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30 Jahre Deutsche Einheit: Die große Ost-Bilanz

Gewinner und Verlierer der Einheit

Die Chinesen bauen ein Batteriewerk für E-Autos in Thüringen. Start-ups gehen nach Berlin, aber auch nach Sachsen-Anhalt. Plötzlich scheint der Osten als Standort attraktiver als der Westen.

43 min
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08.10.2020
08.10.2020
UT
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Video verfügbar bis 07.10.2021

Nur eine Momentaufnahme? Oder die Kehrtwende? Im Jahr 30 nach der Einheit zeigen die Zahlen noch immer deutliche Unterschiede zwischen West und Ost in Deutschland. So haben nur acht Prozent der Top-500-Unternehmen ihren Sitz im Osten. Dennoch: Es bewegt sich was.

Arnstadt bei Erfurt: Für die Kleinstadt in Thüringen wird sich in den nächsten Jahren einiges ändern. Der Grund: Der chinesische Konzern CATL baut hier ein Werk für die Produktion von Batterien für E-Autos. Geschätzte 1,8 Milliarden Euro will CATL investieren. Nach eigenen Angaben 1800 Arbeitsplätze schaffen. Was bedeutet das Projekt für die Region – und für die Menschen? Die Euphorie ist groß, aber es gibt auch Zweifler. Die größten Sorgen: Wird das Wasser knapp, steigen die Strompreise, wird Wohnraum teurer?

Die Unternehmen müssen Anreize schaffen

Nur rund 100 Kilometer weiter ragt ein Turm über das thüringische Land. Der "Bauerfeind Tower" steht für "Innovation in der Medizintechnik". Den Hersteller von orthopädischen Bandagen, Einlagen und Orthesen gibt es seit 1929. Während der DDR-Zeit zog es die Firma in den Westen, doch Hans Bauerfeind brachte das Unternehmen 1991 wieder zurück an seinen Ursprungsort Zeulenroda. 2100 Angestellte arbeiten hier. Laut Unternehmen ein Traumjob, Bauerfeind schafft bewusst Anreize, um junge Leute zu halten, die vielleicht sonst in Ballungsräume wie Leipzig und Berlin ziehen würden.

In Wernigerode in Sachsen-Anhalt steigt ein Speeddating-Event mit Riesenrad. Hier werden Last-Minute-Ausbildungsplätze vergeben – von Unternehmen aus der Region. Organisiert von Katy Löwe und ihrem Team. Sie leitet eine Agentur, die PR für die ganze Harz-Region macht. "Die hier ansässigen Unternehmen sind eben oft verlängerte Werkbänke, keine Endkundenunternehmen, und das hat sich auch auf die Löhne ausgewirkt. Wir haben immer noch viele Pendler, die nach Niedersachsen fahren. Bei vielen ist immer noch in den Köpfen: Da verdient man nichts. Da müssen wir sagen: Guckt euch noch mal um, gebt den Unternehmen eine Chance, da hat sich einiges verändert." Bei dem Event bekommen Schüler die Möglichkeit, sich bei Unternehmen im Riesenrad vorzustellen. So wie Justin Mattusch – der 23-Jährige will seine Chance nutzen, um in einem Handwerksberuf noch einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

Die meisten Führungskräfte sind Westdeutsche

In einer der Gondeln sitzt auch ein Mitarbeiter von Krebs & Aulich, einem Hersteller für Elektromotoren. Ein innovatives Unternehmen, das jedoch trotzdem eher unter dem Radar surft. Geschäftsführer Martin Sobczyk ist im Osten geboren – und damit in der Minderheit: Ein Großteil der Führungskräfte in den neuen Bundesländern sind immer noch Westdeutsche.

"Die ostdeutsche Elite wächst jetzt erst heran", prognostiziert Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH). Durch die Wiedervereinigung seien viele ostdeutsche Lebensläufe unterbrochen worden. Der Volkswirt hält es aber für falsch, jetzt eine Ostdeutschen-Quote bei Führungspositionen einzuführen. "Ich hoffe, dass wir zunehmend weniger über Ostdeutsche und Westdeutsche reden. Wir sollten uns als Deutsche oder Europäer fühlen." So sieht das auch Robin Pietsch, Sternekoch und Unternehmer. Er ist Jahrgang 1988 und damit nur etwas älter als die deutsche Einheit. Für ihn ist klar: Das Denken über Ost und West ist veraltet und nervt. Seine Generation nehme Unterschiede nicht mehr wahr.

Start-ups ziehen in den Osten

Jenny Müller hat viele Ideen. Aber dass die gebürtige Münchnerin ihr Start-up-Unternehmen nach Sachsen-Anhalt bringen würde, darauf wäre sie wohl nicht gekommen. Am Ende ging aber alles ganz schnell: Für ihr Start-up "DIE FRISCHEMANUFAKTUR" hat Jenny einen Prozess entwickelt, um Obst länger haltbar zu machen. Und mit ihrem Obst-infused "LIEBLINGSWASSER" ist sie bei den Investoren auf offene Ohren gestoßen. Das beste Angebot kam aber mit einer Bedingung: dass sie nach Sachsen-Anhalt ziehen muss. "Da dachte ich erst mal: auf keinen Fall" – doch dann ging sie damit nach Halle/Saale. Und sagt heute: Es sei das Beste, was ihr passieren konnte! "In München hätte ich die Leute, die ich brauche, weder gefunden noch bezahlen können."

Die Dokumentation "Die große Ost-Bilanz" zeigt die wirtschaftlichen Entwicklungen seit der Einheit. So hat das Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West zwar stark abgenommen. Dennoch ist etwa das Medianeinkommen im Osten noch immer etwa 700 Euro niedriger als im Westen.

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