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Die Tricks der Gesundheitsbranche

Doku | ZDFzeit - Die Tricks der Gesundheitsbranche

Erkältung, Schmerzen oder kleine Blessuren: Gegen vieles gibt es frei verkäufliche Hilfsmittel. Doch wie wirken sie? Und worauf sollte man beim Kauf in der Apotheke oder Drogerie achten?

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 08.11.2018, 09:00
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2017

Nachgefragt bei Ärztin und Apotheker

Die Gesundheitsbranche macht Jahresumsätze in Milliardenhöhe. Eine wichtige Rolle spielen dabei frei verkäufliche Produkte im Angebot von Apotheke und Drogeriemarkt. ZDFzeit untersucht, wie Hersteller ihre Waren entwickeln und an den Mann oder die Frau bringen.

Wie oft heißt es in der Fernsehwerbung: „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“? ZDFzeit nimmt die Aufforderung beim Wort. In der Dokumentation über "Die Tricks der Gesundheitsbranche" gewähren die resolute Ärztin Sandra Niggemann und der streitbare Apotheker Gregor Huesmann Einblicke in die Welt der Arzneimittel. Wie funktionieren Wärmepflaster? Wie lässt sich mit dem guten Image der Apotheke oder dem Kultstatus einer Traditionsmarke ordentlich Profit machen? Wie wird aus einem apothekenpflichtigen Medikament plötzlich ein frei verkäufliches Drogerieprodukt, und das ganz legal? Welche Produkte beheben einen Mangel, den wir überhaupt nicht haben – und verkaufen sich trotzdem? Gut, dass sich unsere Ärztin und unser Apotheker mit dem menschlichen Körper, aber auch mit Chemie, Physik und mit der Gesetzgebung auskennen.

Die drei Bereiche einer Apotheke

Wie warm werden Wärmepflaster?

Ein Beispiel für clevere Tricks aus Chemie und Biologie sind Wärmepflaster: Weil eine Wärmflasche unterwegs oder im Büro doch etwas unpraktisch wäre, sind dünne Pflaster, die unauffällig und zuverlässig denselben Effekt erzielen, sehr beliebt. Auf der einen Seite sorgt eine chemische Reaktion für Wärme: Eisen-Kohle-Pulver. Wenn Eisen an der Luft rostet, chemisch: oxidiert, wird dabei fast unmerklich auch ein wenig Wärme freigesetzt. Vergrößert man die Eisen-Oberfläche, in dem man es zu Pulver zermahlt, und mischt es dann auch noch mit Aktivkohle-Pulver, dann läuft die Oxidation so blitzschnell ab, dass die entstehende Hitze nicht nur spürbar, sondern auch medizinisch nutzbar wird. Der clevere Trick im Wärmepflaster besteht also zum einen in der Pulvermischung und zum anderen in der Verpackung bzw. dem Pflaster-Material. Denn erst beim Aufreißen und Aufkleben kommt Luft an das Eisen-Kohle-Gemisch. Und auch nur so viel Luft wie nötig, um eine vernünftige Temperatur über viele Stunden zu halten.

Die zweite Variante von Wärmepflastern basiert auf einem biologisch-medizinischen Trick. Diese Pflaster werden überhaupt nicht warm, sondern erzeugen durch Chili-Extrakt nur die Illusion von Hitze auf der Haut. Der in Chilischoten, aber auch in Paprika oder Peperoni enthaltene Stoff Capsaicin hat eine verblüffende Wirkung: Er regt die gleichen Rezeptoren in den Nervenzellen der Haut an, die auch bei Hitze und Schmerz aktiv sind. Deshalb fühlt sich Chili nicht nur als Zutat im Essen brennend heiß an, sondern auch als Wirkstoff in Salben oder Pflastern. Auf diesen „simulierten“ Hitze- und Schmerzreiz reagiert der Körper an der betreffenden Stelle mit stärkerer Hautdurchblutung und längerfristig mit verringerter Schmerzempfindlichkeit. Hochdosiert wird Capsaicin deshalb auch bei bestimmten Nervenschmerz-Leiden eingesetzt. Im handelsüblichen Wärmepflaster ist die Dosis aber geringer, und eventuell sorgt hier sogar vor allem die Illusion von Wärme für den gewünschten Effekt bei Verspannungen.

Beispiel Erkältungs-Tees: Wussten Sie, dass es für viele Kräutertees oder ähnliche Lebensmittel mit Heilwirkung sogenannte Standardzulassungen gibt, die jeder benutzen darf, um ein neues Gesundheits-Produkt auf den Markt zu bringen? Die althergebrachte Mischung aus Kräutern, die gegen Schnupfen, Fieber und typische Erkältungsschmerzen hilft, ist so ein Beispiel. Unter der Zulassungsnummer 1979.95.99 registriert, wird das gleiche Rezept von unterschiedlichen Herstellern vermarktet – zu sehr unterschiedlichen Preisen. ZDFzeit macht das Experiment: Wie viel sind Kunden in der Apotheke bereit, für solch einen Tee zu bezahlen? Das Ergebnis verblüfft: Das Bild eines Heiligen auf der Verpackung - und schon wird aus einem simplen, aber wirksamen 1-Euro-Erkältungstee aus dem Supermarkt ein Apotheker-Tee zum stolzen Preis von über 5 Euro. Wenn es um unsere Gesundheit geht, sind wir oft bereit, für gute Versprechen viel zu viel zu zahlen.

Die Rezepte aus dem Film

Arzneimittel oder Medizinprodukt?

Die Gesundheitsbranche kennt noch ganz andere Tricks. An konkreten Beispielen zeigt die Dokumentation, wie altbekannte Medikamente mit neuem Namen noch einmal auf dem Markt kommen. Das einzige Ziel: sie durch ein neues Zulassungsverfahren von der Apothekenpflicht zu befreien. Denn sobald Präparate frei verkäuflich sind, steigen die Umsätze signifikant. Man muss keinen Apotheker mehr fragen und sich Vorträge anhören, sondern darf ungeniert zugreifen.

Möglich macht diese Verwandlung vom Arzneimittel zum Drogerieartikel das sogenannte Medizinprodukte-Gesetz. Das gilt eigentlich für Produkte, die keine Arzneimittel sind, aber im medizinischen Bereich eingesetzt werden, wie z.B. Fieberthermometer, Verbandsmaterial, Gehhilfen, Rollstühle, aber auch Kontrastmittel oder Hüft- und Brust-Implantate. All diese „Medizinprodukte“ haben gemeinsam, dass sie nicht direkt in den biochemischen Stoffwechsel der menschlichen Zellen und Organe eingreifen. Sie dürfen also keine pharmakologische Wirkung haben. Findigen Pharma-Unternehmen ist es mittlerweile gelungen, z.B. für ihre neuen Mittel gegen Blähungen oder Sodbrennen nachzuweisen, dass diese eigentlich nur physikalisch oder chemisch wirken und somit als „Medizinprodukte“ durchgehen.

Und damit entfällt nicht nur das extrem aufwändige und teure Zulassungsverfahren für Arzneimittel, sondern auch die Apothekenpflicht. Als Sicherheitsnachweis reicht das TÜV-Siegel, das kaum etwas kostet. Obwohl die vermeintlich neuen Produkte eigentlich nur einen neuen Namen tragen und genau das Gleiche enthalten wie das Vorgänger-Medikament, dürfen sie nun frei verkauft werden – und das zum günstigeren Preis. Doch ist es in Ordnung, wenn nun niemand mehr auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen des Präparates hinweist?

Gut und nützlich - oder teuer und gefährlich? Die unabhängigen ZDFzeit-Experten bewerten und erklären alltägliche Medizinprodukte. Eine Dokumentation mit echtem Nutzwert - denn gesund bleiben will schließlich jeder.

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