wetterbericht. "Wenn die Wolken Richtung Deutschland ziehen, wird das Wetter schlecht. Ziehen sie Richtung Thionville, wird es schön."

Entscheidung über weitere zehn Jahre

In den nächsten Monaten wird die französische Atomaufsichtsbehörde ASN entscheiden, ob Cattenom weitere zehn Jahre am Netz bleiben kann – die Zustimmung gilt als sicher. Das Kraftwerk an der Grenze wird Deutschland und Frankreich also weiter spalten.

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